Wirtschaft

Volle Stadien, volle Hotels? Die WM und der Tourismus

Die USA sind einer der drei Gastgeber der Fußball-WM. Für das Land ist das Turnier auch eine Chance, sich einem weltweiten Publikum als Reiseziel zu präsentieren. (Archivbild) Christian Charisius/dpa

Wenn die Fußball-WM am Donnerstag beginnt, hoffen nicht nur die Teams auf Erfolg. Auch die Tourismusbranche blickt mit großen Erwartungen auf das Turnier. Die USA rechnen mit der bestbesuchten Weltmeisterschaft der Geschichte, sagte US-Tourismusbeauftragter Nick Adams der Deutschen Presse-Agentur. 

«Niemand inszeniert ein solches Spektakel wie Amerika.» Die USA bereiteten sich auf eine Veranstaltung mit dem Umfang von 78 Super Bowls vor, sagte Adams. Der Super Bowl ist das Endspiel der amerikanischen Football-Liga NFL. Das Land sei mit der Ausrichtung großer internationaler Veranstaltungen vertraut.

Alle jüngsten Daten deuteten auf eine steigende Nachfrage hin. Fluggesellschaften schafften zwischen Juni und Oktober wegen der erwarteten Nachfrage rund eine Million zusätzliche Sitzplätze auf Verbindungen zwischen Europa und den USA, sagte Adams unter Verweis auf Zahlen des Dienstleisters Cirium. Zudem dürften Besucher etwa fünf Prozent mehr Geld ausgeben als im Vorjahr.

Der Fußball-Weltverband erwartet rund 6,5 Millionen Besucher in den Stadien, etwa 40 Prozent davon sollen aus dem Ausland kommen. Die Tourismusprognosen seien vielversprechend, heißt es von der FIFA. Doch was bringt eine Fußball-Weltmeisterschaft dem Tourismus tatsächlich?

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft, Jürgen Schmude, hält die Erwartungen an Großereignisse grundsätzlich für nachvollziehbar. «Sportliche Großereignisse haben auf jeden Fall Auswirkungen auf den Tourismus – vor allem durch eine starke Nachfrage von Fans und Anhängern der beteiligten Mannschaften.» 

Zugleich mahnt Schmude zu einer differenzierten Betrachtung der Besucherzahlen. Die WM-Gäste ließen sich nicht einfach hinzurechnen: «Normale Touristen werden verdrängt oder entscheiden sich in dieser Zeit für andere Reiseziele.»

Die USA sind das beliebteste Fernreiseziel der Deutschen. Zuletzt gingen die Besucherzahlen jedoch zurück. (Archivbild) Christian Charisius/dpa

Als entscheidenden Faktor bei Reiseentscheidungen sieht Schmude die Kosten. «Wenn Flugtickets teuer sind und die Hotelpreise stark steigen, schreckt das viele Reisende ab.» Die Preise gehören vor der WM zu den meistdiskutierten Themen. Adams hält dagegen: Die Veranstalter bemühten sich um möglichst erschwingliche Angebote – sowohl bei Flügen als auch bei Eintrittskarten. Tickets für WM-Spiele seien für weniger als 300 US-Dollar (rund 260 Euro) erhältlich. Fanvertreter kritisieren hingegen die Preise als viel zu hoch.

Die FIFA rechnet mit zahlungskräftigen Gästen. Nach Schätzungen des Weltverbands gibt ein Besucher während des Turniers durchschnittlich 416 US-Dollar pro Tag aus (rund 360 Euro). Zudem geht die FIFA davon aus, dass Touristen im Schnitt zwölf Tage bleiben und zwei Spiele besuchen. Der Besucherstrom werde wirtschaftliche Impulse in Milliardenhöhe auslösen, von denen Hotels, Restaurants, Verkehrsunternehmen und der Einzelhandel profitierten. 

Doch was bleibt, wenn die Fans wieder abgereist sind? Während kurzfristige wirtschaftliche Effekte als wahrscheinlich gelten, seien langfristige positive Folgen deutlich schwerer nachzuweisen, sagte Schmude. Als positives Beispiel verweist er auf das «Sommermärchen» 2006 in Deutschland. Die WM habe zu einem messbaren Imagegewinn geführt, der sich auch im Tourismus niedergeschlagen habe. Solche Entwicklungen ließen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf andere Gastgeberländer übertragen.

Die WM ist für die Gastgeber nicht nur ein Sportereignis, sondern auch eine Werbeplattform. Die FIFA sieht in dem Turnier die Chance, die Austragungsorte weltweit als Reiseziele bekannt zu machen. Das Turnier konzentriert sich vor allem auf die USA: Elf der 16 Austragungsorte liegen dort, darunter einige der bekanntesten Metropolen des Landes wie New York/New Jersey, Los Angeles und Miami. 

Trotz eines Rückgangs der Besucherzahlen waren die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) das beliebteste Fernreiseziel der Deutschen. Auf Grundlage der bisherigen Buchungszahlen dürfte das auch in diesem Jahr so bleiben.

Wie viele Reisende aus Deutschland eigens wegen der Fußball-WM nach Nordamerika fliegen, kann der DRV nicht beziffern. Ein Buchungsboom ist aber nicht erkennbar. Die Nachfrage nach USA-Reisen im Veranstaltermarkt bleibe für den Sommer unter dem Vorjahresniveau. Zwar habe sich der Rückgang zuletzt abgeschwächt, von einer Trendwende spricht der Verband jedoch nicht.

US-Metropolen wie New York stehen als Austragungsorte der Fußball-WM 2026 im internationalen Rampenlicht. (Archivbild) Seth Wenig/AP/dpa

Der Branchenzweite Dertour verkauft keine Reisepakete inklusive WM-Tickets. Wer bereits Eintrittskarten besitzt, kann sich jedoch individuelle Angebote zusammenstellen lassen. Nach Angaben des Unternehmens konzentriert sich die Nachfrage derzeit vor allem auf solche Reisen. Gefragt seien insbesondere Kombinationen aus Flügen, Hotels und zusätzlichen Aufenthalten in Nordamerika. Die Nachfrage entwickle sich stabil.

Die Berichterstattung über die politische Lage sowie Meldungen über Probleme bei der Einreise in die USA hätten bereits im vergangenen Jahr für Verunsicherung bei Reisenden gesorgt, teilte Dertour mit. «Entsprechend ist weiterhin eine gewisse Zurückhaltung zu beobachten.»

Der US-Tourismusbeauftragte sieht dafür keinen Anlass. Wer rechtzeitig eine ESTA-Genehmigung beantrage, könne mit einer reibungslosen Einreise rechnen, sagte Adams. 99,9 Prozent der Besucher würden herzlich empfangen. «Wir sind das gastfreundlichste Land der Welt.»

Anders als klassische Urlauber ließen sich Fußballfans von politischen Entwicklungen oder internationalen Krisen häufig weniger beeinflussen, sagte Tourismuswissenschaftler Schmude. Bei ihnen stehe das Erlebnis im Vordergrund. «Wer unbedingt Lionel Messi spielen sehen möchte, lässt sich von geopolitischen Spannungen meist nicht von einer Reise abhalten.»

© dpa-infocom, dpa:260610-930-199196/1

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