Nürtingen
Für Marcel Musolf ist das Amt des Esslinger Landrats eine Herzensangelegenheit
Der 39-Jährige ist seit 1. Oktober an der Spitze des Kreises. Im Interview zieht er eine erste Bilanz.
Ende Juli hat sich Marcel Musolf deutlich gegen seinen Mitbewerber Peter Rosenberger bei der Wahl zum neuen Landrat durchgesetzt. Der frühere Bürgermeister von Bissingen hat damit die Nachfolge von Landrat Heinz Eininger angetreten. Mittlerweile ist er seit einigen Wochen im Amt. Zeit für eine erste Bilanz.
Seit Oktober sind Sie nun Landrat: Was hat sich für Sie verändert?
Mein Arbeitsalltag hat sich deutlich gewandelt. Es beginnt schon morgens. Mein Weg zur Arbeit ist deutlich länger geworden. Als Bürgermeister in Bissingen konnte ich zu Fuß zum Rathaus gehen, jetzt fahre ich täglich 30 Kilometer – und die Verkehrslage ist ja bekannt. Das Aufgabenspektrum ist deutlich größer und der Termintakt höher. Und ich verantworte viel mehr Mitarbeitende, mit denen ich mich gemeinsam für unseren Landkreis einsetze. Landrat in diesem Landkreis zu sein, ist eine Herzensangelegenheit für mich. Ich freue mich darauf, große Aufgaben zum Wohl der Menschen im Landkreis mitgestalten zu können.
Was hat Sie überrascht?
Überrascht worden bin ich nicht. Viele Themen sind mir aus meiner Zeit als Kreistagsmitglied bekannt. Daneben bleibt eine Verwaltung eine Verwaltung, da ist es zunächst nicht so wichtig, ob diese nun kleiner oder größer ist. In meinem Studium habe ich das Verwaltungsgeschäft von der Pike auf gelernt. Und in meiner knapp 14 Jahre währenden Amtszeit als Bürgermeister habe ich Erfahrungen sowohl als Verwaltungschef als auch Vorsitzender des Gemeinderats gesammelt. Diesen Erfahrungsschatz kann ich gut auf die Themen der Kreisverwaltung adaptieren. Daher bin ich trotz aller Herausforderungen gut in dieses Amt gestartet. Dabei gehe ich dieses Amt mit dem nötigen Respekt und Gestaltungswillen an.
Sind Sie in der Kreisverwaltung gut aufgenommen worden?
Aber natürlich! Im persönlichen Austausch mit den Mitarbeitenden erlebe ich eine große Offenheit und Freude auf die Zusammenarbeit. Ich habe auch den Eindruck gewonnen, dass die Mitarbeitenden den Herausforderungen, die sich uns gemeinsam stellen, mit großem Verantwortungsbewusstsein entgegentreten und mit viel persönlichem Engagement meistern.
Wie häufig telefonieren Sie denn mit Ihrem Vorgänger im Amt?
Ich habe einen guten Kontakt zu meinem Vorgänger. Wir reden aber nicht über das Tagesgeschäft. Ich bin Heinz Eininger sehr dankbar, dass er mich vor meinem Amtsantritt bei wichtigen Themen mit an den Tisch geholt hat, zum Beispiel bei der Aufstellung des Haushalts. Die Amtsübergabe war insgesamt sehr gut von ihm vorbereitet. Laufen muss aber jeder alleine.
Die Krankenhausreform ist nun beschlossene Sache. Wie groß sind da die Sorgenfalten des Medius-Klinik-Aufsichtsratsvorsitzenden Musolf?
Die Medius-Kliniken sind durch eine sehr frühe Strukturreform der vergangenen Jahre inzwischen sehr gut aufgestellt. Wir sind eines der wenigen Krankenhäuser in Baden-Württemberg, die bisher noch Überschüsse erwirtschaften konnten. Nicht umsonst spricht der Sozialminister Manne Lucha von einer „Benchmark“, die wir mit unseren Kreiskliniken gesetzt haben. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass selbst wir in diesem Geschäftsjahr nur noch auf eine rote oder schwarze „Null“ hoffen können. Das liegt daran, dass die Kliniken im Land seit Jahren strukturell unterfinanziert sind. Daneben wird uns genauso wie alle anderen Klinikträger die jüngst beschlossene Krankenhausreform und die anstehenden landesgesetzlichen Veränderungen intensiv beschäftigen.
Haben Sie Hoffnung, dass die Unterfinanzierung der Krankenhäuser schnell behoben wird?
Zunächst müssen wir einmal hinschauen, warum die Kliniken nur noch defizitär arbeiten können. Den Krankenhäusern fehlen die Mittel, für die der Bund und die Bundesländer aufkommen müssen. Der Bund ist für die Finanzierung der Betriebskosten zuständig. Durch Inflation und Tarifsteigerungen sind die Leistungen nicht mehr auskömmlich finanziert. Die Lücke wächst. So kann keine Struktur dauerhaft überleben. Zudem sind die Länder für die Investitionskosten zuständig, also für Baumaßnahmen oder die Anschaffung teurer Geräte. Dieser Verpflichtung kommt das Land trotz aller Bemühungen seit vielen Jahren nicht zu 100 Prozent nach, sodass auch hier eine Lücke klafft, die gestemmt werden muss. Hoffnung kann meiner Ansicht nach erst nach der Bundestagswahl bestehen, mit einer neuen Regierung und dem politischen Mehrheitswillen, Krankenhäuser zur Sicherung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung auskömmlich zu finanzieren. Und das heißt zunächst einmal, den Finanzierungsverpflichtungen nachzukommen, sodass die Kliniken aus eigener Kraft wieder schwarze Zahlen schreiben können.
Ihre Initiative zur Gewinnung von Hausärzten wird von den Kreisräten begrüßt. Was hat der Landkreis da vor?
Momentan haben wir im Landkreis Esslingen in der hausärztlichen Versorgung noch keinen unterversorgten Bereich. Aus einer Abfrage unter Hausärzten wissen wir aber, dass etwa 40 Prozent der teilnehmenden Ärzte 60 Jahre oder älter sind und sich die Suche nach einer Praxisnachfolge schwierig gestaltet. Speziell im Mittelbereich Nürtingen müssen wir hier ein Augenmerk darauf richten, weil es hier im Vergleich zu anderen Mittelbereichen nochmals deutlich mehr Hausärzte über 60 gibt. Wir haben drei Projekte entwickelt, von denen wir uns auch zukünftig einen Beitrag zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung versprechen: Bereits seit Februar dieses Jahres berät das Gesundheitsamt die Kommunen im Landkreis zu Themen wie Förderprogramme und aktuelle gesetzliche Entwicklungen für die Gewinnung oder Sicherstellung von Hausarztpraxen am Ort. Dadurch können wir zwar infrastrukturelle Voraussetzungen schaffen, aber es fehlen uns schlicht „die Köpfe“. Dort setzen unsere beiden weiteren Maßnahmen an. Der Sozialausschuss hat Ende November unser Stipendiaten-Programm für Medizinstudierende beschlossen. Und Anfang Dezember haben wir unter anderem mit allen Kliniken im Landkreis und niedergelassenen Ärzten einen Kooperationsvertrag für den Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin unterzeichnet. So schaffen wir attraktive Rahmenbedingungen für Hausärzte im Landkreis.
Welche Gruppe haben Sie genau im Blick?
Mit dem Stipendium können jährlich bis zu sechs Medizinstudierende mit 500 Euro monatlich gefördert werden. Einzige Bedingung ist es, dass die approbierten Mediziner dann ihre 60 Monate dauernde Weiterbildung bei uns im Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin absolvieren. Anders als bei Stipendien anderer Landkreise müssen die Studierenden keine Verpflichtung zur Niederlassung als Hausarzt bei uns im Landkreis eingehen. Umfragen haben aber ergeben, dass es dabei zu sogenannten Klebeeffekten kommt: Bis zu 70 Prozent der Mediziner lassen sich im Anschluss an die Weiterbildung in einem Umkreis von fünf Kilometern nieder, bis zu 80 Prozent im Umkreis von 25 Kilometern. Wir gehen also davon aus, dass wir mit dem Stipendiatenprogramm und dem Weiterbildungsverbund einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der hausärztlichen Versorgung im Kreis leisten können. Übrigens ist dies ein gemeinsam entwickeltes Projekt in unserem Landkreis, das insbesondere von der Kreisärzteschaft als wirksames Instrument für die Zukunft angesehen wird. Daran wird ganz deutlich: Es wird nur gemeinsam gehen, und weitere interessierte Praxen sind jederzeit willkommen.
Noch ein Wort zu Ihrem früheren Arbeitsplatz: In Bissingen muss jetzt noch einmal gewählt werden. Leiden Sie da aus alter Verbundenheit nicht etwas mit?
Ich leide nicht, das wäre der falsche Begriff. Aber ich verfolge die Wahl um meine Nachfolge leidenschaftlich. Die Wahlberechtigten in Bissingen haben ihren Wählerwillen auf bemerkenswerte Art zum Ausdruck gebracht, indem sie einem Kandidaten die erforderliche Mehrheit verschafften, der sich nicht zur Wahl gestellt hatte. Nun muss sich bei einer neuerlichen Bürgermeisterwahl zeigen, wem die Bissinger Wähler das Amt zutrauen. Ich bin zuversichtlich, dass die Wahlberechtigten sehr verantwortungsvoll mit ihrer Stimme umgehen werden – und natürlich bin ich sehr gespannt darauf, wer meine Nachfolge antreten wird.
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