Region
„Forstmeister Sturm“ leistete ganze Arbeit
Heute vor 25 Jahren wütete der Orkan „Wiebke“ im Ländle – Im Aichtal wurde Bilanz gezogen – Forst-Minister Alexander Bonde informierte sich
Es war eine Ur-Gewalt: Heute vor 25 Jahren wurden in Baden-Württemberg binnen Stunden doppelt so viele Bäume entwurzelt wie sonst pro Jahr geschlagen werden. „Der pure Horror“, dachte so mancher angesichts des Orkans „Wiebke“ und seiner Folgen. Doch mit der Zeit zeigte sich: Für den Wald hatte das auch positive Wirkung. Zum Beispiel im Schönbuch.
AICHTAL. Über die Situation ein Vierteljahrhundert nach diesem Ereignis informierte sich gestern Alexander Bonde, der Forst-Minister des Ländles, bei einem Vor-Ort-Termin auf Markung Aichtal. Kreis-Forstamts-Leiter Anton Watzek und der zuständige Revierförster Martin Auracher schilderten dabei im eher unwirtlichen Schneeregen detailliert die Situation damals und heute – und was sich dazwischen so alles getan hatte.
„1990 war für den Forst ein dramatisches Jahr“, war sich auch Bonde gewiss: Das Bild des Waldes habe sich dramatisch verändert – und in der Folge auch die Forstwirtschaft an sich. Denn von zehn Bäumen, die darniedergelegen seien, seien acht Fichten gewesen.
Von zehn vom Sturm gefällten Bäumen waren acht Fichten
Die Konsequenz: Man habe verstärkt auf Mischwälder und stabilere Baumarten gesetzt. Wenn man heute durch die Wälder streife, dann sehe man ihnen im Grunde gar nicht an, was vor 25 Jahren passiert sei – sofern man nicht ein absoluter Experte sei.
25 000 Hektar hätten im Ländle quasi über Nacht komplett neu bepflanzt werden müssen. Da könne er es gleich gar nicht verstehen, dass das Bundes-Kartellamt die Zerschlagung der baden-württembergischen Forstverwaltung betreibe. Dem seien zum einen die gemeinsame Holzvermarktung und zum anderen die Revierstrukturen ein Dorn im Auge. Da kann der zuständige Minister nur den Kopf schütteln: „Wiebke“ habe schließlich gezeigt, dass schnelle Reaktionsmöglichkeiten unverzichtbar seien.
Wie die aussahen, erläuterte Anton Watzek am Betzenberg bei Neuenhaus. Dort wuchsen dereinst auch riesige Fichtenbestände. Allerdings nicht, weil die Förster von einst keine Ahnung gehabt hätten – sondern weil es dort (wie auch anderswo) nicht zuletzt durch „illegale Holznutzung“ fast einen Kahlschlag gegeben habe. Daher sei es im 19. Jahrhundert in erster Linie eben um eine schnelle Aufforstung gegangen – und dazu eigne sich nun mal die Fichte besonders gut.
Deren Wurzeln seien indes nur flach im Erdreich verankert. Und da der Winter 1989/90 der wärmste gewesen sei, seit man überhaupt eine Wetterstatistik führe, und es im Februar extreme Niederschläge gegeben habe, sei der Boden total aufgeweicht gewesen – auch dadurch habe der Orkan, der mit Tempo 160 von Frankreich her übers Ländle gefegt sei, leichtes Spiel gehabt. – Vor allem bei den Fichten, die in der Erde keinen Halt mehr gefunden hätten: „Die alten Kiefern haben dem Sturm getrotzt“, zeigte Watzek auf einige Baum-Veteranen. Auch ein paar Weißtannen erwiesen sich als durchaus standhaft und genießen offensichtlich ihr Dasein als „Oldies“ am Betzenberg.
Was sich heute wie eine Anekdote anhört, war vor 25 Jahren indes alles andere als spaßig: „Der damalige Revierförster Eberhard Klein musste sich erst den Weg frei schneiden lassen, um nackgucken zu können, was überhaupt los war“, erzählt Watzek. Und zwar „von Hand“. Also nur mit der Motorsäge. Da das Sturmholz unter enormer Spannung gestanden sei, habe es sich da um eine hochgefährliche Arbeit gehandelt, die hauptsächlich Waldarbeiter erledigt hätten: „Die großen Vollernte-Maschinen von heute hat es damals noch nicht gegeben.“
Als die vom Orkan gefällten Bäume abtransportiert worden waren, arbeitete die Natur mit den Förstern Hand in Hand. Man sah bei den Forstleuten gestern regelrecht leuchtende Augen, als sie von der „Naturverjüngung“ berichteten, die hier buchstäblich Raum griff: 15 neue Baumarten hätten sich auf der einstigen Fichten-Kultur von selbst angesiedelt.
„Forstmeister Sturm“ habe quasi ganze Arbeit geleistet: Ökonomisch sei „Wiebke“ zwar eine Katastrophe und arbeitstechnisch eine enorme Herausforderung gewesen – aber ökologisch sei im Grunde alles völlig problemlos abgelaufen.
Auf den vom Sturm betroffenen Flächen sei das Leben sogar förmlich explodiert: „Licht und Wärme liebende Pflanzen und Tiere haben sich zuhauf angesiedelt.“ Klein habe etwa Arten wie den Neuntöter, der damals auf der Roten Liste der bedrohten Arten gestanden sei, gesichtet. Insofern sei „Wiebke“ im Grunde sogar ein „Motor für naturnahe Waldentwicklung“ gewesen.
Und dafür gesorgt, dass sich die Zahl der Laubbäume in den Wäldern im Kreis seither um 28 Prozent erhöht habe. Drei Viertel der Wald-Flächen zwischen Alb und Fildern seien mittlerweile von ihnen bedeckt. Letztlich sei die Katastrophe auch ein Lehrmeister gewesen: „Wir haben gelernt, wie wichtig stabile Einzelbäume sind – sie sorgen für stabile Bestände.“
So positiv die Folgen der Katastrophe dargestellt wurde, so deutlich wurde beim Pressetermin gestern aber auch dies: Die Förster sind nicht unbedingt erpicht darauf, dass „Wiebke“ oder ihre Namens-Basen und -Vettern jedes Jahr „vorbeischauen“.