NTZ+ Logo Nürtingen

Der erste Schritt zur Integration sind Sprachkurse

Die deutsch-türkische Buchautorin und Frauenrechtlerin Seyran Ates beleuchtete in der Versöhnungskirche den interkulturellen Alltag

NÜRTINGEN. „Was fördert und was behindert das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Sprache und Religion?“ Die Frage, von Pfarrer Heim einleitend formuliert, stand am Donnerstag im Mittelpunkt der Veranstaltung mit Seyran Ates in der Nürtinger Versöhnungskirche. Die Berliner Frauenrechtlerin und Buchautorin kämpft seit Jahren gegen patriarchalische Lebensverhältnisse in muslimischen Einwandererkreisen und fordert ein Gesetz gegen die Zwangsheirat. Vom Landtag von Baden-Württemberg wurde Seyran Ates als Sachverständige im Kopftuchstreit gehört.

Seyran Ates wirkt bei ihrem Vortrag ruhig und überlegt. Ganz offen spricht sie aus, was sie denkt und fühlt. Viele der rund 150 Zuhörer im Kirchenraum wissen, dass im Dialog um ein Miteinander zwischen deutschen und türkischen Mitbürgern viel Fingerspitzengefühl notwendig ist. „Die Diskussion ist teilweise künstlich“, weiß Seyran Ates aus langjähriger Erfahrung. Die einen hätten Angst vor Überfremdung und die andern würden sich den Multikultideckmantel überstreifen. „Aber im Kern sind wir uns doch alle einig, wir wollen friedlich miteinander und partiell nebeneinander leben.“

Seyran Ates kam als sechsjähriges Mädchen mit ihren Eltern, türkischen Gastarbeitern, Ende der 60er Jahre nach Deutschland. Behütet von den Eltern und ihren Brüdern durfte sie als Mädchen nie allein auf der Straße spielen. Die Schule hat ihr Spaß gemacht. Sie war die einzige Türkin in einer deutschen Klasse und eine sehr gute Schülerin. Sehr früh hat sie sich gegen die Unterdrückung von Frauen und Mädchen zur Wehr gesetzt. Mit 17 ist sie von zu Hause weggelaufen vor den Schlägen ihres Bruders, dem Unverständnis der Mutter, dem strengen Vater und der drohenden Zwangsverheiratung. Sie lebte in besetzten Häusern und Wohngemeinschaften mit Deutschen. In einem Frauenbüro engagierte sie sich für die Rechte ihrer Geschlechtsgenossinnen und wurde von einem Mitglied der „Grauen Wölfe“ angeschossen. Das Geschoss durchschlägt ihre Halsschlagader und bleibt zwischen dem vierten und fünften Halswirbel stecken. Seyran Ates überlebt schwer verletzt. Eine andere junge Frau wird bei dem Attentat getötet. Obwohl sie den Täter identifiziert, wird er freigesprochen - aus Mangel an Beweisen. Mit eisernem Willen überwindet sie die Folgen ihrer schweren Verletzung, beendet ihr Jurastudium und eröffnet in Berlin eine Kanzlei. Zu ihren Klienten gehören viele Migrantinnen. Ihren Kampf für die Rechte muslimischer Frauen setzt sie fort. Seyran Ates ist nicht nur in Deutschland eine gefragte Referentin, auch in anderen Ländern schätzt man ihre Offenheit und ihr Engagement. „Es wird viel um den heißen Brei herumgeredet“, sagt sie und verweist auf die Beratung über das Zuwanderungsgesetz. „In Deutschland wurde bisher keine vernünftige Integrationspolitik betrieben“, bedauert Ates, „das wird uns noch großen Ärger einbringen.“ Zu glauben, die dritte oder vierte Gastarbeiter-Generation werde sich schon assimilieren, habe sich als Trugschluss erwiesen. Die Entwicklung sei eher rückwärts gewandt. „Die dritte Generation ist die verlorene Generation“, sagt Ates über junge Männer, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, „die türkische Flagge hochhalten, aber keine Ahnung vom Land haben und nur Bruchteile der Tradition übernommen haben.“ Sie ärgert sich über Kinder und Jugendliche, die in die patriarchalischen Spuren ihrer Väter treten, „zehnjährige Hosenscheißer, die bestimmen wollen, wen ihre Schwester heiraten soll“.

„Multikulti ist verantwortungslos“, sagte Ates in einem Interview in der „taz“ und übte dabei Kritik am Verhalten der Grünen, die eine unheimliche Angst hätten, kulturelle Minderheiten an den Grundrechten zu messen. „Sind Frauenrechte keine Menschenrechte?“, fragt sie und wehrt sich dagegen, dass Zwangsheirat als Bagatelle abgetan werden soll. Über dieses Thema hat sie auch schon Gespräche mit dem Zentralrat der Muslime oder Vertretern der Islamischen Förderation geführt. Dort höre sie von den Imamen, dass diese ebenfalls gegen Zwangsverheiratung seien. Ihrer Aufforderung, diese Haltung in der Öffentlichkeit publik zu machen, seien die Herren aber noch nicht nachgekommen. Das Kopftuch ist für für die Juristin kein religiöses Symbol, sondern ein Zeichen der Unterdrückung der Frau durch den Mann. Im Koran gebe es keine einzige Stelle, wonach Gott bestimme, dass eine Frau ein Kopftuch tragen solle. Es gebe nur Stellen, die besagen würden, dass eine Frau auf Grund ihrer Stellung in der Gesellschaft sich mäßigen und zurückhalten solle. Beim Kopftuch gehe es ausschließlich um das Verhältnis zum Mann. Diese Symbolkraft könne ihm keine Frau nehmen.

Die wichtigste Voraussetzung für Integration ist, dies zeigte sich auch im sehr lebendigen Gespräch mit den Zuhörern, die Sprache zu lernen. Seyran Ates kann nicht verstehen, dass in Deutschland kein Geld für Intergrationskurse vorhanden ist. Ihre Wunschvorstellung ist, dass in solchen Kursen nicht nur die Sprache vermittelt wird, sondern auch Staatsbürgerkunde auf dem Stundenplan steht.

Wie so häufig im Leben hat alles zwei Seiten. Auf der einen Seite gibt es Migranten, die sich schwer tun mit der Integration, und auf der anderen Seite gibt es Deutsch-Türken mit guten Sprachkenntnissen und guter Bildung, die sich ebenfalls nicht akzeptiert fühlen. Ates wundert sich, dass diese „interkulturelle Kompetenz“ nicht genutzt wird. Auf diese Menschen, die in mehreren Sprachen und Kulturen beheimatet seien, müsse die Politik zurückgreifen. Erst wenn diese Menschen in ihrer Vielschichtigkeit geachtet und geschätzt würden, sei Integration gelungen.

Dass die Veranstalter, die Versöhnungskirchengemeinde, der Beauftragte für Mission, Ökumene und Entwicklung, die Beauftragte für Asyl im evangelischen Kirchenbezirk, der Arbeitskreis Asyl Nürtingen, das Evangelische Bildungswerk im Kreis Esslingen und die Stadtteilinitiative Braike Aktiv, mit ihren Bemühungen um ein friedliches Miteinander auf dem richtigen Weg sind, spiegelten die unterschiedlichen Wortmeldungen wider. Türkische Gastarbeiter, die vor über 40 Jahren nach Deutschland gekommen sind und sich hier inzwischen sehr wohl fühlen, meldeten sich ebenso zu Wort wie junge Frauen (ohne Kopftuch), die hier zur Schule gegangen sind, eine Ausbildung gemacht, eine Familie gegründet haben und sich von ihren Männern nicht unterdrückt fühlen.

Wir stehen immer noch am Anfang der Debatte“, sagte Moderatorin Ragini Wahl. Der Abend mit Buchautorin Seyran Ates gab viele Impulse, die Suche nach einer freiheitlich-demokratischen Werteordnung im Alltag einer interkulturellen Gesellschaft fortzusetzen.

„Große Reise ins Feuer“ heißt das Buch von Seyran Ates, in dem sie ihre Geschichte als deutsche Türkin erzählt. Erschienen im Rowohlt Verlag Berlin.

Seyran Ates, Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin, in der Versöhnungskirche. ali

Zur Startseite