Region
Die Beschlagnahmung von Hallen wird abgelehnt
Die Gemeinde Wolfschlugen muss in kurzer Zeit 150 Flüchtlinge aufnehmen – Die Bürger nutzten die Informationsveranstaltung in der Turn- und Festhalle für Fragen
Wolfschlugen rüstet sich für die Aufnahme von 150 Flüchtlingen. Die Turn- und Festhalle war bis auf den letzten Platz besetzt, als am Montagabend das örtliche Konzept vorgestellt wurde.
WOLFSCHLUGEN. „Auf dieser Fläche integrieren sich demnächst 150 Flüchtlinge“, hatten Wolfschlüger Bürger auf ein Schild geschrieben und dieses auf einem kommunalen Grundstück im Gewerbegebiet platziert. Das 5300 Quadratmeter große Areal verpachtet die Gemeinde für die Dauer von fünf Jahren ans Landratsamt Esslingen. Ab März wird dort eine Zelthalle aus Holz gebaut, in der im April 100 Flüchtlinge einziehen sollen. Die Unterkunft werde in einer zweiten Stufe bis Anfang 2017 für weitere 50 Asylbewerber ausgebaut, verriet Thomas Eberhard vom Dezernat für Infrastruktur im Landratsamt bei der Informationsveranstaltung in der Turn- und Festhalle.
Der zweigeschossige Zeltbau biete Platz für zwölf Wohngruppen mit je 13 Personen und 4,5 Quadratmeter pro Flüchtling. Gemeinsam mit Christian Sigler, dem Amtsleiter für Flüchtlingshilfe im Landratsamt, machte er keinen Hehl daraus, welch schwierige, ja fast unlösbare Aufgabe derzeit vom Landkreis gemeistert werden muss. „Wir suchen händeringend nach Unterkünften, haben keine Alternative und keinen Einfluss auf die Zuweisung durch das Land“, erklärten Eberhard und Sigler. Der Landkreis sei verpflichtet, den Leuten Obdach zu geben. Pro Woche muss der Kreis 270 Personen aufnehmen und diese in die rund 100 Unterkünfte in über 30 Kommunen bringen.
Die Verteilung der Flüchtlinge richtet sich nach dem Königsteiner Schlüssel, dem die Wirtschaftsstärke des jeweiligen Landkreises zugrunde liegt. Dies bedeutet für den wirtschaftlich prosperierenden Kreis Esslingen eine Aufnahme von 5,7 Prozent in diesem Jahr. „Bis zum Jahresende benötigen wir voraussichtlich 10 000 Plätze“, sagte Thomas Eberhard.
„Die Gemeinde Wolfschlugen muss 122 Menschen in der Erstaufnahme und 37 in der Anschlussunterbringung aufnehmen“, erklärte Bürgermeister Matthias Ruckh. Da nütze es nichts, wenn Unbekannte Flugblätter mit dem Spruch „Asylflut stoppen!“ an die Rathaustür kleben. „Wir haben keine Wahl, es kommen Menschen zu uns und sie kommen in der Not!“, sagte der Bürgermeister und appellierte an die Bürger: „Helfen Sie mit, damit wir es gemeinsam schaffen.“
Das Problem sei, dass Wolfschlugen keine Objekte für die Anschlussunterbringung von Menschen mit Bleiberecht habe, so Ruckh. Das geplante Wohnheim in der Rathausstraße für 27 Flüchtlinge werde erst nächstes Jahr fertiggestellt und die Erweiterung der Containerbauten in den Winkelwiesen sei nur durch eine Änderung des Bebauungsplans realisierbar. „Das dauert zu lange!“, erklärte der Schultes und sagte weiter: „Eine Sanierung des alten Schulgebäudes in der Kirchstraße ist zu teuer. Die Neubebauung nach Abriss kommt nicht in Frage, da der Gemeinderat den Abbruch abgelehnt hat.“
Um Zeit zu gewinnen, bot die Gemeinde dem Landkreis 150 Plätze über dem Gemeindesoll zur Erstunterbringung an. „Was Gemeinderat und Verwaltung einmütig ablehnen, ist die Beschlagnahmung unserer Hallen“, meinte der Bürgermeister und beklagte sich: „Es ist noch nicht klar, wer wann kommt und welche Nationalität die Menschen haben.“ Die Verteilung der Flüchtlinge durch das Land sei ihm ein Rätsel. Man kenne den genauen Ankunftstermin nicht. Auch sei nicht bekannt, ob vorwiegend Familien oder junge Männer kommen. „Ich bin ein Kind der Mengenlehre, es muss doch steuerbar sein, damit die Gemeinden sich darauf einstellen können.“ Wenn plötzlich 40 Kinder in Kindergartengruppen oder Schulklassen untergebracht werden müssen, stelle dies eine große Herausforderung für die Gemeinde dar.
„Weshalb gibt es eine so hohe Konzentration von Menschen an einem Standort?“, fragte Frank Maier in der Diskussionsrunde. „Warum verteilt man die Flüchtlinge nicht besser?“ „Aufgrund der Brandschutzbestimmungen ist es schwierig, Leerstände im Ort zu nutzen und umzubauen. Außerdem sind große Einrichtungen ökonomisch sinnvoller“, erklärte Ruckh. „Gibt es eine Security im Gewerbegebiet?“, fragte eine Bewohnerin aus der Zeppelinstraße. Sie fühle sich durch die Pläne eingeschränkt und werde nicht mehr joggen gehen. Das Landratsamt werde einen privaten Sicherheitsdienst beauftragen, der tagsüber zwei und nachts vier Mitarbeiter durch das Gebiet schickt, beruhigte der Bürgermeister. Vorsorglich habe die Gemeinde zudem eine Haftpflichtversicherung für Flüchtlinge abgeschlossen.
„Die Menschen wissen unsere Hilfe zu schätzen“
„Was passiert mit straffällig gewordenen Flüchtlingen? Werden sie abgeschoben? Auch wenn es nur ein kleiner Bruchteil ist, nimmt mir dies die Sorge nicht“, meinte Matthias Götz und beklagte das Schwarz-Weiß-Denken, wenn es Probleme mit Flüchtlingen gebe. „Es gab noch nicht viele Fälle im Landkreis“, antwortete Christian Sigler. Sozialarbeiterin Johanna Kurik, die sich für die Awo um Flüchtlinge kümmert, betonte: „Wir wurden immer mit Respekt behandelt.“ Dies bestätigten Ute Holder und Susanne Romacker-Küpfer vom AK Asyl: „Die Menschen wissen unsere Hilfe zu schätzen.“
„Es gibt keine Blaupause für das Zusammenleben, es muss sich erst entwickeln“, meinte Ruckh. Gemeinsam mit der Evangelischen Kirchengemeinde wolle die Verwaltung eine 30-Prozent-Stelle einrichten, um die noch unbekannten Abläufe zu koordinieren. Das erforderliche Netzwerk zur Flüchtlingsbetreuung soll mit Hilfe des AK Asyl, mit Vereinen und Institutionen entwickelt werden. Deutschkurse werden von der Volkshochschule oder dem Karl-Schubert-Seminar angeboten.
„Wer zahlt’s?“, fragte ein Bürger. „Wir alle“, gab der Bürgermeister zu und sagte: „Das Land hat keine Gelddruckmaschine. Da wird etwas bei uns hängen bleiben, denn wir stehen vor einem humanitären Problem. Es ist enorm wichtig, miteinander im Dialog zu bleiben!“ Zum Schluss appellierte Mitbürgerin Gundula Heidenreich, mit Freundlichkeit und Offenheit auf die Menschen zuzugehen und ihnen Gastfreundschaft anzubieten.