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„Sollten diese Tür nicht aufmachen“

TTIP lokal (2): Beim Freihandelsabkommen zwischen EU und den USA geht es auch um den Hormoneinsatz in der Rinderzucht

Nürtingens Metzger und wohl auch viele Verbraucher legen auf Fleischqualität höchsten Wert – Wilfried und Bernhard Luz (rechts) mit einer Rinderhälfte in der Wurstküche. Foto: Holzwarth

Das berühmte Chlorhühnchen – es dürfte wohl das Symbol schlechthin für die Ängste vieler Menschen sein, die sie vor dem heiß diskutierten Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten hegen. Doch nicht nur in dieser Beziehung stehen offenbar europäische Standards auf dem Spiel. Sondern etwa auch beim Rindfleisch.

Essen ist ein ganz zentraler Punkt des menschlichen Lebens. Und wohl alle Menschen wollen da genießen – und nicht irgendwelche Schadstoffe zu sich nehmen. Nicht zuletzt deswegen hat das Europaparlament in seiner Entschließung vom 8. Juli vergangenen Jahres auch den Hormoneinsatz in der Rinderzucht auf die Liste der Dinge gesetzt, die die von Jean-Claude Juncker geleitete EU-Kommission in den Verhandlungen zur Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) dringend zu klären hat.

Radikal dagegen ist zum Beispiel der Nürtinger Metzgermeister Bernhard Luz (der da wohl für alle seine Kollegen in Nürtingen und seinem Umland spricht). „Die Tiere sollten so natürlich wie irgend möglich aufwachsen“, unterstreicht er: „Alles, was das verändert, schadet diesem Ziel.“ Verschiedene Rassen zu kreuzen – ja, das habe es schon immer gegeben, und das sei auch etwas ganz Natürliches: „Aber alles, was mit ,Doping‘ zu tun hat, lehne ich ab.“

„Schon jetzt sind Milchkühe an oder bereits über der Grenze ihrer Kraft“

Thomas Richter, Professor, HfWU Nürtingen

Die Metzgerei Luz beziehe ihr Fleisch daher zum Beispiel bei der Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall. „Dort wird garantiert, dass es natürlich zugeht.“ Das erwarte er auch von zukünftigen Regelungen: „Ich möchte unbedingt, dass unsere Kunden auch in Zukunft sicher sein können, hormon- und gentechnikfreies Rindfleisch genießen zu können.“

Das fordert übrigens auch sein Bruder Wilfried generell für alle Fleischsorten, nicht nur für das Rind. Er befürchtet ungute Entwicklungen wie beim Saatgut, dessen Weltmarkt von der US-Firma Monsanto mit ihrem gentechnisch veränderten Samen beherrscht werde: „Es ist nicht gut, wenn jemand ein Patent auf Erbgut bekommt.“

Auch an der Nürtinger Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) gibt es starke Bedenken. Wobei Professor Thomas Richter sagt: „Hormon ist nicht gleich Hormon.“

Therapeutisch würden Hormone auch in Deutschland eingesetzt – um Fruchtbarkeitsstörungen bei der Kuh zu behandeln: „Ich bin seit 1979 Tierarzt, das haben wir schon während unseres Studiums gelernt und später gemacht.“ Das sei freilich nicht mit dem vergleichbar, was nun im Schwange sei – zu diesem Zweck setze man sogenannte Proteohormone ein: „Das hat keine Auswirkungen auf die Milch, und wenn die Kuh zum Schnitzel wird, ist die Hormonwirkung schon längst vorbei.“ Zudem könnten diese Art von Hormonen im Magen-Darm-Trakt des Menschen abgebaut werden.

Nicht gemacht werde hierzulande indes die in der gesamten EU verbotene (und in den USA erlaubte) Hormonmast, mit der ein starkes Wachstum der Rinder angeregt werde. Die dabei verwendeten Steroid-Hormone könnten „oral wirksam“ werden, wenn die bei der Schlachtung noch in der Kuh vorhanden seien. Diese Stoffe setze man beim Kalb ein: „Bei der Schlachtung nach eineinhalb bis zwei Jahren müssten sie aber im Prinzip abgebaut sein.“

Dennoch findet der Professor: „Wir sollten diese Türe nicht aufmachen.“ Nicht immer sei der ordnungsgemäße Einsatz garantiert. Zudem verabreiche man in den USA diese Hormone auch, um die Kühe zu einer Leistung zu treiben, „die sie sonst nicht bringen können“. Das sei durchaus mit dem Doping bei Bodybuildern vergleichbar. Zudem: „In Deutschland haben wir nun wahrlich keinen Mangel an Rindfleisch.“

In den USA erlaubt und in Europa verboten sei zudem, mit Hilfe von BST (die Abkürzung steht für „Bovines Somatotropin“) die Kühe zu einer höheren Milchleistung zu zwingen. Dieser Stoff schade zwar dem Menschen nicht, führe aber bei den Tieren zu massiven Verschleißerscheinungen – bei gleichzeitigem Überangebot von Milch.

Schon jetzt seien die Milchkühe „an oder bereits über der Grenze ihrer Kraft“. Sie lebten ohnehin nur kurz, das werde durch den BST-Einsatz noch verstärkt. Daher sei es auch eine Sache des Tierschutzes, dieses Verbot im Rahmen der TTIP-Verhandlungen nicht anzutasten.

Bisher erschienen: „Vieles könnte schon grauslich werden“ (über Arbeitnehmerrechte).

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