Nürtingen
Nürtingen aktualisiert sein Mobilitätskonzept
Büro SSP soll in Nürtingen Autos, Radfahrer und Fußgänger neu messen – Bei Zielen der Verkehrsentwicklung sprechen Bürger mit
Ein aktuelles Mobilitätskonzept und die Fortschreibung des Verkehrsmodells für Nürtingen hat der Gemeinderat auf den Weg gebracht. Die bisherigen Konzepte aus den Jahren 2005 und 2008 sind nicht mehr zeitgemäß. Auch das Radwegekonzept und das Fußgängerquerungskonzept sollen auf den neusten Stand gebracht werden.
NÜRTINGEN. Für die Verkehrsplanung stehen der Stadtverwaltung derzeit das Integrierte Verkehrskonzept aus dem Jahr 2005, das Verkehrsmodell aus dem Jahr 2008 und das Radverkehrskonzept aus dem Jahr 2011 zur Verfügung. Diese Grundlagen sind für die zukünftige Verkehrsentwicklungsplanung – auch im Hinblick auf die Entwicklungen in der Bahnstadt und die angedachte Verkehrswende sowie die Forderungen des Klimaschutzes – nicht mehr aktuell und aus Sicht der Verwaltung „dringend fortzuschreiben“. Im Haushaltsplan sind bis zum Jahr 2024 rund 280 000 Euro eingestellt für die Mobilitätsthematik.
Für die Fortschreibung des Integrierten Verkehrskonzeptes 2005 zum Integrierten Mobilitätskonzept hat das Ingenieurbüro SSP Consult aus Stuttgart ein Angebot mit Kosten von 104 302 Euro gemacht. Auch die Fortschreibung des Verkehrsmodells würde SSP übernehmen – für 67 879 Euro. Beim Verkehrsmodell wünscht sich die Verwaltung als zusätzliches „optionales Arbeitsprogramm“ vom Büro SSP eine Verkehrsbefragung im Straßenraum. Zusätzlich zur Fortschreibung des Mobilitätskonzepts soll eine vertiefende Fortschreibung des Radwegekonzeptes erfolgen (dafür fallen weitere 26 158 Euro an) sowie als weiteres Arbeitspaket ein neues Fußgängerquerungskonzept (für 7284 Euro) erstellt werden. Der Gemeinderat stimmte bei jeweils acht Gegenstimmen aus ganz verschiedenen Fraktionen mehrheitlich zu. Der Antrag von Otto Unger (Freie Wähler), die Entscheidung ein weiteres Mal zu vertagen, weil es noch mehr Beratungsbedarf gebe, wurde mehrheitlich abgelehnt. Acht Gremiumsmitglieder hatten das Thema zurückstellen wollen.
„Es ist schwierig, mit Konzepten von gestern Lösungen für heute zu finden“, stellte Oberbürgermeister Johannes Fridrich fest. Daher sei es wichtig, aktuelle Daten zu haben – unter anderem mit der Anzahl der Autofahrer und Radfahrer. Das Konzept aus dem Jahr 2008 beinhaltet eine Einschätzung, wie der Verkehr bis zum Jahr 2025 sein könnte. „Jetzt will man wissen, wie sich der Verkehr bis 2035 entwickelt“, erklärte Tiefbauamtsleiter Johannes Martin und verwies auf die Schwachstellen des alten Modells, das nur den Nachmittagsverkehr berechnet habe. „Morgens zwischen 6 und 10 Uhr wurde nicht geschaut.“ Heute würden zudem die gesteckten Ziele andere sein als damals. Neue Zählungen und Messungen sind nötig, um den Ist-Zustand und die Verkehrsstärken darstellen zu können.
„Es ist unstrittig, dass das Verkehrskonzept fortgeschrieben werden muss, weil man mit dem alten nichts anfangen kann“, sagte Martin Häberle (Nürtinger Liste/Grüne – Basis NT). „In 15 Jahren haben sich Sichtweisen und Verhalten geändert.“ Er mahnte aber, nicht zu übersehen, dass in Nürtingen „Schwerlastverkehr auf städtischen Straßen unterwegs ist, die nicht dafür geeignet sind“. Dieser müsse „so weit wie möglich aus der Innenstadt raus“. Im vorliegenden SSP-Angebot werde zudem der ruhende Verkehr zu wenig beachtet. Zudem fehlt ihm eine Erhebung der Fußgängerströme in der Stadt. Wenn dasselbe Büro erneut das Konzept erstelle, bestehe zudem die Gefahr, dass „manches erneut nicht gesehen und einfach von früher übernommen wird“.
Auch Matthias Hiller (CDU) sah die Fortschreibung als notwendig an, weil die Verkehrsströme „zu Stoßzeiten nur hochgerechnet, aber nie untersucht wurden“. Er sprach sich zudem für eine Optimierung des Verkehrsrechners aus.
Es müsse auch darum gehen, „verschiedene Akteure im Straßenraum bestmöglich zu vernetzen“, meinte Michael Gscheidle (Liberale-Aktive Bürger-FWV). An unterschiedlichen Stellen könne es unterschiedliche Prioritäten geben. „An einer Stelle könnte der Radverkehr, an einer anderen der Pkw die erste Priorität bekommen.“ Das Konzept solle „Handlungsfelder aufzeigen, die eine deutliche Verbesserung für alle Verkehrsbeteiligten“ bringen. Er hoffe, dass Maßnahmen beinhaltet sind, die auch finanziert werden könnten.
Für die Fortschreibung der Konzepte werden 18 Monate eingeplant
Pit Lohse (NT14) sprach sich dafür aus, auch die Ziele im Blick zu haben, die das Land vorgibt. Er wünsche sich im Konzept „klarere Aussagen“ und eine feste Verankerung von Bürgerbeteiligung. Er forderte eine „deutliche Nachbesserung der Ziele“ sowie Aussagen zu zeitlicher Umsetzbarkeit und Kosten.
Achim Maier (Freie Wähler) kritisierte, dass von den bisherigen Konzepten zu wenig umgesetzt wurde. Mit den Worten „Man sollte die Möglichkeit haben, das Pferd zu wechseln“ kritisierte er die Verwaltung, die sich für das SSP-Angebot ausgesprochen hat anstatt dem Rat die Wahl zwischen diversen Anbietern zu lassen. Konzepte, die in der Großstadt funktionieren, seien nicht für das Land geeignet. „Das Auto ist weiterhin unser Zugpferd.“
„Seit 2008 haben sich viele Parameter geändert“, sagte Bernhard Schober (SPD). Der Radverkehr habe an Bedeutung zugenommen. „Es müssen neue Daten erhoben werden, um zu wissen, wer mit welchem Verkehrsmittel wohin fährt.“ Die Bürger müssten noch stärker für den ÖPNV gewonnen werden.
Oberbürgermeister Fridrich zeigte Verständnis dafür, dass beim Konzept an manchen Stellen noch „nachgesteuert“ werden muss. Julia Rieger (NT14) möchte, dass der Gemeinderat bei der Zielsetzung des Mobilitätskonzeptes noch mitarbeiten kann. Tiefbauamtsleiter Martin sagte dies zu: „Wir wollen keine Ziele vorsetzen. Es wird in Gruppen erarbeitet, wohin es geht.“ In Workshops mit Gemeinderat und Bürgern sollen Verbesserungswünsche zur zukünftigen Entwicklung des Verkehrs in Nürtingen aufgenommen werden.
Die geplante Bearbeitungszeit für die Fortschreibung des Verkehrsmodells und des Mobilitätskonzepts beträgt 18 Monate. Die Stadt will für die Konzepte Fördermittel beim Land beantragen.