Neckartenzlingen
DRK und Feuerwehr in Neckartenzlingen machen Schüler fit für den Notfall
Sechstklässler bekamen bei einem Katastrophenschutztag in mehreren Bausteinen das Rüstzeug, um sich selbst zu helfen oder Hilfe zu holen. Wie insgesamt 200 Kinder aus Werkrealschule, Realschule und Gymnasium geschult wurden.
NECKARTENZLINGEN. „Dreimal habe ich in den letzten Wochen eine Warnung bekommen“, sagt Lara Kostenbader und präsentiert ihren Mitschülern eine lila eingefärbte Deutschlandkarte auf dem Display ihres Handys. Dazu dröhnen an- und abschwellende Töne, die an das Heulen einer Sirene bei Feueralarm erinnern. „Ich habe den Warnton mittelstark eingestellt“, erklärt die Zwölfjährige. Zusammen mit Hannes und Julian Weber – wie sie Mitglied der Jugendfeuerwehr – sitzt Lara im Feuerwehrmagazin einer ganzen Reihe von Sechstklässlern gegenüber. „Notruf“ lautet der Titel der ersten von insgesamt acht Stationen, die die Jungen und Mädchen an diesem Morgen am und im Feuerwehrmagazin Neckartenzlingen durchlaufen.
Simuliert wird Panik vor einer Evakuierung
Rund 100 Schüler des Neckartenzlinger Gymnasiums werden im Rahmen des Katastrophenschutztags fit gemacht für den Notfall. 14 Tage vorher waren genauso viele Schüler aus der örtlichen Werkrealschule und der Realschule da. Auch sie durchliefen die von Feuerwehrkräften oder Mitgliedern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) betreuten Stationen, so die Leiterin der Jugendfeuerwehr, Daniela Lohrmann, in deren Händen die Aufsicht liegt. Höhepunkt sei die Fettexplosion am Ende gewesen.
Plötzlich wird es neben dem Feuerwehrauto laut. Schüler rennen durcheinander, wirken kopflos und teilweise hysterisch. In dieser Gruppe, die von Marla Trojan geleitet wird, geht es um das Thema Evakuierung. Die Elftklässlerin ist Mitglied der DRK-Bereitschaft und Schulsanitäterin. „Die Schüler haben Kärtchen mit Anweisungen bekommen“, sagt die Biologielehrerin Annette Jarosch, die den Tag vonseiten des Gymnasiums organisiert hat. Alle hätten verschiedene Rollen. Der eine solle sich unterm Tisch verstecken, der andere seinen Rucksack holen. „Es soll zeigen, wie wichtig es ist, dass eine Evakuierung koordiniert abläuft“, so Annette Jarosch.
Vorbereitung im Geografieunterricht
Wie verhalte ich mich bei einem Notfall? Wann wähle ich welchen Notruf? Was kann ich selbst tun, bis Hilfe eintrifft? Mit solchen Fragen haben sich die Sechstklässler des Neckartenzlinger Gymnasiums bei dem Aktionstag Bevölkerungsschutz beschäftigt. „Ziel des seit 2024 jährlich stattfindenden Tages ist es, Wissen über Naturkatastrophen, den Umgang mit Notfällen und richtiges Verhalten in Gefahrensituationen zu vermitteln“, so Annette Jarosch. An ihrer Schule bestehe der Tag aus verschiedenen Bausteinen: Im Geografieunterricht hatten sich die Sechstklässler vergangene Woche mit Wetterextremen, Naturkatastrophen und Schutzmaßnahmen beschäftigt. Zum Angebot gehörte auch ein von den Schulsanitätern geleiteter Erste-Hilfe-Workshop. Was sie dort gelernt hatten, können die Schüler am Katastrophenschutztag an einer der vier DRK-Stationen vertiefen. „Brich ihm nicht den Arm“, sagt eine Rotkreuzlerin zu einem der Sechstklässler, der versucht, einen Mitschüler in die stabile Seitenlage zu bringen. Anschließend demonstriert sie, dass sich die Drehung mit dem richtigen Kniff mit lediglich zwei Fingern pro Hand ohne große Probleme bewerkstelligen lässt. Auch bekommen die Kinder gezeigt, wie im Handumdrehen aus einem Dreieckstuch ein Ring wird, mit dessen Hilfe zwei Leute einen Verletzten tragen können.
Ausreichend Medikamente im Haus
Kein Strom? Kein Wasser? Wie für solche Fälle vorgesorgt werden kann, damit man für mindestens zehn Tage ohne fremde Hilfe zurechtkommt, wird den Schüler ebenfalls gesagt. Sie lernen, dass notwendige Medikamente im Haus sein sollten und es auch schlau wäre, eine batteriebetriebene Taschenlampe und ein Radio zu besitzen. An einer anderen Station, die von den beiden Jugendrotkreuzlerinnen Celina Tizza und Malin Ohl geleitet wird, sollen sie sich Gedanken zu etwaigem Notgepäck machen. Auf 15, später sogar auf nur zehn Dinge, die sie auf ein imaginäres Rettungsboot mitnehmen würden, müssen sich die Schüler beschränken, erzählt Malin Ohl in einer Pause und schiebt schmunzelnd hinterher: „Klassiker sind natürlich Playstation und PC.“
Aufbau einer Notunterkunft wird eingeübt
Immer wieder flackert auf dem Hof ein Feuer auf. Die Kinder sollen lernen, einen Brand zu löschen. Zwei Dinge könnten schädlich sein, erklärt Feuerwehrmann Siegfried Speidel: „Hitze und Rauch. Den sollte man nicht einatmen.“ Den Jungen und Mädchen gibt er deshalb den Rat, darauf zu achten, dass der Wind beim Löschen immer von hinten kommt. Eingeübt wird auch der Aufbau einer Notunterkunft für drei bis vier Personen mittels Feldbetten. Dabei zeigt sich, dass es gar nicht so einfach ist, die Unterkonstruktion aus Metall aufzuklappen, ohne dabei die Finger einzuklemmen.
An einer Station lernen die Sechstklässler den Umgang mit Sandsäcken. „Gehen wir davon aus, dass der Hochwasserdamm am Neckar ein Loch hat“, sagt Feuerwehrmann Gerd Lohrmann. „Wie viele Sandsäcke brauchen wir für ein Stück von zehn Metern Länge und einem Meter Höhe?“ Für ausreichende Stabilität seien ein breiter Sockel aus mehreren Reihen und zwei Schrägen notwendig. Dass dafür 1500 Sandsäcke benötigt werden, sorgt bei den Kindern für staunende Blicke.
Notrufsäulen an Autobahnen und Seen
Deutlich zu hoch liegen die Sechstklässler dagegen mit ihren Schätzungen zur Anzahl an Notrufsäulen in Deutschland. Mehr als eine Million oder gar drei Millionen, so die Überlegungen. Lara Kostenbader spannt die Mitschüler nicht länger auf die Folter: „Es sind 17.000“, sagt sie. Man finde sie etwa an Autobahnen oder an Seen wie dem Aileswasensee. Das einzige Mädchen unter mehr als 20 Jungs in der Neckartenzlinger Jugendfeuerwehr klärt ihre Mitschüler außerdem über die fünf W-Fragen auf, die bei Notrufen beantwortet werden sollen. Und natürlich empfiehlt sie wärmstens, die Nora- oder die Nina-Warn-App auf dem Smartphone zu installieren, um zu erfahren, wann man besser nach Hause gehen sollte. „Ich wurde kürzlich bei der Hitze und vor einem Gewitter gewarnt“, sagt sie.