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„Sag mal, hör mal“ in Beuren: Wo der Landwirtschaft der Schuh drückt

Die Gesprächsreihe „Sag mal, hör mal“ drehte sich in der vierten Ausgabe um die Herausforderungen, denen sich Landwirte in der Region stellen müssen.

Der Einladung in den Haldenhof der Familie Schnerring sind zahlreiche Personen gefolgt. Angeregt diskutierten sie über bürokratische Hürden und wieso sie den Erhalt von Kulturlandschaft kritisch sehen. Foto: Nicole Mohn

BEUREN. In den großen Ställen auf dem Haldenhof malmen die Kühe zufrieden ihr Futter. Das Tagwerk auf dem Hof ist für heute geschafft – zum Großteil zumindest. Jetzt im November bricht ohnehin für viele Landwirte eine etwas ruhige Zeit an. Ein guter Zeitpunkt, um am Mittwochabend mit einigen Vertretern beim Gesprächsformat „Sag mal, hör mal“ über die Sorgen und Herausforderungen zu reden, die dieser Beruf mit sich bringt.

Gut gefüllt ist die Stube des Haldenhofes, die Schauplatz der vierten Auflage des Gesprächsformats ist. Vor allem Landwirte aus dem Altkreis Nürtingen sind der Einladung gefolgt, die die Volkshochschule Nürtingen und Nürtinger Zeitung ins Leben gerufen haben. „Ich bin gespannt, was für Themen herauskommen“, meint Hausherr Martin Schnerring, einer der wenigen verbliebenen Vollerwerbslandwirte im Altkreis Nürtingen.

Von diesen Erfahrungen berichten hiesige Landwirte

Gesprächsbedarf herrscht, das ist von Beginn des Abends zu spüren. „Das Thema Landwirtschaft hatten wir tatsächlich sehr früh auf dem Schirm“, sagt Redaktionsleiter Kai Müller, der wie gewohnt mit Rainer Nübel, Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement, den Abend moderiert. Nicht zuletzt rückten die Proteste der Landwirte vergangenen Winter noch einmal die angespannte Lage der Betriebe vor Augen. Mangelnde Wertschätzung der Verbraucher, eine immer größer werdende Flut von Bürokratieaufgaben und Verordnungen beklagen die Landwirte seit Langem. Auch die Zeiten, in denen der Bauer zu den reichen Bürgern im Ort zählte, gehören längst der Geschichte an: Vor allem kleinere Betriebe kommen kaum über die Runden – und das bei rund 300 Arbeitsstunden im Monat.

„Wie sind Ihre Erfahrungen?“, will Nübel deshalb von den Anwesenden wissen. Die Antworten folgen Schlag auf Schlag. Auf wenig Gegenliebe stößt unter anderem die Praxis, auf Ackerflächen und Wiesen Photovoltaikanlagen zu errichten. Dass derzeit auf 25 Hektar der sogenannten Goldäcker bei Oberboihingen ein solches Projekt geplant ist, sorgt in der Runde für Kopfschütteln. „Photovoltaik gehört aufs Dach, nicht auf den Acker“, meint Solarteur Heinz Wetzel dazu.

Kritisch sehen die Bauern das Thema Streuobstwiesen. Ob die Kulturlandschaft in der derzeitigen Bestandsgröße überhaupt erhalten bleiben kann? Für die Redner dieses Abends ist es mehr als fraglich. Die Landwirte beklagen den schlechten Pflegezustand vieler Stücke. Der Mistelbefall ist im Altkreis deshalb inzwischen ein großes Problem. Vielerorts machen sich die Besitzer nicht einmal mehr die Mühe, das Obst zu ernten, geschweige denn aufzusammeln, so der Tenor. „Das Obst ist nichts mehr wert“, beklagt Werner Schnerring.

Landwirte wissen um Bedeutung von Streuobstwiesen

Sehr wohl wüssten die Landwirte um die ökologische Bedeutung der Streuobstwiesen. Die Pflege aber ist aufwendig. Vieles müsse per Hand gemacht werden, die eng besetzten Wiesen seien für die großen, modernen Geräte ungeeignet. Das Heu, das auf den Streuobststücken gemacht wird, sei für die Fütterung oft ungeeignet. Die Fördermittel, die in den Erhalt der Kulturlandschaft gepumpt werden, kommen nur zum Bruchteil bei jenen an, die die Bäume pflegen, meinen viele Landwirte. Viele alte Bestände mit sogenannten Halbstämmen fallen gleich ganz aus der Förderung. Für die meisten hier ist die Bewirtschaftung der Wiesen ein Minusgeschäft. Kopfschütteln lässt die Fachleute auch, dass im Zuge von Ausgleichsmaßnahmen vielerorts im Altkreis neue Obstbäume gepflanzt würden, die im Nachhinein wenig bis keine Pflege erführen oder an ungeeigneten Standorten gesetzt würden.

Das Moderatoren-Duo Rainer Nübel (links) und Kai Müller sprach mit Landwirten aus dem Altkreis über Lage und Herausforderungen der Landwirtschaft. Foto: Nicole Mohn

Mit Sorge beobachten die Landwirte das voranschreitende Höfesterben im Land. Die Mehrheit der Betriebe wird im Nebenerwerb geführt. Einen Nachfolger zu finden, gestaltet sich oft schwierig. Michael Gescheidle aus Nürtingen hat seinen Hof außerfamiliär übernommen und ist damit ein absoluter Ausnahmefall. „Oftmals läuft den Leuten die Zeit davon“, beobachtet er. Ein zweiter Knackpunkt: das Kapital. Denn Fuhrpark und Gebäude wollen abgelöst werden, da kommen schnell ein paar Hunderttausende zusammen.

Bürokratie stelle zunehmend höhere Hürden dar

Die Bürokratie legt zusätzliche Hürden in den Weg: „Früher war die Umschreibung kostenlos, wenn ich ein Grundstück neben meinem erworben habe“, meint Schnerring. Kauft er heute Land dazu, kostet ihn allein der Notar 300 Euro. Auch die Realteilung stellt den Landwirt immer wieder vor Herausforderungen: „Ich habe rund 1.600 Flurstücke, das kleinste ist 24 Quadratmeter groß. Ich bin in über 50 Grundbüchern vertreten“, erläutert er die Dimensionen.

Verwaltung und „der ganze Hickhack“, wie es Schnerring nennt – sprich die Vielzahl von Verordnungen –, mache den Landwirten das Leben schwer. Über manches, was am grünen Tisch beschlossen wurde, können die Bauern in der Runde nur den Kopf schütteln. Beispiel EU-Verordnung: Die verbietet es, ein Wirbeltier an den Füßen zu transportieren. Für Hühnerzüchter sei das absolut unpraktikabel, heißt es in der Runde. Ähnlich sehe es bei der Aufzuchtspflicht für die sogenannten Bruderhähne aus: Wenn das Geflügel jenseits der Grenze sei, interessiere sich niemand mehr dafür, was aus den Hähnen werde.

Im Label-Dickicht blickten Verbraucher nicht mehr durch

Auch die Vielzahl an Labeln und Siegeln bewerten die Bauern eher kritisch: „Für den Verbraucher ist vieles gar nicht nachvollziehbar“, so die Kritik. Bei einem verarbeiteten Produkt wie Marmelade muss das Herkunftsland des Obstes beispielsweise nicht angegeben werden. Ob da gerade Himbeeren aus China auf den Brötchen landen, sei also nicht nachvollziehbar für den Verbraucher.

Sowohl für Kai Müller als auch Rainer Nübel brachte der Abend viel Neues. „Das war der spannendste Abend bisher“, staunt der Medienspezialist über die Themenvielfalt und Informationen. Auch Sandra Schneider von der Volkshochschule nimmt vieles mit: „In Sache Verbraucherbildung haben wir noch einiges zu tun“, sieht einige Ansätze für ein Kursangebot.

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