Neckartailfingen
Kommentar zum Shitstorm: Dürfen uns Debatten nicht kaputt machen lassen
Wann haben wir verlernt, in der Sache zu diskutieren, ohne persönlich zu werden und abzulenken?, fragt sich unsere Redakteurin Barbara Gosson.
NECKARTAILFINGEN. Die Martinskirche in Neckartailfingen schlägt alle Viertelstunde, rund um die Uhr. Darüber kann man geteilter Meinung sein und in der Sache heftig streiten. In der Sache, nicht mit persönlichen Angriffen und nicht mit Argumenten, die die Diskussion auf ein anderes Gleis lenken.
Genau das ist im Internet passiert, nachdem der Beitrag des SWR erschienen ist. Leute, die den Glockenschlag gar nicht hören, sind der Auffassung, sie müssten sich darüber äußern, und zetteln eine Kampagne an. Auf einmal geht es nicht mehr um die Nachtruhe einer Handvoll Leute, sondern um das christliche Abendland, zu dessen Verteidigung fast jedes Mittel recht ist, auch die anonyme Beschimpfung.
Wann haben wir eigentlich verlernt, so zu streiten, dass am Ende nicht nur Verlierer übrigbleiben? Wann haben wir verlernt, einfach mal nichts zu sagen, wenn wir nichts zu sagen haben? Das hätte der Debatte in Neckartailfingen und nicht nur der sehr gut getan.
Eine sachlichere Debatte nur unter den Beteiligten hätte vielleicht zu einer Lösung geführt, mit der alle leben können. Durch den Shitstorm wurde die ganze Diskussion vergiftet und blockiert. Wer hat etwas davon? Es gibt Leute, die sich in negativer Aufmerksamkeit suhlen. Jeder Diskussion würde es guttun, diesen Leuten ihr Lebenselixier zu nehmen und ihnen keine Beachtung zu schenken. Wenn es möglich ist.
Was reitet die Leute, bei Fremden anzurufen und ihnen ungefragt und in ehrverletzender Weise eine Meinung aufzudrängen? Am Shitstorm haben die, auf die er niedergeht, genauso wenig Schuld, wie Wohnungsinhaber an einem Einbruch. Schuld sind die Einbrecher, respektive jene, die virtuell mit Dreck schmeißen.
Wie kann man die „Einbrecher“ aus der Debatte fernhalten? Der beste „Einbruchsschutz“ für eine Diskussion ist, sie persönlich und auf Augenhöhe zu führen, und zwar immer so, wie es – passend zur Kirche – im Matthäus-Evangelium steht: „Behandle andere Menschen so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.“
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