Oberboihingen
Anwohner sind genervt vom Baulärm an der Großen Wendlinger Kurve
In der Bürgerfragestunde machten einige Bürger ihrem Unmut Luft. Die Antworten fielen jedoch spärlich aus. Lesen Sie auch den Kommentar zum Artikel „Spielräume sollten ausgeschöpft werden“.
OBERBOIHINGEN. Mit einem anonymen Schreiben wurden die Anwohner des Wohngebiets Röte in Oberboihingen aufgefordert, ihrem Unmut über den Lärm kundzutun, den die Bauarbeiten zur Großen Wendlinger Kurve seit Wochen verursachen. Man wolle sich vor dem Rathaus versammeln.
Etwa 20 Menschen waren dieser Aufforderung gefolgt. Sie hofften hauptsächlich, ihre Anliegen anlässlich der Bürgerfragestunde kundtun zu können.
So ging es einem Anwohner des Fasanenwegs um die demnächst beginnende Bauphase, in der an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr gearbeitet werden soll. Er habe den Planfeststellungsbeschluss, also die Baugenehmigung für die Große Wendlinger Kurve, genau studiert, sagte er. „Ich konnte darin keine Zeiteinteilung finden. Und sehe ich nicht, dass die Arbeiten rund um die Uhr an sieben Tagen vom Planfeststellungsbeschluss gedeckt ist“, merkte er an und schickte dieser Bemerkung die Frage hinterher: „Wie stellt die Gemeinde sicher, dass Lärmgrenzwerte auch eingehalten werden? Ich kann nicht feststellen dass irgendeine Abwehr gegen den Baulärm getroffen wurde.“ Bürgermeister Ulrich Spangenberg betonte, man stehe in ständigem Austausch mit den Bauherren. Da er nicht der richtige Ansprechpartner ist, um den Planfeststellungsbeschluss zu erklären, gab er das Wort an Thomas Christoph, den DB-Bauleiter für die Große Wendlinger Kurve.
Der erklärte, dass die Berechnungen über die Lärmprognosen den Unterlagen beigefügt wurden, die das Eisenbahnbundesamt als Grundlage für die Baufreigabe erhält. „Eine Auflage des Eisenbahnbundesamtes war, dass laufend Lärm- und Erschütterungsmessungen gemacht werden. Stichprobenartig“, erklärte Christoph. Die Messungen würden gemacht sobald eine gesetzlich definierte Grenze überschritten sei. Den Betroffenen seien vor eineinhalb Wochen Ersatzwohnungen angeboten worden.
Der Anwohner machte sich nicht nur wegen des belastenden Lärms Sorgen. Die Sprengungen, die seit einiger Zeit gemacht werden, ließen die Gläser in seinen Schränken klirren. „Man sagte mir, ich sei 130 Meter entfernt, da könne eigentlich nichts passieren“, sagte er zweifelnd. Christoph verwies auf das Beweissicherungsverfahren, das gemacht worden sei. Und darauf, dass laufend Erschütterungsmessungen gemacht würden. Und zwar direkt an der Tunnelbaustelle und am Ortseingang von Oberboihingen. Als der Anwohner, der sich Sorgen machte, sein Haus könne Schaden nehmen, gerade zu einer weiteren Nachfrage ansetzte, beendete Spangenberg diese Diskussion, die in seinen Augen auch nicht korrekt lief, da die Fragen nicht an ihn, sondern an den Experten direkt gerichtet waren.
Doch auch andere Anwohner hatten Fragen. Ein Anwohner wollte wissen, wie die Gemeinde denn die Messdaten überprüfe. „Das hat das Eisenbahnbundesamt zu tun, die Gemeinde könne das nicht kontrollieren“, sagte Spangenberg. „Wie kann uns der Gemeinderat unterstützen, damit man mal darüber nachdenkt ob Nachtarbeiten nötig sind?“, wollte einer wissen und bekam dafür Zustimmung von den anderen Anwesenden. Der Rathauschef verwies darauf, dass es sich beim Bau der Kurve um eine enorme Bautätigkeit mit hoher Geschwindigkeit handele. Man habe sich dafür eingesetzt, dass die Unterboihinger Straße nicht voll gesperrt werden muss. Oder der Schwerlastverkehr größtenteils über Wendlingen abfließt. „Ich kann nachvollziehen, dass Sie sehr belastet sind. Aber ohne Lärm geht es nicht. Das Planfeststellungsverfahren ist abgeschlossen, damit muss man umgehen“, sagte Spangenberg.
Das beruhigte die Bürger nicht. Sie verließen die Sitzung und diskutierten mit den Vertretern der Deutschen Bahn auf dem Dorfplatz weiter. Dort klagte ein Bürger, er habe eine Lärmbelastung von 82 Dezibel gemessen. Ein anderer sagte, schlafen und arbeiten oder telefonieren mit geöffnetem Fenster sei seit Wochen nicht möglich. Er arbeite im Homeoffice. Und gerade bei diesen Temperaturen sei es morgens angebracht die frühe Kühle zu nutzen und zu lüften. „An einen Video-Call ist in dieser Zeit jedoch nicht zu denken“, klagte er. Sein Mindestanspruch sei, dass es zumindest am Wochenende eine Ruhephase gibt. „Wenigstens nachts, man muss ja irgendwann mal den Akku aufladen können“, sagte er. Doch der eigens mitgekommene Pressesprecher verwies darauf, dass man hier im öffentlichen Raum für die Allgemeinheit baue.
Dass man von den nun anstehenden Arbeiten an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr absieht, diese Hoffnung zerschlug Bauleiter Thomas Christoph, als er den Menschen vor Ort erklärte, der Tunnel werde Stück für Stück abgebaggert und Wände und Decke mit Spritzbeton gesichert. Danach beginne der nächste Abschnitt. Würde man eine Pause machen, gefährde dies die Stabilität des Bauwerks und damit das Leben der Mineure. Eine gewagte Aussage, der Ingenieure, die bereits im Projekt gearbeitet haben oder noch arbeiten auf Nachfrage unserer Zeitung vehement widersprachen. Ein Trostpflästerchen hatte Christoph dennoch. Die Arbeiten kämen gut voran. Er schätzt, dass die 24-Stunden-Arbeiten lediglich drei, statt der ursprünglich anvisierten sechs Wochen dauern.
Dass just am Tag nach der Gemeinderatssitzung am Mittwoch ein Teil der Daimlerstraße nun auch durch eine Ampelregelung nur einspurig befahrbar ist, weil Fundamente für die Oberleitungsmasten hergestellt werden müssen, traf viele Autofahrer am Tag darauf doch etwas überraschend.
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