Nürtingen
Keller der Hochschule in Nürtingen: Hier wird geknutscht, dort gebeichtet
Keller-Geschichten: In einer Serie erkunden wir die Gewölbe unter der Oberfläche. Es sind Räume, die faszinieren, aber auch ein wenig unheimlich sind. Heute: die Keller der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen. Mehr Bilder finden Sie in unseren Bilderstrecken zum Fruchtkeller und dem kleinen Keller der HfWU.
NÜRTINGEN. Es muss ein denkwürdiger Auftritt der Kleinkunstgruppe „Kleine Tierschau“ im Fruchtkeller der Hochschule für Umwelt und Wirtschaft (HfWU) gewesen sein. Mitten durch das Gewölbe war ein Drahtseil gespannt und auf diesem fuhr der Entertainer Michael Gaedt mit einem Motorrad. HfWU-Pressesprecher Gerhard Schmücker war nicht dabei, aber er kennt viele Erzählungen dieses legendären Abends. Doch heute liegt der große Fruchtkeller im Dornröschenschlaf. „Er ist offiziell gesperrt“, erklärt Schmücker. Und das schon seit einiger Zeit. Der Pressesprecher hat einige Konzerte hier unten erlebt. Bei der Nürtinger Musiknacht war das Gewölbe Dauergast und der größte Veranstaltungsort. Mehrere Hundert Besucher kamen „zur längsten Party des Jahres“, wenn beispielsweise die Coverband „The Lunatics“ rockte. Auch die Hochschule nutzte früher den Keller für interne Veranstaltungen.
Eine Theke aus Bierkästen erinnert noch an die Konzertabende
Doch diese Zeiten sind vorbei. Brandschutz und ein fehlender Fluchtweg lassen derzeit weitere Konzerte nicht zu. Die historische Treppe, die über ein Tor zur Lampertstraße führt, ist zu steil, die Stufen vor allem im oberen Abschnitt zu schmal. „Bislang gibt es dafür keine Lösung“, sagt Schmücker. Ausnahmsweise hat Bernd Matzner, Hausmeister des Campus Innenstadt, den imposanten Raum für unsere Zeitung aufgesperrt. Eine Theke mit gestapelten Bierkästen erinnert noch an die Konzertabende. In einer Ecke deuten einige große Fässer auf die einstige Nutzung der HfWU-Katakomben hin. Der Keller ist in einem guten Zustand und er ist auch nicht feucht. Einst wurde hier der Wein gelagert, der dem damaligen Spital aus dem Weinzehnten zustand. Im Jahr 1526 erhielt Nürtingen die Genehmigung, ein solches Spital zu errichten. Das Spital war allerdings laut Stadtarchivar Reinhard Tietzen kein Krankenhaus, wie man es sich heute vorstellt, stattdessen standen Armenfürsorge und Altersversorgung im Vordergrund. Das Vermögen wuchs und das Spital übernahm weitere Aufgaben. Mit dem Vermögen wurde schließlich der Grundstein für die „Schulstadt“ Nürtingen gelegt.
Nach dem Stadtbrand im Jahr 1750 baute die Stadt das Spital wieder auf. Nach und nach verlor es aber laut Tietzen seine Funktion und wurde sogar gewerblich genutzt. Bis dort im Jahr 1843 der Gründungsrektor Theodor Eisenlohr das zweite evangelische Lehrerseminar in Württemberg einrichtete. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1949) zog dann die Höhere Landbauschule ein, aus der später die Fachhochschule Nürtingen (1972) hervorging.
Die Obstbauschule nutzte den Keller zur Lagerung von Früchten. Daher stammt auch der Name. Eine Besonderheit ist der sogenannte Beichtstuhl. Dieser befindet sich in einer Ecke des Fruchtkellers. Es handelt sich um eine Art ummauerte Nische, die durch eine steile Treppe zu erreichen ist. Im Innern der Nische gibt es eine fest eingerichtete Sitzgruppe. Dort sollen laut Tietzen die flüssigen Erzeugnisse der Obstbauschule verkostet worden sein.
Im „Kleinen Keller“ geben Studierende den Ton an
Dass dieser Keller durchaus für Geschichten gut ist, schreibt auch die Nürtinger Zeitung am 9. Oktober 1954. Damals förderten die Obstbauschüler bei einer Aufräumaktion viele interessante Funde zu Tage, wie alte Tonscherben und Eisenstücke sowie menschliche Knochenreste.
Ob es allerdings wirklich das Mädchen war, das vor 300 Jahren von einem Küfer ermordet worden sein soll und nun durch die Räume spukt? Deutlich weniger gruslig geht es im Kleinen Keller zu, der sich unter dem Gebäude CI 5 befindet. Die Studierenden geben hier den Ton an, wird die Untergrund-Kneipe doch von ihnen verwaltet. „Der Kleine Keller ist legendär“, sagt Schmücker. Sofas, Holzpaletten, eine Theke mit Leuchtreklame, jede Menge Trinksprüche und das Schild „30 Jahre Kleiner Keller, kickern, Krawall, knutschen“: Dieser Raum ist eine echte Institution an der HfWU und seit einem halben Jahr herrscht dort auch wieder Normalbetrieb. Das heißt zum Beispiel regelmäßige Kneipenabende am Dienstag.
Corona hat auch dem „Kleinen Keller“ eine Auszeit beschert. „Langsam ruckelt sich wieder alles zurecht“, weiß aber Schmücker. Bis der Fruchtkeller wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann, muss es noch gewaltig ruckeln. Und damit ist jetzt kein Motorrad auf einem Drahtseil gemeint.
Nicht nur in Nürtingen gibt es ungewöhnliche und interessante Keller-Geschichten zu erzählen. Ganz egal, ob groß oder klein, falls Sie einen Keller kennen, melden Sie sich gern unter forum@ntz.de oder unter der Telefonnummer (0 70 22) 94 64-294.
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