Unterensingen
Was Bürgermeister Sieghart Friz aus Unterensingen im Ruhestand plant
Friz ist mit 32 Jahren im Amt einer der dienstältesten Bürgermeister im Landkreis Esslingen. Im Gespräch mit der Nürtinger Zeitung berichtet er, worauf er stolz ist, was er heute anders machen würde, und wie er seine Zeit ohne das Amt verbringen wird.
UNTERENSINGEN. Nach 32 Jahren im Amt ist der letzte Arbeitstag des Unterensinger Bürgermeisters Sieghart Friz am Samstag, 28. Februar. Am Freitag, 27. Februar, 18 Uhr, wird er feierlich im Udeon verabschiedet. Ab 1. März ist sein Nachfolger Robin Schmitt am Zug. Wie blickt Friz auf seine lange Amtszeit zurück und was hat er nun vor?
1994 waren Sie der Junge, Altbürgermeister Walter Straub war noch recht präsent am Ort. Wie haben Sie diese Zeit erlebt und was nehmen Sie daraus für Ihren eigenen Ruhestand mit?
Unabhängig von den Gegebenheiten damals und davon, wie man das interpretiert, ist für mich entscheidend, wie ich damit umgehe. Ab dem 1. März um 0 Uhr ist Robin Schmitt im Amt, bringt seine Vorstellungen und Ideen ein. Ich bin froh, dass für mich ein neuer Lebensabschnitt beginnt, ich tue mich leicht damit und freue mich darauf. Wenn mich dann jemand auf ein Problem anspricht, verweise ich auf meinen Nachfolger, den Gemeinderat oder die Verwaltung. Ich habe immer versucht, mir den Sonntag freizuhalten, schon aus christlichen Gründen. Das ging nicht immer, ich hatte eine Sechs- bis Sieben-Tage-Woche. Es war ein Leben auf der Überholspur, das ich meiner Familie und besonders meiner Frau Susanne zugemutet habe. Aber ich habe meinen Beruf mit viel Herzblut ausgeübt.
Was ist bei der Ausübung des Berufes entscheidend?
Für mich sind es die drei V: Vertrauen, Verantwortung und Vorhaben. Vertrauen bekommt man von den Menschen, und ich habe es in vier Wahlen deutlich erhalten. Daraus erwächst Verantwortung. Das Amt ist Würde und Bürde. Verantwortung habe ich als Ältester von drei Geschwistern früh gelernt. Bereits in der Ausbildung war mir klar, dass ich Bürgermeister werden möchte. Damit wären wir bei den Vorhaben. Für mich war immer die Infrastruktur der Schwerpunkt. Dabei standen Gemeinderat und Bevölkerung meistens hinter mir, es ist eine Gesamtleistung, zu der ich meinen Teil beigetragen habe.
Was bedeutet Ihnen das Amt?
Der Beruf war immer Berufung, auch wenn nicht jeder Tag gleich war. Es ist ein faszinierender Beruf, der die ganze Bandbreite des Lebens von der Wiege bis zur Bahre abdeckt. Kindergarten, Schule, Familien, die Seniorenarbeit und am Ende den Friedhof. Ob etwas gut läuft oder schlecht läuft, es landet alles beim Bürgermeister. Das macht den Beruf sehr vielseitig und fordernd. Ich bin dankbar, dass ich die gesundheitliche Konstitution hatte, das alles zu machen. In den 32 Jahren habe ich etwa 400 Gemeinderatssitzungen geleitet und kaum einmal gefehlt. Mir war immer wichtig, präsent und ansprechbar zu sein, für Bürger oder Mitarbeiter, so habe ich mein Amt verstanden.
Wie wird Ihr Alltag ohne Amt künftig aussehen?
Ich fühle mich wie ein Flieger kurz vor der Landung, aber ich habe noch zu viel Tempo drauf. Ich hätte nicht gedacht, dass es in den letzten Tagen noch so vieles gibt, was ansteht. Ich freue mich einfach auf ein Leben, das nicht vom Terminkalender fremdbestimmt ist und auf Sachen, die zu kurz gekommen sind: Hobbys, Freunde und Familie. Ich werde dann ein ganz normaler Bürger sein, das gehört sich schon aus Respekt vor meinem Nachfolger. Wir werden im Sommer mit Freunden eine Reise in das Baltikum unternehmen, um Land und Leute kennenzulernen. Ich bin ja jetzt flexibler, da werden wir sicher darüber hinaus öfters spontan einiges unternehmen. Meine Frau und ich wandern gerne und schauen uns Städte, sowohl in der näheren als auch in der weiteren Umgebung, an.
Welche Ämter werden Sie behalten? Das Kreistagsmandat?
Ich bin ja Fraktionsvorsitzender der CDU im Kreistag, die Legislaturperiode geht noch bis 2029, und das möchte ich bis dahin weitermachen. Das Amt hat für die Gemeinde einige Vorteile gebracht, wenn man die Leute persönlich kennt und kurze Wege nehmen kann. Allerdings, und das ist die andere Seite, habe ich in meiner eh knapp bemessenen Freizeit auch viel Arbeit in dieses Ehrenamt gesteckt. Alle weiteren Ämter, die mit meiner Funktion als Bürgermeister verbunden waren, wie den Vorsitz des Bürgernetzwerkes oder die Arbeit in der Sozialstation Wendlingen gebe ich selbstverständlich ab.
Planen Sie, sich anderswo zu engagieren oder ein Ehrenamt anzunehmen?
Es ist derzeit nichts geplant, aber ich kann es nicht für alle Zeit sagen. Körperlich und geistig fühle ich mich noch absolut fit, ich wollte immer gehen, solange ich noch voll handlungsfähig bin. Eins meiner Ziele ist, mehr Zeit für Sport zu haben. Jetzt möchte ich erst mal ankommen im normalen Leben. Auf dem Dorffest wird man mich sicher noch ab und zu finden, ich werde genießen, als normaler Bürger dabei zu sein.
In den vergangenen Monaten hat man Sie mit einer vorher nicht gekannten Leichtigkeit erlebt. Fällt eine Last von Ihnen ab?
Ja, das sagen manche. Wenn man seine Verantwortung ernst nimmt, dann gilt es, Entscheidungen zu treffen, und zwar richtige und zeitnah. Bei schwierigen Sachen habe ich schon ein, zwei Nächte darüber geschlafen, aber es gibt Dinge, die lässt man nicht so einfach an der Garderobe. Natürlich bekommen die Menschen mit, wenn man angespannt ist. Und ich habe meinen Beruf sehr ernst genommen und war immer unter Strom. Jetzt wird alles lockerer, die Gemeinde ist gut aufgestellt, da kann ich entspannen.
Was werden Sie als Erstes tun, wenn Sie nicht mehr Bürgermeister sind? Lange Urlaub machen? Endlich Zeit haben für vernachlässigte Hobbys und die Familie?
Zuerst werde ich mich daheim um alles kümmern, was zu Hause verschoben wurde. Es bleibt vieles liegen, wenn der Tag um 7.45 Uhr im Rathaus beginnt, ganz zu schweigen von den vielen Abend- und Wochenendterminen. Der Vorteil daran, dass ich im Ort wohne, ist, dass ich wenigstens zum Mittagessen bei der Familie sein konnte. Jetzt kann ich mich um meine Hobbys kümmern: Wandern, Sport, Schach und natürlich den VfB. Ich habe eine Dauerkarte und bin Mitglied, bisher ging der Beruf vor. Außerdem interessiere ich mich für Geschichte und erkunde gerne Städte.
Worauf in Ihrer Amtszeit sind Sie besonders stolz?
Alles, was geschafft wurde, ging nur zusammen mit Gemeinderat und Bevölkerung. Stolz bin ich darauf, dass wir seit den 1980er-Jahren im Landessanierungsprogramm sind. Die 600.000 Euro, die wir vor einigen Tagen für unsere Ortsmitte bekommen haben, sind ein schönes Abschiedsgeschenk. Die stetige Förderung ist ein großer Vertrauensbeweis. Wir haben immer schnell Bauvorhaben umgesetzt, das kam der Wirtschaft zugute. Das Rathaus war schon Ende der 90er-Jahre in der Diskussion, ich wollte es immer in der historischen Ortsmitte haben, jedoch wurde das Vorhaben immer wieder verschoben, die neuen Kindergärten waren wichtiger. Jetzt fehlen nur noch die Außenanlagen. Die historische Ortsmitte macht mich stolz. Das neue Rathaus würde heute doppelt so viel kosten.
Worauf sind Sie gar nicht stolz oder bereuen es?
Das Friedhofsgebäude. Wir mussten das alte abbrechen, dort steht heute das neue Rathaus. Eine Aussegnungshalle haben wir nie gebraucht, alle können die Michaelskirche nutzen. Doch die Bestattungskultur hat sich gewandelt, es gibt kaum noch Erdbestattungen, deshalb braucht man keine drei Plätze mehr zur Aufbahrung. Gerade sieht das Gebäude auch nicht so aus, wie man es sich vorgestellt hat. Das würde man heute nicht mehr so bauen. Meine größte Enttäuschung betrifft die Ärzteversorgung. Im Frühjahr 2024 waren wir mit einem Team aus drei Ärzten schon relativ weit fortgeschritten in den Verhandlungen. Wir hatten schon ein Grundstück und beinahe ein Baugesuch für ein Ärztehaus. Dann haben sie mir aus schwerwiegenden privaten Gründen abgesagt. Das war bitter. Jetzt hoffen wir, dass es in einem zweiten Anlauf klappt.
Wie gestaltet sich die Amtsübergabe? Wie oft ist Robin Schmitt da, um sich von Ihnen alles in der Gemeinde zeigen zu lassen?
Als am 7. Dezember klar war, dass Robin Schmitt gewählt ist, habe ich ihm direkt angeboten, dass er mich alles fragen kann. Er hat seine vorige Stelle abgewickelt und war nun zweimal einen halben Tag lang da, um sich alles von mir zeigen zu lassen. Ich gebe ihm mit, dass mir immer ein gutes Verhältnis zum Gemeinderat wichtig war. Gute Entscheidungen kann man nur erwarten, wenn die Gemeinderäte gut informiert sind. Jetzt möchte ich die Infrastruktur genießen, die ich geschaffen habe.