Landkreis Esslingen
Tag der offenen Tür an den DITF Denkendorf
Textilien können mehr als nur Kleidung. Besucher des Forschungszentrums konnten am Sonntag einen Einblick in die Anwendungsgebiete moderner Fasern erhalten.
DENKENDORF. Interessiert, aber gleichzeitig auch skeptisch wird die Scanner-Kammer von den Besuchern in Augenschein genommen. Eine mutige Besucherin lässt sich von Alexander Mirosnicenko, wissenschaftlicher Mitarbeiter an den DITF, überreden, die Kammer zu betreten. Ihr Körper wird bis auf das kleinste Detail erfasst und ein digitaler Zwilling entsteht. Diese Technik erlaubt es Unternehmen, ihren Kundenstamm besser zu verstehen und sich ein Bild von den genauen Körperformen zu machen. Zeitgleich entsteht auch für den Kunden ein Vorteil, weil Kleidungsstücke passgenau hergestellt werden können.
„Wenn sie mit dem Hemd zufrieden sind, tragen sie es öfter. Dann werden die acht Kilogramm Kohlenstoffdioxid, die für die Herstellung eines Hemdes freigesetzt werden, auf beispielsweise 100 statt einen Tragezyklus verteilt“, erläutert Mirosnicenko den positiven Umweltaspekt von passgenauer Kleidung gegenüber Billigprodukten. Neben dem Körperscanner, wie man ihn bei den DITF testen konnte, kann die eigene Körperform auch mittels eines Fragenkataloges oder verschiedener Apps festgestellt werden.
Grundlagenforschung und Anwendungsbeispiele
Besucher konnten die verschiedenen Forschungsgebiete und -Projekte der DITF, Deutsche Institute für Textil- und Faserforschung, auf vier Rundgängen durch die Gebäude entdecken. Jeder Rundgang ging dabei einer anderen Thematik nach. An diversen Stationen, ausgearbeitet und betreut von den zuständigen Mitarbeitern des Instituts, konnten Informationen erfragt werden. Die Forschenden dienten als direkter Ansprechpartner für die Gäste der Veranstaltung und konnten ihr Wissen aus erster Hand weitergeben.
Neben klassischen Anwendungsbereichen wie der Bekleidung wurden auch eher unbekannte Aspekte aufgezeigt. Sowohl in der Medizin, als auch bei der Mobilität und der Architektur spielen Textilien und Fasern eine wichtige Rolle. Heutzutage sind 3-D-Drucker in der Lage, Medizinprodukte zu drucken. Die besonders hitzebeständigen Keramikfasern finden ihre Anwendung hauptsächlich in der Luft- und Raumfahrttechnik. Und selbst hinter den vertikalen Grünflächen in modischen Wohnzimmern stecken Textilien. Im Fachgebiet der Bionik werden Anregungen aus der Natur in die Technik umgesetzt. Dabei entstehen ganz neue Entwicklungen, wie etwa die Selbstbewässerung für Zimmerpflanzen mittels Kapillarkräften.
Aber nicht nur die Anwendung wird an den DITF erforscht. Auch die Optimierung der Produktion einzelner Fasern ist ein wichtiges Forschungsgebiet. Für den Tag der offenen Tür hatten die Forschenden unter anderem die Ring- und Luftspinnmaschinen bestückt. So konnten Besucher beobachten, wie die Maschinen unter lautem Brummen lose Fasern zu einem dünnen Faden spinnen. Für Forschungszwecke genügen kleine Maschinen. In der Industrie hingegen sind die Exemplare deutlich größer und können bis zu 2500 Spindeln gleichzeitig wickeln.
Kreative Köpfe sind in der Lage, nicht nur Kunststoffe und Baumwolle zu Fasern zu verarbeiten. Auch andere organische und anorganische Stoffe sind geeignet. Darunter fallen unter anderem Ananas- und Bananenfasern, aber auch Carbon-, Aramid- und Glasfasern.
Buntes Rahmenprogramm für Groß und Klein
Selbst für die Kleinen war viel geboten. An einer Kinderstation konnten unter anderem Lavalampen gebastelt werden. Bei der Kids-Rallye konnten die Kinder Fragen zu den einzelnen Stationen der Rundgänge beantworten und sogar einen kleinen Preis erhalten. Außerdem waren viele Stationen interaktiv ausgelegt und boten Gelegenheit für kleine Experimente. „Wir sind wegen der Kinder hier“, sagt eine junge Mutter aus Denkendorf, die ihre ganze Familie mitgebracht hat. „Wissenschaft für Kinder einfach erklärt und anschaulich gemacht ist immer etwas Besonderes. Aber auch für uns Erwachsene gibt es hier viel Interessantes zu lernen.“
Auch Lisa Kuske, Chemisch-technische Assistentin und Verantwortliche für die Kinderstation, sagt über die Veranstaltung: „Wir haben so viel wie möglich praktisch dargestellt. Wenn man etwas sieht und ausprobieren kann, ist es noch mal etwas ganz anderes, als nur theoretische Erklärungen.“
Neben Angehörigen von Mitarbeitern und Familien aus dem Umkreis waren auch Interessierte von weiter weg angereist, um sich zu informieren und Kontakte zu knüpfen. Chelsea Jean Lamm, Modedesignerin aus München, hat den langen Weg auf sich genommen, um nachhaltige Lösungsansätze für ihre Designs zu entdecken und in Austausch mit Forschenden zu kommen.
Forscher stellen ihre Arbeit vor
In einem abgedunkelten Raum konnten die Besucher verschiedenen Vorträgen beiwohnen und nochmals einen tieferen Einblick in die Forschungsprojekte und deren Ausgang erhalten. „Frisch auf den Tisch: Shrimps und Algen“ lautete der Titel der Präsentation von Jamal Sarsour, Leiter der Umwelttechnik im Kompetenzzentrum Textilchemie, Umwelt & Energie. Sein Projekt hatte zum Ziel, die Indoor-Aquakulturen einer Shrimps-Farm mit Habitaten aus Textilien auszustatten, an denen Algen gezüchtet werden können.
Nachdem die Forscher zwei passende Algenarten isoliert hatten, mussten die passenden Textilien ausgewählt werden. Dabei galt es verschiedene Anforderungen zu erfüllen: Oberflächenrauigkeit und Stabilität auch im salzigen Wasser. Im dritten Teil des Projektes wurde die Anhaftung der Algen an verschiedenen Stoffen getestet, bevor ein Prototyp entwickelt werden konnte. Durch die Textil-Habitate könne eine Futtereinsparung von zehn Prozent erreicht werden, ohne gravierende Unterschiede bei Gewicht und Größe der Garnelen festzustellen, so Sarsour. Bei der Auswertung des Feldversuches sah die Farbe der Shrimps, die sich unter anderem von den Algen ernähren konnten, deutlich gesünder und ansprechender aus.
Der große Aufwand zeigt Erfolg
Der letzte Tag der offenen Tür der DITF fand vor neun Jahren statt. „Solche Veranstaltungen sind mit einem enormen Aufwand verbunden, weshalb wir nur alle paar Jahre unsere Türen für die Allgemeinheit öffnen können“, erklärt Sabine Keller, verantwortlich für Marketing und Kommunikation an den DITF. Bereits ein Jahr im Voraus wurden erste Vorbereitungen getroffen und ein Organisationsteam, bestehend aus 20 engagierten Mitarbeitern, zusammengestellt. Wichtige Fragen, die die Parksituation und die Sicherheit der Gäste betrafen, mussten geplant und Genehmigungen eingeholt werden.
Ab Mitte Juni wurden dann die Verantwortlichen der einzelnen Stationen aktiv und bereiteten das Infomaterial und die Stände vor. Am Sonntag waren insgesamt 160 Mitarbeiter vor Ort, die sich um die Stationen, die Sicherheit, Vorträge und die Besucherleitung kümmerten. Über den Tag haben etwa 2000 Besucher ihren Weg zum Forschungszentrum in Denkendorf gefunden und dort das bunte Programm in Augenschein genommen.
„Wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis“, lautet Sabine Kellers Resümee. „Wir haben bereits viel positives Feedback bekommen, das Wetter ist toll und die Atmosphäre ist super.“
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