NTZ+ Logo Nürtingen

Null Prozent im Trend?

Mittlerweile immer gefragter: Alkoholfreie Getränke erobern den Markt

Foto: Adobe Stock/Postumitenko

Alkoholfreies Bier und andere Getränke ohne Prozente werden immer beliebter. Immer öfter greifen die Menschen darauf ganz bewusst zurück. Wir haben uns in der Region auf die Spuren des Trends gemacht.

Plopp – endlich das Feierabendbier. Das kühle Blonde ist wohlverdient, ist ja klar. Dass Alkohol in unserer Gesellschaft fest verankert ist, ist nicht abzustreiten. Es gibt kaum eine Gelegenheit, zu der nicht zu berauschenden Getränken gegriffen wird: Sekt zum Geburtstag, Schnaps zur Verdauung und eben das altbewährte Bier zum Feierabend.

Nur in Tschechien und Österreich wird mehr Bier getrunken als in Deutschland: 2017 waren es 101 Liter Bier pro Person. Durchschnittlich insgesamt elf Liter reiner Alkohol pro Kopf unter den über 15Jährigen. Hochgerechnet ist das jeweils eine ganze Badewanne voller alkoholischer Getränke.

Doch es gibt Statistiken, die eine Trendwende andeuten könnten. Laut der Studie „Alkoholsurvey 2018“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung trinken vor allem junge Menschen immer weniger Alkohol. Waren es 1976 unter den 18 bis 25 Jahre alten noch 70 Prozent, die regelmäßig zum Alkohol griffen, sind es 2018 nur noch halb so viele (33,4 Prozent). Das durchschnittliche Alter, in dem Jugendliche ihren ersten Alkoholrausch erfahren, ist seit 2004 von 15,5 Jahren auf 16,3 im Jahr 2018 gestiegen.

Wirklich ein neuer Trend? Wie auch Vegetarier immer mehr Fleisch- und Wurstersatzprodukte im Supermarkt vorfinden, kommen auch immer mehr alkoholfreie Getränke auf den Markt. Dabei ist nicht etwa von Limonaden und Säften die Rede, sondern von alkoholfreiem Bier, Wein und ja, sogar alkoholfreier Spirituosen-Ersatz findet Einzug in unseren Alltag – langsam, aber stetig.

Ein Vorreiter in dieser Nischenbranche ist die Rheinland Distillers GmbH, die mir ihrem „Siegfried Wonderleaf“ den vollen Gin-Genuss verspricht, und das ohne auch nur einen einzigen Tropfen Alkohol. Laut des Bonner Unternehmens liegt alkoholfreier Genuss „voll im Trend“.

Das kann Bernd Weber, Geschäftsführer der Getränke Weber GmbH aus Frickenhausen, zumindest was das Bier betrifft, bestätigen. Es ist eindeutig: Beim Verkauf von alkoholhaltigen Bieren, allen voran beim Pils, ist ein „gravierender Rückgang“ festzustellen. „Was derzeit aber auf dem Vormarsch ist: alkoholfreies Bier, vor allem alkoholfreies Weizen“, sagt Weber. So greifen Kunden nicht nur immer öfter zu alkoholfreiem Bier. Sie seien auch immer mehr darauf bedacht, regionale Marken zu unterstützen. „Heutzutage ist es keine Schande mehr, alkoholfreies Bier zu trinken“, sagt Weber und fügt hinzu: „In Zeiten von Promillegrenzen und Gesundheitsbewusstsein ist das eine super Entwicklung.“

„Ich denke, das Ganze wird sich noch mehr etablieren“

Getränkehändler Bernd Weber

Mittlerweile ist zehn Prozent von dem Weizenbier, das er verkauft, alkoholfrei. Noch vor 15 Jahren hätte er daran nicht geglaubt. Wie in der Mode gebe es auch bei Getränken immer wieder Trends, die kommen und gehen, berichtet der Getränkehändler. Vor rund zehn Jahren waren es Biermischgetränke, die das Must-have der Trinkkultur darstellten. Mittlerweile halten sich davon nur noch wenige erfolgreich auf dem Markt. Und der Trend zur Alkohol-Enthaltsamkeit? „Der wird nicht so schnell wieder verschwinden. Ich denke, das Ganze wird sich noch mehr etablieren“, sagt Weber.

Eine Firma, die der Produktion alkoholfreien Bieres bereits seit den 1970er-Jahren nachgeht, ist die Familienbrauerei Dinkelacker in Stuttgart. Heute seien zwei alkoholfreie Biere im Sortiment, und „beide laufen sehr gut“, sagt Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing Bernhard Schwarz. Vor einigen Jahren noch verpönt, ist alkoholfreies Bier voll im Kommen.

Mittlerweile erreicht alkoholfreies Bier beim Absatz von Bier und Biermixgetränken einen Marktanteil von 6,5 Prozent. Vor elf Jahren waren es noch 2,7 gewesen. Schwarz sieht dafür zwei Gründe: Zum einen sei der Geschmack alkoholfreien Bieres mittlerweile dem Original sehr nah. „Den Geschmacksträger Alkohol musste man ersetzen. Meiner Meinung nach ist das sehr gut gelungen“, sagt er. Zum anderen gebe es einen Imagewandel des alkoholfreien Bieres. Es wird nicht mehr notgedrungen getrunken, weil man eben nüchtern bleiben muss, sondern es wird bewusst und gerne dazu gegriffen. Denn, so begründet es Schwarz: alkoholfreies Bier wird mittlerweile als leckeres, leichtes und isotonisches Erfrischungsgetränk gesehen.

Etwas schwieriger gestaltet sich derzeit noch die Herstellung von alkoholfreiem Wein. Jürgen Willy, Diplom-Ingenieur für Weinbau und Önologie der Privatkellerei Rolf Willy in Nordheim, hat sich vor einem Jahr an den Versuch gewagt und 3000 Flaschen alkoholfreien Wein produziert. Die Kunden seien begeistert gewesen. Aber: „Der geschmackliche Unterschied zu normalem Wein ist noch sehr groß“, so Willy.

Die behördlichen Auflagen für die Herstellung seien kompliziert. Wegen der Entalkoholisierung muss sich die Herstellungsanlage in einem abgeschlossenen Raum befinden.

„Die Produktion von alkoholfreiem Wein steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt Willy, doch er ist sich sicher, dass eine nullprozentige Alternative heutzutage angeboten werden muss und dafür ein großer Markt besteht.

Bernd Weber erkennt mit seinem Getränkehandel auf diesem Gebiet ebenfalls deutliche Defizite: „Alkoholfreier Wein muss erst noch salonfähig werden.“ Doch auch er ist der Überzeugung, dass sich alkoholfreier Wein dann einen Weg in die Trinkkultur der Deutschen bahnen kann. „Momentan verkaufen wir davon jedoch kaum etwas.“

Öfter zum Alkoholfreien greifen – scheinbar kommt tatsächlich eine Abstinenz-Bewegung ins Rollen, wenn auch noch etwas verhalten. Doch es gibt Grenzen für diesen Trend, zumindest wenn es nach Bernd Webers Einschätzung geht. Für alkoholfreie Spirituosen sieht er keine Chance auf dem Markt: „Ich denke, dafür fehlt die Akzeptanz“, so Weber.

Martin Dahl, Betreiber der Nürtinger „Zentralbar“, beobachtet diese Entwicklung ebenfalls in seinem Lokal bei der Stadthalle K3N. „Vor zehn Jahren war es noch eine Seltenheit, alkoholfreies Bier zu verkaufen“, sagt er. Mittlerweile sei dies gang und gäbe. Generell seien alkoholfreie Getränke heute mehr gefragt als noch vor einiger Zeit – vor allem Saftschorlen und alkoholfreie Cocktails. „In den letzten drei Jahren habe ich schätzungsweise ein Plus von 15 bis 20 Prozent beim Absatz von alkoholfreien Cocktails zu verbuchen“, so der Gastronom.

Als Ursache dafür sieht er die immer stärker kontrollierte Nüchternheit von Autofahrern und das immer mehr in den Vordergrund rückende Gesundheitsbewusstsein in der Gesellschaft. Dahl ist wie auch Weber der Meinung, dass sich alkoholfreies Bier weiter etablieren wird. Alkoholfreie Cocktails sieht er hingegen schon eher als Trend, der wieder abflauen könnte oder sich nicht weiter steigern wird.

Mit dem Begriff „Trend“ muss freilich vorsichtig umgegangen werden. Alkoholfreie Alternativen erobern den Markt und auf diesem Gebiet wird zurzeit viel geforscht und experimentiert. Beispielsweise hatte Deutschland 2016 die weltweit zweitgrößte Absatzmenge an alkoholfreiem Bier zu verzeichnen. Rund 490 Millionen Liter – nur der Iran verkaufte etwas mehr. Doch andere Zahlen sind noch immer erschreckend: Nach einer Studie des deutschen Krebsforschungszentrum 2017 konsumieren 18,2 Prozent der Männer und 13,8 der Frauen riskante Mengen an Alkohol. Das ist noch immer knapp jeder sechste Erwachsene.

Zur Startseite