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Zwischen Utopie und objektiv Möglichem

Nürtinger SPD verlieh das „Ei der Heckschnärre“ – Der Kunst- und Kulturschaffende Andreas Mayer-Brennenstuhl ausgezeichnet

Bei der Preisverleihung „Ei der Heckschnärre“: Andreas Mayer-Brennenstuhl, Bärbel Kehl-Maurer, Dr. Hans-Wolfgang Wetzel (von links) Foto: Jüptner

Ein kleines Jubiläum feierte die Nürtinger SPD in der Kreuzkirche, zum 35. Mal verlieh sie das „Ei der Heckschnärre“ am Aschermittwoch, eine Auszeichnung für „Männer und Frauen, die ihr Nürtinger Revier aufrecht schnärrend verteidigen“, wie es in der ungeschriebenen Satzung zur Preisverleihung heißt. Es ging an den Kulturschaffenden Andreas Mayer-Brennenstuhl.

NÜRTINGEN. Die Heckschnärre ist in Europa selten geworden, fehle ihr doch durch Besiedelung und Landwirtschaft zunehmend der Lebensraum, klärte Dr. Hans-Wolfgang Wetzel auf, der mit Bärbel Kehl-Maurer die Veranstaltung für den SPD-Ortsverein moderierte. In Anlehnung an ihr Revierverhalten mit einem markanten, deutlich hörbaren Ruf verleihe man jährlich ein Ei als Preis an Personen, die sich Verdienste um das Revier Nürtingen erworben haben. So hege man die Hoffnung, dass es einem von ihnen doch gelingen könnte, ein Ei auszubrüten, um den aufrecht durch Wiesen stolzierenden Vogel wieder anzusiedeln, erklärte Wetzel augenzwinkernd.

Andreas Mayer-Brennenstuhls Engagement für Nürtingen währt bereits seit rund 40 Jahren, wie Michael Gompf, Vorsitzender des Nürtinger Kunstvereins, in der Laudatio auf den diesjährigen Preisträger aufzeigte. Geboren wurde Mayer-Brennenstuhl 1957 in Heilbronn. Von 1977 bis 1981 war er einer der ersten Studierenden an der Freien Kunstakademie Nürtingen (FKN), später schloss er ein Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Professor Micha Ullman an. Er lehrte unter anderem an der FKN, seit 2006 bekleidet er eine Professur an der Hochschule für Kultur- und Mediengestaltung in Schwäbisch Hall.

Gompf, ebenfalls wegen der FKN nach Nürtingen gekommen, erinnerte an deren Gründer K. H. Türk, dessen Ideen es Mayer-Brennstuhl angetan hätten. An Joseph Beuys’ Gedanken der sozialen Plastik, also der Gesellschaft selbst als Material des zeitgenössischen Künstlers anknüpfend, erweiterte Türk diesen Kunstbegriff auf das einzelne Individuum. Daraus sei auch der Gedanke erwachsen, in das Ausbildungsangebot den Studienzweig Kunsttherapie aufzunehmen. Auch dabei war Mayer-Brennenstuhl einer der ersten Studierenden. Aus dieser Haltung heraus sei sein Selbstverständnis als Künstler und Kulturschaffender entstanden.

Mitte der 80er-Jahre habe er künstlerische Eingriffe an öffentlichen Gebäuden und im öffentlichen Raum vorgenommen. Die Konfrontation der Öffentlichkeit mit einem emanzipatorischen Anspruch sei immer wieder als Zumutung verstanden worden. Seine interventionistische Praxis habe jedoch Aspekte der Partizipation und der Agitation kombiniert, entstanden aus einem Ringen zwischen der Kunst und der Kunsttherapie.

Vom Eroberer zum Verteidiger des Reviers

Im Sinne der konkreten Utopie des Tübinger Philosophen Ernst Bloch sei ein grundlegender Gedanke von Mayer-Brennenstuhl die Kategorie des Möglichen. Folgerichtig nenne er seine mobile Akademie „AKAS“ – „Alles könnte anders sein“ – oder das von ihm gegründete Institut „NN – Noch-Nicht-Institut“. Er fordere die Menschen auf, mit ihrer Fantasie das Noch-Nicht zu erkunden und das objektiv Mögliche zu erkennen. Dabei ist er selbst auch immer aktiv geworden und nicht selten angeeckt.

Wetzel, der mit Kehl-Maurer das „Ei der Heckschnärre“ und die dazugehörige Urkunde übergab, betonte dabei: „Ohne Andreas Mayer-Brennenstuhl wäre die Nürtinger Kulturszene um einiges ärmer.“ Er erinnerte an die Lichtinstallationen auf dem alten E-Werk, an Mayer-Brennenstuhls Hölderlin auf dem Neckar und an seine jüngste Initiative „Nürtingen ist bunt“, die er wesentlich initiierte und die sich gegen Diskriminierung wendet.

Der Geehrte selbst fügte weitere Initiativen an und betonte dabei: „Ohne zahlreiche Mitstreiter wäre es nicht möglich gewesen, diese zu gründen und zum Teil bis heute fortzuführen.“ Auch im Namen derer nehme er die Auszeichnung entgegen. Er nannte weitere Beispiele wie das Kultur-Café Provisorium, dem man seinen Platz in der Stadthalle erkämpft habe, die Kulturinitiative und den Kultursommer, das Noch-Nicht-Institut und als neuestes das Dialogkultur-Projekt. Zu Beginn seiner künstlerischen Aktivitäten habe er sich weniger als Verteidiger von Revieren gefühlt, viel mehr sei es um Besitznahme im Sinne der Ideen einer von Selbstbestimmung, Toleranz und Liberalität geprägten sozialen Gruppe innerhalb der jungen Generation gegangen. Dabei habe man auch an Revieren von Kommunalpolitikern gekratzt.

Mayer-Brennenstuhl nennt sich selbst ein Kind Willy Brandts, bezeichnet es aber auch als tragisch, dass mit Gerhard Schröder und dessen Agenda 2020 ebenfalls ein SPD-Kanzler zur Aufkündigung der Solidarität in der Gesellschaft beigetragen habe. Globalisierungsverlierer richteten sich seitdem gegen noch Schwächere, eine schleichende Zerstörung der politischen Kultur sei festzustellen.

Jetzt finde man sich tatsächlich in der Rolle eines Verteidigers, gegen heftiger werdende Angriffe, geprägt von Intoleranz, autoritären Strukturen, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus. Andererseits gebe es aber auch ermutigende Initiativen und deshalb bestehe noch Hoffnung auf weitere Anwärter für das „Ei der Heckschnärre“.

Nach dem letzten von vier musikalischen Stücken von Bamba Amsberg machte sich ein Großteil der Besucher auf den Weg ins Dachgeschoss. Dort wurde das traditionelle Fisch-Buffet aufgetischt.

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