Nürtingen

Kommentar: Wie politisch darf der CSD in Nürtingen sein?

Ein CSD muss politisch sein, sich aber klar von Gewalt und Extremismus abgrenzen, findet der stellvertretende Ressortleiter Matthäus Klemke. Lesen Sie auch den Artikel „CSD-Demo zieht lautstark durch Nürtingens Innenstadt“.

Beim CSD in Nürtingen sind antifaschistische Gruppierungen willkommen. Foto: Stefan Rosenfeld

NÜRTINGEN. Der Christopher Street Day (CSD) ist nicht überall so, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. In Stuttgart beispielsweise erinnert die Veranstaltung mit ihren großen Wagen, viel Musik und Werbung eher an eine riesige Party. Dass die Veranstalter in Nürtingen eine andere Richtung einschlagen wollen, haben sie bereits im vergangenen Jahr deutlich gemacht: Ihr CSD soll politisch sein, keine bloße Feier. Dass sich dabei auch antifaschistische Gruppierungen einbringen, stößt manchen Menschen sauer auf. Doch ein Teil der Kritik beruht auf einem Missverständnis.

Der CSD war schon immer politisch. Seine Ursprünge liegen in den Protesten queerer Menschen gegen Polizeigewalt und Diskriminierung. Wer heute für die Rechte und die Freiheit queerer Menschen demonstriert, kann deshalb nicht einfach wegsehen, wenn diese Rechte infrage gestellt werden. Antifaschismus gehört zum Kampf für eine freie und vielfältige Gesellschaft. Eine antifaschistische Haltung ist nicht nur legitim, sondern notwendig.

Warum also steht der Nürtinger CSD in der Kritik? Ein Grund dürfte das verbreitete Bild von „der Antifa“ sein. Wer das bekannte Logo mit der roten und der schwarzen Fahne sieht, denkt möglicherweise sofort an Linksradikalismus oder Gewalt. Dabei gibt es „die Antifa“ als einheitliche Organisation gar nicht. Der Begriff steht für unterschiedliche antifaschistische Gruppen und Initiativen, deren politische Vorstellungen und Methoden sich erheblich unterscheiden können. Antifaschistische Gruppierungen pauschal mit Gewalt und Extremismus gleichzusetzen, greift deshalb zu kurz. Antifaschismus bedeutet zunächst, sich gegen Faschismus, Rechtsextremismus und menschenfeindliche Ideologien zu stellen. Das ist eine wichtige Grundlage einer demokratischen Gesellschaft.

Genauso falsch wäre es jedoch, jede Gruppierung, die sich antifaschistisch nennt, unkritisch zu betrachten. Darunter gibt es auch Gruppen, die Gewalt rechtfertigen oder extremistische Positionen vertreten. Deshalb muss man genauer hinsehen, statt alle über einen Kamm zu scheren.

Am Nürtinger CSD waren keine vermummten Demonstranten zu sehen, die auf Krawall aus waren. Die Veranstaltung verlief, soweit vor Ort zu beobachten war, friedlich. Die bloße Anwesenheit antifaschistischer Symbole macht daraus noch keine linksextreme Demonstration.

Trotzdem haben die Veranstalter ein Problem nicht ausreichend gelöst. Wer sich öffentlich mit antifaschistischen Gruppierungen solidarisiert und sich klar politisch positioniert, muss auch erklären, wo die eigenen Grenzen liegen. In den zahlreichen Reden wurde immer wieder die antifaschistische Haltung der Veranstalter betont. Eine klare Aussage, dass man sich von Gewalt und linksextremistischen Positionen distanziert, fehlte jedoch.

Eine solche Abgrenzung hätte dem CSD gutgetan. Sie hätte seine demokratische Haltung unterstrichen und möglicherweise auch jene Menschen erreicht, die der Veranstaltung bisher skeptisch gegenüberstehen.

Antifaschismus und der Einsatz für queere Rechte gehören zusammen. Eine klare Distanzierung von Gewalt und linksextremistischen Positionen gehört aber ebenso dazu. Nur so kann der CSD in Nürtingen seinem Anspruch gerecht werden, für Freiheit, Vielfalt und Gleichberechtigung einzustehen.

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