Nürtingens Konzertensemble-Chef Hans-Peter Bader hat sein aufregendstes Engagement hinter sich: in Bischkek am Fuße des Himalaja
NÜRTINGEN. Ernst ist das Leben, heiter die Kunst: Das wusste schon unser aller Schwabenstolz Friedrich Schiller. Doch auch er hat diese Erkenntnis in Wallensteins Lager hineinversetzt. Denn zuweilen kann sich auch die heitere Kunst mitten im bitter ernsten Leben wiederfinden. Der Nürtinger Musikschulleiter Hans-Peter Bader kann quasi eine ganze Opernarie davon singen.
Und dabei fing alles so harmlos an: In Kirgisien gibt es einen Konzertveranstalter namens Emponi Art. Der hat seit drei Jahren in Bischkek, der Hauptstadt der Republik, eine Konzertreihe mit Werken nichtrussischer Komponisten etabliert. Auf der Suche nach einem Dirigenten für das „Symphonic Orchestra of the National Academic Theatre of Opera and Ballet“ (so der Lindwurmname des Orchesters der Nationaloper Bischkek) bekamen die Kirgisen einen Tipp: „Fragt doch mal in Nürtingen nach!“ Die gute Arbeit, die Musikschulleiter Hans-Peter Bader nicht zuletzt mit dem Nürtinger Konzertensemble geleistet hat, hatte sich offenkundig bis weit hinter dem Ural herumgesprochen.
Hubschrauber über der Oper
Was man dem Publikum am Karfreitag in den Ausläufern des Himalaja bieten wollte, darüber war man sich schnell einig: Ludwig van Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre ebenso wie Edward Griegs „Peer-Gynt“-Suite, Max Bruchs berühmtes Violinkonzert (mit dem kirgisischen Geiger Murat Rena als Solisten) und Arien von Giuseppe Verdi, Antonin Dvoák, Johann Sebastian Bach und Emmerich Kalman (mit der einheimischen Sopranistin Jamila Raimbekova).
So was macht man natürlich nicht so einfach im Vorbeigehen: „Wir haben wahnsinnig hart geprobt“, erinnert sich Bader. Schließlich sind die asiatischen Musiker in den westeuropäischen Klangwelten nicht unbedingt mit traumwandlerischer Sicherheit zu Hause.
Was draußen vor der Operntür vor sich ging, das kriegte man gar nicht so richtig mit. Während der Generalprobe am Gründonnerstag hieß es plötzlich, dass Tausende aus dem Süden Kirgisiens im Anmarsch auf die Hauptstadt seien: „Da haben wir uns immer noch nicht viel dabei gedacht.“ In der Pause knatterten dann plötzlich unzählige Hubschrauber über die Oper in Richtung des Regierungssitzes im Weißen Haus, von wo aus Präsident Askar Akajew das Land seit dem Ende der Sowjetunion regiert hatte.
Nun dämmerte es auch dem Orchester, dass da mehr im Gange war als ein Operettenputsch: „Die wollten lieber heim und baten drum, die Probe abbrechen zu dürfen.“
Dem Wunsch folgte Hans-Peter Bader selbstverständlich, und er war darüber auch ganz froh, als er im Hotel hörte, dass seine Frau Roswitha schon zu einem deutschen Ehepaar evakuiert worden war: „15 Leute haben da die Nacht verbracht, und die ganze Zeit über lief der Fernseher.“ Über Handy kriegte man mit, dass Zeitgenossen, denen es nicht unbedingt in erster Linie um die Einführung der Demokratie in Kirgisien ging, mit den Plünderungen der der Akajew-Sippe gehörenden Kaufhäuser begannen.
Die Situation wurde umso pikanter (und auch brisanter), da Akajews Frau als „First Lady“ Kirgistans die Schirmherrschaft über die Konzertreihe hatte und auch unbedingt noch zu Baders Gastspiel wollte: „Die hatte die Unruhen gar nicht ernst genommen.“
Musste sie aber doch. Dass man am Freitag nicht spielen konnte, war sehr schnell klar, um einen zweiten Termin am Mittwoch drauf kämpfte man indes noch lange. In Gesprächen mit Sponsoren wurde auch dieser zweite Versuch abgeblasen. Allerdings nicht für immer: „Wir hatten doch so lange geprobt, das wäre einfach zu schade gewesen.“
Die Lösung: Ein dritter Anlauf, eine Umwidmung des Konzerts in eine Gala für Verständigung und Frieden im kirgisischen Volk. Die schon gedruckten Programme mit entsprechender „Lady-Akajew-Huldigung“ wurden total eingestampft, die Baders reisten aus, und Hans-Peter mutete sich neulich einen erneuten Gewalt-Trip zu: Flug von Hannover nach Kirgisien, eine Probe, Konzert, gleich wieder raus.
Diese Ochsentour hatte aber auch schöne Aspekte: Die Oper platzte aus allen Nähten, das Orchester „hat sich wahnsinnig angestrengt (die sind in der Probenphase richtig gut geworden)“, es gab stehende Ovationen, auch der neuen Herren von Kirgisien, von denen indes mittlerweile auch niemand wirklich weiß, wie lange sie noch im Amt sind.
„Viel Herzblut reingeflossen“
So hatte sich all das Tohuwabohu letztlich gelohnt. Angst hatte der Nürtinger übrigens hauptsächlich in der Phase, als der Mob auf der Straße wütete: „Da war weit und breit weder Polizei noch Feuerwehr zu sehen. Das Hotel hatte sich aus Judoverein und Ähnlichem eine Privatarmee rekrutiert, die mit Holzknüppeln den Eingang bewachte.“
Gleichwohl: „In dieses Konzert ist viel Herzblut reingeflossen.“ Es habe trotz allem auch großen Spaß gemacht, mit diesem völlig fremden Orchester zu musizieren: „Ich konnte die musikalische Seele Europas rüberbringen, und die haben das auch musiziert. Der Weg vom totalen Chaos durch harte Arbeit (und oft nur Gestik) zu einem richtig schönen Klangkörper - das war schon beeindruckend.“
Die Staatsoper in Bischkek. Überm Eingang: Das Plakat mit der Werbung von Hans-Peter Baders Konzert. Foto: privat