Die kriselnde deutsche Industrie hat im Juni überraschend viele Aufträge an Land gezogen. Doch das Niedrigwasser im Rhein wird nach Einschätzung von Ökonomen zum Konjunkturrisiko.
Die Aufträge für die Industrie stiegen im Vergleich zum Vormonat saison- und kalenderbereinigt um 3,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Volkswirte hatten nur ein Plus von einem halben Prozent erwartet. Das Plus bei den Industrieaufträgen im Juni war bereits der zweite Anstieg in Folge nach einem kleinen Zuwachs im Mai.
Die Konjunktur laufe etwas besser als vor kurzem gedacht, sagte Jens-Oliver Niklasch, Ökonom bei der Landesbank LBBW. «Freilich schwebt das Ölpreis-Risiko latent über allem, und mit den Pegelständen der großen Flüsse ist ein neues Abwärtsrisiko dazugekommen.»
Die starken Bestellungen im Juni wurden von einem Anstieg im Maschinenbau (+12,7 Prozent) und der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen (+22,7 Prozent) gestützt. Auch die Aufträge für die Autoindustrie (+3,8 Prozent) wuchsen. Allerdings wären die Bestellungen insgesamt ohne Großaufträge geschrumpft.
Die Industrie habe genug Bestellungen, um die Produktion in den kommenden Monaten hochzufahren, sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt bei der VP Bank. «Wermutstropfen ist derweil der niedrige Rheinpegel, der einer Ausweitung der Produktion im Wege stehen könnte.» Die Einschränkungen für die Binnenschifffahrt erschwerten die Belieferung der Industrie mit Vorprodukten.
«Wenn die Wasserstände weiter fallen, könnte die Berufsschifffahrt am Ende so teuer werden, dass es wirtschaftlich keinen Sinn mehr macht und es zu einer Unterbrechung kommt», meint Marc Schattenberg, Ökonom bei Deutsche Bank Research. Kurzfristig lasse sich die Lage kaum wirksam ändern.
Das Niedrigwasser auf dem Rhein, die wichtigste Wasserstraße Europas, hat zuletzt Rekord-Tiefstände erreicht und behindert die Binnenschifffahrt. Das droht Lieferketten zu unterbrechen und die Produktion zu dämpfen, wie etwa der Chemieverband VCI warnt. Über den Umgang mit dem Niedrigwasser sprechen heute in Bonn Wirtschaftsverbände mit Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU).
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