NTZ+ Logo Nürtingen

Rennsport-Legende Helmut Henzler kehrt wieder zum Bergpreis Neuffen 2024 zurück

Helmut Henzler war kurz davor, in der Formel 1 an den Start zu gehen. Der 75-Jährige ist ein Lokalmatador. Zum Bergpreis hat er eine besondere Beziehung und als Rennfahrer schon eine „Riesenzigarre“ gesteuert.

Weltrekorde aufgestellt: Helmut Henzler und der Formel-1-Fahrer Keke Rosberg stehen im Jahr 1980 neben dem VW-Experimentalwagen in Italien. Foto: Helmut Henzler
Helmut Henzler mit seinem Porsche 911 T beim Start beim Bergpreis Schwäbische Alb-Neuffen im Jahr 1970. Foto: Helmut Henzler
Eine der Autogrammkarten von Helmut Henzler. Hier sitzt er in einem Maurer MM80-Rennwagen. Foto: Helmut Henzler
Boxenstopp: Helmut Henzler und Fahrpartner Willi Bergmeister mit dem Jägermeister-Scirocco bei der Tourenwagen-Europameisterschaft. Foto: Helmut Henzler
Mit dem BASF-GS-BMW M1 hat Helmut Henzler die Rennsport-Trophäe gewonnen. Foto: Helmut Henzler
Mit einem gebrochenen Arm gewinnt Helmut Henzler (Zweiter von rechts) das Rennen 1981 am Hochenheimring. Links neben ihm steht Hans-Joachim Stuck, rechts daneben Manfred Winkelhock, mit dem Henzler eng befreundet war. Foto: Manfred Henzler
Zwei der vielen Trophäen, die Henzler in seiner Rennfahrer-Karriere gewonnen hat. Auch der Helm daneben stammt aus dieser Zeit. Foto: Kai Müller
Helmut Henzler in seinem Garten. Über seinen Bananenbaum freut er sich besonders. Foto: Kai Müller
Helmut Henzler im Cockpit seines Formel-3-Wagens nach einem Rennen in Schweden Foto: NZ-Archiv
Super-V-Europameisterehrung in der Essener Gruga-Halle. Vorne in der Mitte ist der Europameister Helmut Henzler zu sehen. Foto: NZ-Archiv

NÜRTINGEN. Gibt es ein größeres Kompliment? „Er hat sämtliche Rennanzüge aufgehoben und passt in alle noch rein“, sagt Gerda Henzler lachend. Neben ihr steht ihr Mann Helmut und muss ebenfalls grinsen. Drahtig und fit wirkt der 75-Jährige. Immer wieder springt er auf und holt neue Ordner und Fotos, die sein Rennfahrerleben dokumentieren. Bei dieser Fitness ist es keine Frage, dass der frühere Automobilrennfahrer bei den Schaufahrten zum Bergpreis Schwäbische Alb in Neuffen am 1. September wieder an den Start geht. „Selbstverständlich bin ich dabei“, sagt Helmut Henzler. Angeboten habe man ihm die Fahrt in einem einsitzigen Sportwagen oder einem Porsche. „Aus alter Verbundenheit habe ich mich für den Porsche entschieden“, sagt der Senior lachend. Mit dem Sieg beim Bergpreis 1970 hat Henzlers Rennfahrer-Karriere angefangen. „Fachleute wissen, dass Helmut Henzler aus Frickenhausen mit seinem Porsche 911 T immer an der Grenzen des Möglichen fährt“, heißt es in der Nürtinger Zeitung am 28. September 1970. 1977 gewann er ein weiteres Mal in Neuffen. Bei den GT-Wagen ließ der Mann aus Frickenhausen, seit einigen Jahren wohnt er in Nürtingen, 1970 in der Klasse über 2000 Kubikzentimeter alle hinter sich. „Ein Jahr zuvor bin ich mit einem Glas 1300 GT abgeflogen“, erzählt Henzler. Das sei ein Serienauto gewesen, ohne Überrollbügel oder Sicherheitsgurte. Den Unfall erwähnt auch der Berichterstatter: „Drei Rückenwirbel waren zersplittert, zwei Tage war er gelähmt.“

Ein Mann für viele Sportarten

Doch davon ließ sich Henzler nicht beeindrucken. „Mein Vater Erwin war ein begeisterter Motorradfahrer“, erzählt die Rennsportgröße. Auf der Solitude habe er Ende der 50er- und Anfang der 60-Jahre Rennluft geschnuppert und wollte selbst einmal in einem Rennwagen sitzen. Henzler ist bis heute ein richtiger Sport-Enthusiast geblieben. Während er mittlerweile im Golfen auch überregional in seiner Altersklasse erfolgreich ist, haben es ihm immer noch das Tennisspiel angetan und auch auf der weißen Piste war er durchaus erfolgreich. „Er war ein Super-Skifahrer“, erzählt Ehefrau Gerda. Ihr Mann nahm früher an Lehrgängen des Schwäbischen Skiverbands teil.

1978 gelingt Helmut Henzler ein Husarenstück

Doch mehr Talent hatte er eben als Rennfahrer. „Henzler zählt zu den wenigen Deutschen, denen internationale Fachkreise Chancen für einen Sprung in die Formel 1 einräumen“, konstatierte einst Norbert Haug, der spätere Mercedes-Benz-Motorchef, als der noch für die Zeitschrift „Auto Motor Sport“ schrieb. 1973 erreichte Henzler einen sechsten Platz mit Porsche beim GT-Europapokal. Ein Beinbruch beim Sommerskilaufen kostet ihn eine bessere Platzierung. Weiter ging es nach einer Pause 1977 mit dem VW-Scirocco und Sponsor Jägermeister bei der Tourenwagen-Europameisterschaft mit Fahrpartner Willi Bergmeister. Es war der Beginn der Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Tuner Spiess. Sechs Siege und Bester der Division bis 1600 Kubikzentimeter waren die Folge. Im Jahr darauf saß er als Pilot in einem March-Rennwagen. 1978 gelang ihm als 27-Jähriger in der Formel Super V ein echtes Husarenstück. Von 14 Rennen gewann er elf. Er errang den Titel des Europameisters und Deutschen Meisters. Das war vor ihm noch keinem deutschen Fahrer geglückt. VW nahm ihn als Werksfahrer unter Vertrag und 1979 startete er in das Abenteuer Formel 3. Daran änderte auch ein dreifacher Bänderriss nichts, den er sich nach der Vertragsunterschrift beim Tennis zugezogen hatte.

Mit dem Sattelschlepper durch Europa

Mittlerweile begannen sich die Medien für den schnellen Schwaben zu interessieren. Mit dem Sattelschlepper samt Wohn-, Koch und Schlafkabine ging es quer durch Europa. Immer dabei Mutter Gertrud und Vater Erwin. Für Helmuts Frau war natürlich bei Bedarf auch noch Platz. Der frühere Rennfahrer hat das sehr genossen. „Ich musste nicht ins Hotel und es gab immer Kaffee und Kuchen“, sagt er heute lachend. Der „Junge Wilde“ überzeugte mit seinem fahrerischen Können, lieferte sich spannende Duelle mit dem späteren Formel-1-Weltmeister Alain Prost. Der Traum von der Formel-1-Karriere schien zum Greifen nach. Die Welt am Sonntag frohlockte bereits, dass es im Jahr 1980 zwei weitere deutsche Formel-1-Rennfahrer geben wird, darunter Helmut Henzler. Arrows plante mit einem dritten Auto. Henzler setzte sich bei Testfahrten durch. Fast wären Ricardo Patrese und Jochen Mass seine Teamkollegen geworden. Doch aus finanziellen Gründen zerschlug sich der Traum. „Ich hätte eine große Mitgift mitbringen sollen“, sagt Henzler. Doch die Summe sei viel zu hoch gewesen. Im Jahr 1980 fuhr Henzler in einem Maurer MM80-Rennwagen bei der Formel-2-Europameisterschaft mit. Mitte des Jahres 1980 erhielt er einen Anruf von VW. In der Folge ging er nicht nur mit dem Formel-1-Fahrer auf Weltrekordjagd, sondern plauderte auch mit Dieter Kürten im „Aktuellen Sport-Studio“ darüber. VW erklärte damals den Einsatz des ARVW (Aerodynamic Research Volkswagen) zur geheimen Kommandosache. „Wenn ich Helmut besucht habe, wurden wir immer genau durchsucht, damit wir auch ja keinen Fotoapparat dabei haben“, erinnert sich Gerda Henzler. Ihr Mann wurde für die Testfahrten mit einem Learjet abgeholt, auch da sollte niemand wissen, was genau im italienischen Nardo passiert. Die beiden Rennfahrer holten alles aus der „rasenden Riesenzigarre“ heraus. „Sie war nicht höher als der Tisch hier“, sagt Henzler beim Gespräch auf der heimischen Terrasse in Nürtingen.

Auf dem Hockenheimring mit lädiertem Arm gewonnen

Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke sollten der Zusammenhang zwischen Verbrauch und Aerodynamik untersucht werden. Zudem ließen Keke Rosberg und Helmut Henzler einige Geschwindigkeitsrekorde purzeln. Die schnellste Runde schaffte Henzler mit 362,07 Kilometern pro Stunde. Als dann die Weltrekorde in der Öffentlichkeit bekannt wurden, sollte der Rennfahrer aus Frickenhausen ins „Aktuelle Sport-Studio“ kommen. Doch Henzler war zu diesem Zeitpunkt gerade in Togo mit Freunden unterwegs, um mit VW-Bussen Medikamente in ein Krankenhaus zu bringen. Als er sich zu Hause meldete, sagte Gerda nur: „Guck nach einem Flugzeug.“ Als er vor Ort ankam, hatte er offenbar ein wenig mitgenommen ausgesehen: „Die wollten mich gar nicht ins Hotel lassen.“ Doch es passte schließlich noch alles.

Im Jahr 1981 ging Henzler mit dem BASF-BMW M 1 auf Meisterschaftsjagd. Die Rennsport-Trophäe sollte her. Ein Bild zeigt ihn mit dem Gewinnerpokal nach dem Rennen am Hockenheimring. Neben ihm stehen Hans-Joachim Struck und Manfred Winkelhock. Was noch mehr auffällt: Henzlers rechter Arm steckt in einem Gipsverband. Im Rennen zuvor war der „schnelle Schwaben“ in einen Unfall verwickelt gewesen. Die Folge: ein Bruch des Handgelenks und mehrere Prellungen. Der Führende im Gesamtklassement wollte aber auch auf dem Hockenheimring unbedingt wieder fahren. Der Gips wurde mit einer Geflügelschere entfernt und Henzler zog fürs Rennen eine Ledermanschette an. Ehefrau Gerda hatte Gipsbinden dabei, die sie ihm nach dem Rennen wieder anlegte. „Welcher Idiot hat denn diesen Gipsverband angelegt?“, hieß es dann später im Krankenhaus, wie Gerda lachend erzählt.

1981 die Rennfahrerei aufgegeben

Als Ihr Mann schließlich dann auch noch beim Rennen im belgischen Zolder einen Trainingsunfall hatte, war Schluss mit der Rennfahrerei. „Es ist Zeit“, sagte damals Henzler, auch weil er das Glück nicht noch mehr herausfordern wollte.

Vergessen ist der Name des Rennfahrers aber auch heute nicht. Immer wieder muss der 75-Jährige noch Autogrammwünsche erfüllen. Das macht Henzler natürlich gern. Ebenso gern ist der Lokalmatador auch wieder beim Bergpreis in Neuffen am Start: „Es ist toll, dass das als Schaufahrt wieder ins Leben gerufen wurde.“ Lange suchen nach einem Rennoutfit muss Helmut Henzler ohnehin nicht. Die Rennanzüge von einst passen ja noch wie angegossen.

Zur Startseite