Nürtingen
Aus der Massenunterkunft in den Traumjob
Fünf Jahre Integration: Zwei junge Syrer aus Nürtingen blicken auf ihre bisherige Zeit in Deutschland zurück
Als Sepan und Shokre 2014 aus Syrien nach Deutschland kommen, stehen sie vor dem Nichts. Heute sind die beiden jungen Männer ein gutes Beispiel für gelungene Integration – doch die vergangenen Jahre waren alles andere als einfach.
NÜRTINGEN. Fragt man Shokre und Sepan nach ihren ersten Tagen in Deutschland, schütteln beide ungläubig mit dem Kopf. „Es war wirklich schlimm“, sagt der 25-jährige Sepan schließlich. Der ein Jahr ältere Shokre nickt mit dem Kopf. „Wir brachen voller Vorfreude nach Deutschland auf. Aber wir wussten ja nicht, was uns hier erwartet“, fährt Sepan fort.
Die Heimat verlassen wollte keiner von beiden. „Mein größter Traum war es, in Syrien eine Familie zu gründen“, sagt Sepan. Bis zum Ausbruch des Krieges führen er und Shokre ein gutes Leben in Syrien. Shokre macht sein Abitur, beginnt dann ein Ingenieurs-Studium. Als talentierter Schwimmer nimmt er an Meisterschaftswettkämpfen teil. Sepan macht mit 15 Jahren seinen Schulabschluss, merkt schnell, dass Kochen seine große Leidenschaft ist. Seine Kochlehre schließt er als Jahrgangsbester ab und bekommt direkt nach seiner Ausbildung einen Arbeitsplatz. „Als 2011 der Krieg kam, änderte sich alles“, sagt Sepan.
Junge Männer müssen sich entscheiden, ob sie fliehen oder in den Krieg ziehen. „Zuerst haben wir weiter gelebt, wie bisher auch, doch als sich die Lage verschärfte, beschloss die Regierung die jungen Menschen in den Krieg zu schicken“, sagt Sepan. Er ist damals 19, Shokre 20 Jahre alt. Beide beschließen, unabhängig voneinander, ihre Familien zu verlassen und die gefährliche Flucht nach Deutschland anzutreten.
„Wir starteten mit einer Gruppe von 45 Personen. 14 Tage später kamen wir mit 25 Personen in Deutschland an“, erinnert sich Sepan. Die Strapazen der Flucht sind für einige zu viel: „Wir hatten oft tagelang nichts zu essen, mussten stundenlang durch Wälder laufen. Wir hatten zwei Wochen keine Dusche, kein Bett und keine Verbindung zur Außenwelt.“
Vom Krieg in die Hoffnungslosigkeit
Doch in Deutschland ist die Situation anders, als sich die beiden erhofft hatten. Shokre kommt in eine Sammelunterkunft in Karlsruhe. „Da waren viel zu viele Leute, bestimmt um die 500“, erinnert er sich: „Überall war Polizei und Security. Jeden Tag gab es Schreie und Schlägereien. Es war wie im Gefängnis.“
Sepan erzählt von ähnlichen Verhältnissen. Nach seiner Ankunft wird er in eine Sammelunterkunft in Mannheim geschickt. „Es war eine der schlimmsten Erfahrungen, die ich je machen musste“, sagt er: „Da waren 300 Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern. Ich wurde sehr krank und keiner konnte mir helfen. Ich war auf Menschen angewiesen, die ich nicht verstanden habe. Zu dem Zeitpunkt kamen große Zweifel und Hoffnungslosigkeit in mir auf.“
Die Geflüchteten in den Landeserstaufnahmestellen werden auf die Landkreise und Gemeinden aufgeteilt. In den Sammelunterkünften in Karlsruhe und in Mannheim werden Listen ausgehängt. „Dort stand, wer an welchen Ort kommt und wann er abgeholt wird“, sagt Shokre. „Irgendwann habe ich meinen Namen gelesen und daneben stand Nürtingen. Ich hatte keine Ahnung, wo das ist.“
Auch für Sepan geht es von Mannheim nach Nürtingen. Der Landkreis richtet eine Unterkunft zur vorläufigen Unterbringung von Flüchtlingen am Lindenplatz in Oberensingen ein. Dort lernen sich Shokre und Sepan kennen. Insgesamt kommen in dem Haus 30 Leute unter.
In Oberensingen fühlen sich Shokre und Sepan zum ersten Mal willkommen: „Wir hatten großes Glück mit den Ehrenamtlichen, die uns herzlichst begrüßt haben.“ Auch Helmut Hartmann vom AK Asyl Oberensingen stellt sich den jungen Männern vor: „Ich habe sie mehr oder weniger adoptiert“, sagt der Rentner.
Durch das Engagement der Ehrenamtlichen fassen die beiden Syrer neuen Mut: „Ich wollte so schnell wie möglich wieder meinen Beruf als Koch ausüben“, sagt Sepan: „Aber wir konnten natürlich kein Wort Deutsch.“
Die beiden besuchen einen Deutsch-Kurs, lernen in der Freizeit mit Ehrenamtlichen und üben alleine daheim mit Hilfe von Internet-Videos. „Das war unglaublich schwer, mit diesen der, die, das. Ich habe das Gefühl, dass selbst viele Deutsche Schwierigkeiten damit haben“, sagt Sepan lachend. Einmal habe er einen Bekannten gefragt, was der Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ sei. „Der hat mich nur komisch angeguckt und gesagt, ich soll jemand anderen fragen.“
Mittlerweile sprechen die beiden sehr gut Deutsch. Schwierig wird es nur wenn geschwäbelt wird: „Oh je, das ist ja eine ganz andere Sprache als die, die wir im Deutschkurs lernen“, scherzt Shokre.
Die Bürokratie ist die größte Hürde
Wenn man die beiden fragt, mit was sie in Deutschland am meisten zu kämpfen hatten, müssen sie nicht lange überlegen: die deutsche Bürokratie. „Jeden Tag kommt Post von irgendwelchen Behörden“, sagt Sepan. Neulich habe er zum ersten Mal eine Aufforderung bekommen, GEZ-Gebühren zu zahlen. „Ich war ziemlich erschrocken darüber, dass ich fast 300 Euro nachzahlen muss. Dabei habe ich nicht einmal einen Fernseher.“
Anträge auszufüllen sei ohne Hilfe unmöglich, sagt Shokre: „Manche Anträge sind 20 Seiten lang. Für uns sind diese Schreiben kaum zu verstehen.“ Sepan ergänzt: „Ich habe schon von der Steuererklärung gehört. Davor habe ich jetzt schon angst.“ Ohne die Hilfe von Ehrenamtlichen sei man als Ausländer völlig aufgeschmissen.
Doch selbst die Helfer kommen schnell an ihre Grenzen, sagt Helmut Hartmann: „Manchmal wünscht man sich einen Lotsen durch die vielen Ämter und Behörden. Oft wäre es schon hilfreich, einfach nur einen Hinweis zu bekommen, welche Behörde für was zuständig ist.“
Sechs Monate dauert Sepans Asylverfahren, Shokre wartet sieben Monate – dann bekommen sie ihre Aufenthaltserlaubnis. „Wir wollten auf keinen Fall auf das Jobcenter angewiesen sein, also haben wir uns Arbeit gesucht“, sagt Shokre. Er bekommt eine Stelle in einem Schnellrestaurant in Nürtingen. Nebenbei macht er noch einen Rettungsschwimmer-Schein beim DLRG. Irgendwann kommt ihm die Idee, sein Hobby zum Beruf zu machen. „Jetzt mache ich eine Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe bei den Stadtwerken Nürtingen.“ Seine Zwischenprüfung hat er geschafft, mittlerweile ist er im letzten Lehrjahr. Zusätzlich arbeitet der 26-Jährige an den Wochenenden als Rettungsschwimmer. „Ich bin wirklich dankbar, dass man mir diese Chance gegeben hat“, sagt Shokre.
Sepan bekommt mit Hilfe von Helmut Hartmann zunächst eine Stelle im Küchenteam vom Hotel Pflum. Als Sepans Deutsch-Lehrerin seine Kochkünste erkennt, stellt sie ihm Küchenchef Christer Belser von Belsers Restaurant am Marktplatz vor. Der bietet Sepan nach einem Tag Probearbeit direkt einen Arbeitsvertrag an.
Da Sepans syrische Kochausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird, muss er hier eine neue machen. In seiner Klasse ist er Klassensprecher, hat einen Einser-Schnitt. Nächstes Jahr im August ist er mit seiner Ausbildung fertig.
Fünf Jahre nach ihrer Flucht aus der Heimat haben Shokre und Sepan in Nürtingen ein neues Zuhause gefunden. „Natürlich sehne ich mich nach dem Tag, an dem ich meine Familie wieder in die Arme schließen kann“, sagt Sepan: „Aber das hier ist jetzt mein Leben und ich möchte in Nürtingen bleiben. Ich habe mir noch so viel vorgenommen.“ Sein großer Wunsch: „Ich möchte mich selbstständig machen und in allen großen Restaurantführern stehen.“
Ob sie sich noch fremd in diesem Land fühlen? „Früher hatte ich oft das Gefühl, dass die Leute von oben herab auf mich schauen, nur weil ich nicht von hier bin“, sagt Shokre. Heute sei das nicht mehr so. Aber natürlich gibt es immer Ausnahmen: „Einmal hat mich ein Mann während meiner Arbeit im Nürtinger Freibad angesprochen. Er wollte wissen, ob ich neu sei und wo ich herkomme. Als ich sagte, dass ich aus Syrien stamme, war er ganz erschrocken und fragte, ob man denn keinen Deutschen für meinen Job bekommen habe.“