NTZ+ Logo Nürtingen

45 Jahre nach dem Abitur wieder am Hölderlin-Gymnasium in Nürtingen

Die ehemaligen Abiturienten sind noch im Hölderlin-Haus zur Schule gegangen. Heute befindet sich dort unter anderem eine Ausstellung über den Dichter.

Die ehemaligen Abiturienten und ihr Englisch- und Erdkunde-Lehrer Jörn Marschall (Zweiter von links) vor dem umgebauten Schulgebäude und Wohnhaus von Hölderlin. Foto: Jennifer Gneiting

NÜRTINGEN. Eng gedrängt stehen die ehemaligen Abiturienten um die klappbaren Pulte in der Hölderlin-Ausstellung. Gemeinsam wird eine Zeichnung des Hauses zu Hölderlins Zeiten diskutiert und überlegt, was sich zwischen damals, ihrer Schulzeit und heute alles verändert hat.

Eine Wanderung mit Blick auf die Hölderlinstadt

Von der ersten Minute an, um 14 Uhr beim Treffpunkt am Café Heinrichs, fand ein reger Austausch zwischen den ehemaligen Abiturienten des Hölderlin-Gymnasiums statt. Gemeinsam wanderte die Gruppe über den Galgenberg, die ehemalige Schulstadt Nürtingen immer im Blick. Unterwegs gab es einen Zwischenstopp mit Getränken und Selbstgebackenem, der von Bärbel Igel-Goll organisiert wurde. Sie hatte nicht nur diese Aufgabe übernommen, sondern auch zum Klassentreffen eingeladen. Kurz nach 17 Uhr fanden sich alle am Gok‘schen Keller, unterhalb des Hölderlin-Hauses, ein. Dort wurden sie bereits von Susanne Ackermann, Leiterin des Kulturamts Nürtingen, erwartet, die eine Führung durch das ehemalige Schulgebäude anbot.

Große Umbaumaßnahmen am Hölderlin-Haus

„Ich war zur Eröffnung des Gebäudes schon mal hier und finde schön, was daraus geworden ist“, sagte Martin Orleth direkt zu Beginn an Susanne Ackermann gerichtet. Auch Bärbel Igel-Goll richtete das Wort an ihre ehemaligen Klassenkameraden, als diese nach und nach am Gok‘schen Keller eintrafen: „Vermutlich erkennt ihr das Gebäude von außen, aber innen ist alles neu und anders als noch zu Schulzeiten.“

In der Hölderlin-Ausstellung diskutierten die ehemaligen Abiturienten über das Aussehen des Gebäudes zu ihrer Schulzeit. Foto: Jennifer Gneiting

Bevor die Führung durch das Hölderlin-Haus starten konnte, berichtete Susanne Ackermann von den vielen Umbaumaßnahmen der vergangenen Jahre und von der bemerkenswerten Geschichte des Hauses. Ursprünglich handelte es sich um ein Wirtschaftshaus, so Ackermann. Als 1750 der Stadtbrand 133 Gebäude in Nürtingen zerstörte, sei auch der Schweizerhof, so die ursprüngliche Bezeichnung, nicht heil geblieben. In der Geschichte des Hauses stürzte auch der Keller, der im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker ausgewiesen war, zweimal ein und musste wieder aufgebaut werden.

Seit der Eröffnung des umgebauten und renovierten Hölderlin-Hauses im Jahr 2023 befinden sich neben der Hölderlin-Ausstellung auch Räume und Büros der Volkshochschule im Haus. Der Keller kann für Veranstaltungen genutzt werden.

Hölderlin war zeitlebens Nürtinger Bürger

Heute sei der Keller das Herzstück des Hauses, gefolgt von der Hölderlin-Ausstellung, so Ackermann. Der Namensgeber sei als Vierjähriger mit seiner Mutter nach Nürtingen gekommen, erzählte die Kulturamtsleiterin. Ihr zu Folge sei Friedrich Hölderlin hier sehr glücklich gewesen, das belegen auch diverse Gedichte, die im Hölderlin-Haus entstanden. Dem stimmte auch Melina Wießler, Museumsleiterin des Stadtmuseums Nürtingen, zu. Selbst nachdem Hölderlin die Stadt Nürtingen aufgrund seiner Erkrankung verlassen habe, um zunächst in das Universitätsklinikum und später in den Tübinger Turm zu ziehen, sei er zeitlebens Nürtinger Bürger geblieben. Damit dürfe sich die Stadt Nürtingen berechtigterweise als Hölderlinstadt bezeichnen und stünde Tübingen und Frankfurt in nichts nach, so Wießler. „Bestimmt viermal wurde uns versprochen, dass wir Gedichte von Hölderlin im Unterricht anschauen“, sagte Ralph-Guido Günther, enttäuscht darüber, dass in der Schulzeit so wenig Wert auf Lokalbezüge gelegt wurde. Gabriele Kurz hingegen erinnerte sich noch daran, dass im Chor ab und an Hölderlin gesungen wurde. „Das war gar nicht so einfach“, sagte sie und zitierte einige Verse von Hölderlin.

Der Rundgang weckt Erinnerungen

Einige Originalbalken aus der Zeit von Hölderlin sind noch erhalten geblieben. Viel hat sich jedoch bei den etlichen Umbaumaßnahmen geändert, erklärte Melina Wießler (rechts). Foto: Jennifer Gneiting

Heutzutage ist von der 200-jährigen Schulgeschichte des Hauses nichts mehr zu sehen, aber dennoch konnten sich viele der ehemaligen Schüler noch gut an die damalige Zeit erinnern. „Ist das Haus höher geworden?“, fragte Jörg Füll, dem gleich aufgefallen war, dass es früher nicht so viel Platz im obersten Stockwerk gab. Susanne Ackermann bestätigte, dass das Gebäude um eineinhalb Stockwerke erweitert wurde. „Ich weiß noch, dass früher hier oben das Lehrerzimmer und ein Kartenraum waren“, erinnerte sich Gerald Lulei bei der Besichtigung der Büroräume und des Sekretariates im Obergeschoss. Wenig später erzählte er den anderen, dass er bereits die Grundschule im Hölderlin-Haus besucht und dabei mit dem Griffel schreiben gelernt habe.

Weite Wege und gute Vernetzung

Nach der Führung durch das ehemalige Schulhaus, die viele Erinnerungen weckte, ließen die ehemaligen Abiturienten den Abend gemeinsam im Emilio's ausklingen.

„Immer noch erreichen wir Lehrkräfte, die sich gerne an uns erinnern“, so Bärbel Igel-Goll über ihre Stufe, die als letzter Jahrgang noch keine Kurse wählen musste, sondern bis zum Abitur im Klassenverband unterrichtet wurde. So wurde die Gruppe an diesem Tag auch von ihrem ehemaligen Englisch- und Erdkundelehrer Jörn Marschall begleitet. Neben ihm waren 24 der ursprünglich 37 Absolventen anwesend und das, obwohl einige eine sehr lange Anreise hatten. Renate Gut nahm den weiten Weg aus Berlin auf sich, um ihre Klassenkameraden zu treffen, und Regina Küfner-Lein reiste sogar aus Norwegen an. Aber auch in der Schweiz und im Nürtinger Raum sind die ehemaligen Abiturienten zu Hause. „Man hat ein altes Gesicht vor Augen, aber das tauscht sich ganz schnell aus, sobald man die Menschen wieder trifft“, lautete die Devise von Jörg Füll über das erneute Aufeinandertreffen mit Freunden von früher.

Zur Startseite