NT-Neckarhausen
92-Jähriger aus Neckarhausen vereitelt Schockanruf
Rentner Rolf Mittendorf reagiert geistesgegenwärtig und bewahrt seine Ehefrau Brigitte vor einem Telefonbetrug. Die 81-Jährige trägt dennoch einen Schock davon. War künstliche Intelligenz im Einsatz?
Rolf Mittendorf: Rettete seine Frau Brigitte vor einem Schockanrufer. Foto: Matthäus Klemke
1200
800
NT-NECKARHAUSEN. Das Mittagessen ist gerade beendet, als plötzlich das Telefon klingelt. Wenige Augenblicke später sitzt Brigitte Mittendorf fassungslos am Küchentisch. Am anderen Ende der Leitung weint ihre Tochter – oder zumindest glaubt die 81-Jährige das.
„Mama, mir ist etwas Fürchterliches passiert“, sagt die Frau mit zitternder Stimme. Die Tochter, die eigentlich in der Nähe von Mainz lebt, berichtet, sie habe mit dem Auto an einem Zebrastreifen eine Frau mit Kinderwagen angefahren. Die Frau sei dabei ums Leben gekommen.
Plötzlich fragt ein Mann nach persönlichen Daten
Brigitte Mittendorf ist wie gelähmt. „Wenn man eine solche Nachricht aus heiterem Himmel bekommt, steht man unter Schock.“ Klare Gedanken könne sie in diesem Moment nicht mehr fassen. Dass am anderen Ende tatsächlich ihre Tochter spricht, daran zweifelt sie nicht. „Es war ihre Stimme – ich war mir vollkommen sicher.“
Lange dauert das Gespräch nicht. Plötzlich übernimmt ein Mann das Telefon. Er wiederholt, dass ihre Tochter einen schweren Unfall verursacht habe, und erklärt, sie stehe unter Schock. Deshalb benötige er ihre persönlichen Daten. „Er fragte nach ihrem Geburtsdatum und ihrer Adresse“, erinnert sich die Rentnerin.
Ehemann erinnert sich an ähnliche Fälle
Ihr Mann Rolf Mittendorf verfolgt das Gespräch mit einem Ohr. „Ich habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt“, sagt der 92-Jährige. Seine Frau habe völlig aufgelöst gewirkt. Aus Zeitungsberichten kenne er bereits die Masche der sogenannten Schockanrufe. „Vor einigen Monaten hatte uns eine Freundin aus Nürtingen auch von einem ähnlichen Fall erzählt“, berichtet er. Damals sei ebenfalls von einem schweren Autounfall die Rede gewesen. Die Betrüger hätten Geld oder Schmuck als Kaution verlangt.
Rolf Mittendorf reagiert sofort: „Ich habe meiner Frau zugerufen, sie solle auflegen – das ist Betrug.“ Doch Brigitte Mittendorf steht weiterhin unter Schock und weiß nicht, wie sie reagieren soll. Schließlich nimmt ihr Mann den Hörer und fragt, wo sich der Anrufer überhaupt befinde.
Betrüger wird ungeduldig
Die Nachfrage bringt den Betrüger aus der Fassung. „Er sagte nur: ,Wir sind hier doch nicht im Kindergarten‘ – und legte auf“, erzählt Rolf Mittendorf.
Um sicherzugehen, ruft das Ehepaar anschließend die Tochter an. Panisch fragt Brigitte Mittendorf, wo sie sei und ob es ihr gut gehe. Die Antwort bringt Erleichterung: Die Tochter ist zu Hause, und alles ist in Ordnung. „In diesem Moment war ich der glücklichste Mensch“, sagt die 81-Jährige.
Anschließend melden die Mittendorfs den Vorfall der Polizei. Die Beamten bestätigen, dass sie Opfer eines Schockanrufs geworden sind – einer der häufigsten Betrugsmaschen im Bereich des Polizeipräsidiums Reutlingen. Die Taten werden meist aus dem Ausland organisiert.
Hohe Zahl an gemeldeten Fällen
Knapp 10.000 Betrugsfälle am Telefon oder über das Internet wurden im Jahr 2025 in den Landkreisen Esslingen, Reutlingen, Tübingen und dem Zollernalbkreis registriert – 1443 mehr als im Vorjahr. Darunter fallen der „Enkeltrick“, der „falsche Polizeibeamte“ und auch der „Schockanruf“. Nur in rund 3600 Fällen blieb es laut Kriminalstatistik beim Versuch.
Große Hoffnungen, die Täter zu finden, macht die Polizei dem Ehepaar nicht. „Wenn wir die Anrufer länger in der Leitung gehalten hätten, hätte man vielleicht etwas unternehmen können“, sagt Rolf Mittendorf.
Tage später noch unter Schock
Finanziell ist den Mittendorfs zwar kein Schaden entstanden, doch die seelischen Folgen sind geblieben. „Der Schock meiner Frau war kaum in den Griff zu bekommen“, erzählt ihr Mann. Noch Tage später beschäftigt Brigitte Mittendorf das Erlebte. „Heute bin ich mit dem Auto gefahren und habe an einem Zebrastreifen eine Frau mit Kinderwagen gesehen. Da kam alles wieder hoch.“
Bis heute kann sie nicht verstehen, wie die Betrüger die Stimme ihrer Tochter so täuschend echt nachahmen konnten. „Das war original meine Tochter“, sagt die Neckarhäuserin. Sie und ihr Mann vermuten, dass künstliche Intelligenz im Spiel gewesen sein könnte.
Ein Tonausschnitt genügt
Tatsächlich häufen sich Berichte über Schockanrufe, bei denen Stimmen naher Angehöriger mithilfe von KI imitiert werden. Verbraucherzentralen warnen bundesweit vor dieser neuen Betrugsmasche. Experten zufolge genügt bereits ein kurzer Tonmitschnitt aus dem Internet, um eine Stimme künstlich nachzubilden.
Nach Angaben der Polizei wurde im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums Reutlingen bislang allerdings kein Fall bekannt, bei dem der Einsatz von KI zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte. „Die Betrüger sind leider auch mit ihren bisherigen Methoden erfolgreich“, erklärt ein Polizeisprecher.
Bei Schockanruf sofort auflegen
An den Empfehlungen der Ermittler ändere sich deshalb nichts: Wer einen solchen Anruf erhält, sollte sofort auflegen und die betroffene Person direkt kontaktieren. Persönliche Daten, Geld oder Wertgegenstände dürften niemals an Fremde weitergegeben werden.
Die Mittendorfs sind mit dem Schrecken davongekommen. Doch die Erfahrung wirkt nach. „Es kann gar nicht oft genug vor solchen Fällen gewarnt werden“, sagt Rolf Mittendorf. „Denn selbst wenn kein Geld verloren geht, richten sie großen seelischen Schaden an.“
NT-Neckarhausen | 17.10.2026 - 05:00
Nach dem Fischsterben gibt es am Inselesee in Neckarhausen eine Lösung
Der Inselesee in Neckarhausen in Nachbarschaft des Beutwangsees wurde in den vergangenen Jahren ökologisch aufgewertet. Die Stadt und der Anglerverein „Petri Heil“ arbeiteten zusammen, um dem See neues Leben einzuhauchen.