Nürtingen
Nürtinger Säer bietet Fläche für einen weiteren Schulneubau
Der Landkreis muss ein neues Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum für Kinder und Jugendliche mit Behinderung bauen. Die Kosten werden auf 115 Millionen Euro geschätzt. Der Standort wird vertieft untersucht.
NÜRTINGEN. Der Landkreis Esslingen verzeichnet in seinen Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) für Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung einen rasanten Anstieg der Schülerzahlen. Als Träger der Nürtinger Bodelschwinghschule, der Esslinger Rohräckerschule und der Dettinger Verbundschule stellt das den Landkreis vor eine große Aufgabe. Ohne Neubau geht es nicht mehr, als Standort dafür zeichnet sich der Nürtinger Säer ab. Geplant ist eine Einrichtung für Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Arten von Behinderungen, eine erste Kostenschätzung beläuft sich auf 115 Millionen Euro.
„Mit den steigenden Schülerzahlen sind wir nicht allein“, sagte Landrat Marcel Musolf am Donnerstag im Kultur- und Schulausschuss des Kreistags. Er beruft sich auf Erhebungen des Landkreistags, der den Trend für nahezu alle Kreise im Land bestätigt. „Das Thema muss mit einer landesweiten Strategie in den Blick genommen werden, um den Bedarfen an Bauten und Klassenräumen ebenso wie Lehrpersonal gerecht zu werden“, so Musolf weiter. Derzeit werden auf dem Parkplatz der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen Container für einen Interims-Unterricht ausgestattet.
Größere Fläche wird gebraucht
Die Rohräckerschule wurde in einer mehrjährigen Bauzeit saniert, erweitert und aufgestockt, zuletzt auch die Bodelschwinghschule. Die Flächen an den Standorten seien jedoch ausgereizt, betont Thomas Eberhard, im Landratsamt Leiter des Dezernats für Infrastruktur. Zu dem vom Regierungspräsidium ermittelten Raumprogramm von 10.800 Quadratmeter kommen Flächen für Technik und Verkehrsmaßnahmen hinzu, wobei sich eine Bruttogeschossfläche von 22.500 Quadratmetern ergibt. „In einem zum großen Teil verdichteten Raum wie unserem Landkreis ist es nicht einfach, für diese Größenordnung eine Fläche zu finden“, so Landrat Musolf.
Mit der Untersuchung möglicher Standorte wurde die asp Architekten GmbH Stuttgart beauftragt. Musolf betont, dass drei mögliche Standorte ergebnisoffen ins Auge gefasst worden seien. Das Otto-Areal in Wendlingen wurde wegen vielschichtiger Planungshindernisse verworfen, heißt es in dem Untersuchungsergebnis. Das gegenüberliegende Gebiet „In den Neckarwiesen“ käme auf den ersten Blick in Frage, doch habe die Gemeinde Köngen bereits konkrete Überlegungen für eine städtebauliche Innenentwicklung. Ein ins Gespräch gebrachtes Areal in Neuhausen auf den Fildern habe von der Größe her nicht ausgereicht und wurde deshalb nicht weiter untersucht, so Eberhard.
Synergieeffekte mit Schul-Campus und Klinik
Auf dem Nürtinger Säer hat der Landkreis noch eigene Flächen und betreibt mit der Albert-Schäffle-Schule und der Fritz-Ruoff-Schule zwei berufliche Schulen mit zahlreichen Schularten. Weitere Flächen sind im wirtschaftlichen Eigentum der kreiseigenen Medius-Klinik. In der Untersuchung der Architekten GmbH wird darauf hingewiesen, dass deshalb an dem Standort in vielerlei Hinsicht Synergien erzielt werden können. Das werde von den Schulen wie auch der Klinik so gesehen, beide hätten größtes Interesse, die Entwicklung des Standorts gemeinsam zu gestalten. Weitere Flächen sind in Erbpachtrecht an den Parkraumbetreiber vergeben. Dieser sei grundsätzlich bereit, das Erbpachtrecht anzupassen.
Zentrale Lage im Landkreis
In Kooperation mit Landschaftsplanern habe es Voruntersuchungen zu ökologischen und artenschutzrechtlichen Aspekten gegeben. Auch die Verkehrsanbindungen wurden in den Blick genommen und als positiv bewertet. Vorteilhaft sei die zentrale Lage im Landkreis inmitten eines überörtlichen Straßennetzes. So verringere sich zum Beispiel die Anfahrt mit der Schülerbeförderung für Schüler aus dem Gebiet des Albrands, die bislang in Esslingen beschult werden, erheblich.
Viele Schüler werden mit über 80 Kleinbussen in die Schule gebracht. Die Verkehrslenkung dafür und für Lehrpersonal sowie außerschulisches Personal soll hauptsächlich aus Richtung Reudern erfolgen, um die Säerstraße nicht zusätzlich zu belasten, heißt es in dem Untersuchungsergebnis. Darüber hinaus sei der Standort über die zentralen Omnibusbahnhöfe in Kirchheim und Nürtingen gut an den ÖPNV angebunden. Weiter untersucht werden müssten jedoch noch Verkehrsströme unter Berücksichtigung des Klinikbetriebs und die Schaffung zusätzlichen Parkraums.
Baukörper mit drei bis vier Geschossen
Vorgestellt wurde eine mögliche Anordnung von Baukörpern, die überwiegend dreigeschossig und vereinzelt viergeschossig sein sollen. Der Bau könnte so gestaltet werden, dass ein großzügiger Innenhof entsteht, oder auch mit mehreren Baukörpern, die miteinander verbunden sind, auch eine S-Form sei vorstellbar. Überlegungen sollten frühzeitig dem Gestaltungsbeirat der Stadt Nürtingen vorgestellt werden. Die Stadt ist auch zuständig bei der notwendigen Änderung des Bebauungsplans, wofür mit einem Zeitraum von zwei Jahren gerechnet wird. Ein Schulkindergarten könnte je nach Bedarf auf einer Fläche in Höhe der Fritz-Ruofff-Schule und der Kliniken entstehen.
Mit der Fertigstellung der neuen Schule für mehr als 400 Schülerinnen und Schüler wird bis zum Jahr 2032 gerechnet. Eine erste grobe Schätzung geht von Kosten von 115 Millionen Euro aus, wobei bis zu 45 Millionen Euro durch das Land gefördert werden könnten. Ob zusätzliche Mittel aus dem jüngst beschlossenen Infrastrukturpaket verfügbar werden könnten, sei noch nicht absehbar, so Musolf.
Redner aller Fraktionen waren sich einig, dass der Standort geeignet sei, auch wegen der bestehenden Eigentumsverhältnisse. Einstimmig wurde beschlossen, die Planungen zu vertiefen. Angemerkt wurde von verschiedener Seite jedoch, dass die verkehrlichen Fragen sensibel behandelt werden müssten. Jürgen Roos (Die Linke) regte an, die Chance des Neubaus zu nutzen und Raum für eine Wohngruppe zur dringend benötigten Kurzzeitpflege mitzudenken.