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Die Lurche wandern auf breiter Front

Naturschutzbund plädiert für Sperrung der Straße durchs Tiefenbachtal während der Laichzeit

NÜRTINGEN (mw). Klaus Nimmrichter vom Nürtinger Naturschutzbund (Nabu) ist erleichtert: „Über 4700 Grasfrösche haben wir dieses Jahr über die Tiefenbachtal-Straße getragen.“ Dieses Jahr waren die ehrenamtlichen Aktiven des Naturschutzbundes rechtzeitig dran mit dem Aufbau der Leiteinrichtung und hatten sie auch an der richtigen Stelle platziert. An die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Tempo 50 halten sich allerdings Autofahrer kaum.

„Darf ich das Fröschle über die Straße tragen?“, fragt die kleine Solveigh, während Jonathan den jungen Lurch in seine Liste einträgt: „Grasfrosch, Jungtier“. Fachmännisch schreibt er noch die Nummer des Eimers dazu. 15 Eimer insgesamt hat der Nabu entlang der Leiteinrichtung vergraben.

Die laichbereiten Grasfrösche, oft schon Weibchen und Männchen huckepack, kommen aus ihren Winterverstecken. Hinter den Reitanlagen findet sich ein vom Förster angelegter Teich. Der ist das Ziel der wandernden Frösche.

Dazwischen allerdings liegt die Straße, die sich durch das Tiefenbachtal zieht. Sie ist heftig befahren, die Autos kommen im Sekundentakt. Deren Stoßzeiten decken sich mit denen der Frösche. Für die Frösche ist dies nachteilig . . .

„Konnten Gemetzel nicht mehr sehen“

Diese Jahr musste der Aufbau der Amphibien-Leiteinrichtungen wegen des langen Winters um zwei Wochen verschoben werden. Am geplanten Tag war noch alles voller Schnee, der Boden, in dem Eimer eingegraben werden sollten, war noch gefroren.

Mitte März war es dann so weit: Gerade rechtzeitig (denn am nächsten Tag ging die Wanderung schon in vollen Zügen los) errichteten Ehrenamtliche des Nabu beim Parkplatz eine Plastikabsperrung und erneuerten die hölzerne Leiteinrichtung hinter dem Kräuterbühl. In regelmäßigen Abständen gruben sie Eimer ein.

Die wandernden Frösche stoßen dann auf die Leiteinrichtung, krabbeln und hüpfen an ihr entlang und plumpsen schließlich in einen Eimer. Diese müssen natürlich regelmäßig geleert werden, abends und morgens, Tag für Tag. Mitunter werden an einem Tag hunderte von Fröschen nacheinander eimerweise über die Straße getragen und am Waldrand wieder ausgesetzt.

Die Ehrenamtlichen des Naturschutzbundes sind im Grunde nicht für den Schutz der Amphibien vor dem Überfahrenwerden zuständig, sondern die Aufgabe der Behörden, die die Straßen bauen, ist genauso auch der Naturschutz.

Aber die Nabu-Aktiven konnten das Gemetzel nicht mehr mit ansehen, „und oft sind ja Initiativen Ehrenamtlicher schneller und schlagkräftiger als behördliche Stellen, was Letztere aber nicht von ihrer Verantwortung entbindet“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Voriges Jahr hätten die ehrenamtlich Engagierten den richtigen Zeitpunkt nicht genau erwischt. Die Wanderung setzte schon früher ein. „Das hat richtig geknallt, wenn wieder ein Autofahrer einen Frosch oder ein Pärchen erwischt hatte.“ Klaus Nimmrichter ergänzt: „Selbst wenn die Frösche nicht von den Reifen erwischt werden, fügt ihnen der Luftsog, der bei höheren Geschwindigkeiten erzeugt wird, tödliche Verletzungen zu. Sie werden hochgeschleudert, klatschen dann wieder mit voller Wucht auf den Asphalt oder gegen das Auto. Auf diese Weise wird das glitschige Massaker vervielfacht, das besonders schwer wiegt, da mit jedem getöteten Froschweibchen auch hunderte noch ungeborene Artgenossen getötet werden.“

So hat denn die Stadt für die Dauer der Froschwanderung an den betreffenden Stellen die Begrenzung auf Tempo 50 festgesetzt. Leider werde sie in den wenigsten Fällen eingehalten, so die Erfahrungen der Naturschützer. Am besten wäre es, so ihre Überzeugung, für die fraglichen zwei Wochen die Tiefenbachtal-Straße komplett zu sperren, außer für Rettungs-, Feuerwehr- und Polizeifahrzeuge, wandern doch die Lurche auf breiter Front, so dass auch der lange Zaun nur einen Teil der Amphibien abfängt.

Der Einsatz im Regen und bei Dunkelheit ist auch nicht ungefährlich für die Nabu-Helfer. Doch die zuständigen Behörden konnten sich nicht zu einer befristeten Sperrung durchringen.

Letztes Jahr hat der Naturschutzbund auch einen anderen Schwerpunkt der Wanderung am Parkplatz Eiche erkannt und angehen können. Dieses Jahr kam der Schutz dort rechtzeitig, doch der Zaun müsste noch viel länger sein, da die Lurche neben den zwei vom Nabu festgestellten Schwerpunkten an vielen Stellen über die Straße drängen.

Der Nabu pocht deshalb (neben der befristeten Sperrung) auf dauerhafte Leiteinrichtungen mit mehreren Tunnels für Amphibien, denn „das Vorgehen der letzten Jahre ist nicht optimal und sehr aufwändig“.

Klaus Nimmrichter hat genügend Daten gesammelt, um den Verlauf und die Orte der nötigen Untertunnelungen genau lokalisieren zu können. Außerdem kennt er die Dauer der Wanderung und die auslösenden Faktoren: Regen und eine nächtliche Mindesttemperatur von fünf Grad.

Seltene Springfrösche

Er hat auch recherchiert, welche Art von Untertunnelung preisgünstig umgesetzt werden kann. „Eine Besonderheit“, so Nimmrichter, „ist im Tiefenbachtal, dass die Frösche auch tagsüber wandern. Das kennt man andernorts so nicht.“ Diesmal hat Klaus Nimmrichter auch Springfrösche festgestellt, die viel seltener sind als Grasfrösche. Über die Tausende geretteter Frösche freut er sich, auch wenn noch nicht alle Maßnahmen von den eigentlich zuständigen Stellen umgesetzt sind. Die Kaulquappen im Waldteich sind bereits geschlüpft und wimmeln durch das Wasser. Auch sie wollen eine Zukunft haben, wie die von ihnen abhängigen Ringelnattern und Störche.

Die Frösche sind im Eimer: Jeden Tag zwei Mal müssen die Behälter geleert werden. Foto: pm

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