Kultur

«Nach Schmerz und Pein»: Briefe von Holocaust-Überlebenden

Juden wurden im NS-Staat systematisch entrechtet, ausgegrenzt, vertrieben, deportiert und ermordet. Nach dem Untergang des Hitler-Regimes standen sie vor einem schwierigen Neubeginn. (Symbolbild) Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
Das Vernichtungslager Auschwitz steht als Synonym für die Todesmaschinerie der Nazis. (Symbolbild) Beata Zawrzel/AP/dpa
Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel sammelt die Zeugnisse von Überlebenden der Schoah. (Archivbild) Fabian Sommer/dpa
Das Buch «Nach so viel Schmerz und Pein - Erste Briefe nach dem Holocaust» erscheint erstmals auf Deutsch. (Illustration) Verlag Herder/dpa

Der Krieg war schon fast ein Jahr vorbei, als Arthur Feige sich bei einem alten Freund meldete. «Durch ein Wunder lebe ich noch und so kann ich Ihnen nach so viel Jahren wieder eine Nachricht zukommen lassen», schreibt der jüdische Berliner in einem Brief vom 13. März 1946. «Ich habe Schlimmes durchgemacht, und ich wäre froh, wenn ich hier herauskönnte.» Er wolle nach Palästina, berichtet Feige. «Denn ich bin hier sehr unglücklich über alles und kann hier innerlich nicht mehr mit.»

Feiges Schreiben findet sich in der Sammlung «Nach so viel Schmerz und Pein - Erste Briefe nach dem Holocaust», die der Herder-Verlag in Zusammenarbeit mit der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem nun erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Es sind private Nachrichten und doch weit mehr als das.

«Die Briefe berichten vom größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte», sagt Bildungsministerin Karin Prien (CDU), die selbst jüdische Wurzeln hat und das Buch gemeinsam mit dem Freundeskreis Yad Vashem präsentiert. «Mit diesen Briefen verbinde ich die Hoffnung, kommenden Generationen Zeugnisse zu hinterlassen, die das Erlebte fassbar machen, um Mitgefühl, Verständnis und nicht zuletzt den Wert unserer Demokratie zu vermitteln.»

Im Rückblick wirkt das Ende der NS-Schreckensherrschaft in Europa wie ein glücklicher Schlusspunkt. Für die Überlebenden der Schoah waren Grauen, Erniedrigung und Entbehrungen endlich vorbei, der Weg in eine bessere Zukunft offen. Doch trugen die Geretteten auch eine erdrückende Last - die Erinnerung an den Sadismus ihrer Peiniger, die Schuldgefühle, dass ausgerechnet sie und nur sie überlebt hatten, die Trauer über ihre ermordeten Familien. Sie kehrten zurück in eine zertrümmerte Heimat zu Menschen, von denen viele ihr Schicksal nur wenige Jahre zuvor bejubelt oder ignoriert hatten.

Arthur Feige war als Elektrotechniker in den Charlottenburger Motorenwerken beschäftigt, bis er im November 1942 von der Gestapo verhaftet und einem Transport ins Vernichtungslager Auschwitz zugeteilt wurde. Auf der Fahrt quetschte er sich durch ein Toilettenfenster des rollenden Zuges und entkam. Fast drei Jahre lebte er illegal im Nazi-Reich, im Sommer in seinem Boot auf dem Storkower See südöstlich von Berlin, im Winter in einer selbst gezimmerten Hütte. Er verdingte sich inkognito als Landarbeiter, als Kohlenpacker, als Radioreparateur, um irgendwie an Essen zu kommen.

Zur Befreiung durch die sowjetische Armee schreibt Feige in seinem Brief: «Da war ich dann gerettet und aus aller Gefahr.» Aber seine Eltern waren im Konzentrationslager Theresienstadt zu Tode gekommen - er wusste nicht wie. Schwester, Schwager und Neffe waren in Riga ermordet worden, sein Bruder Paul und dessen Frau vermutlich in Auschwitz, dazu Freunde und andere Verwandte. «Es dauerte lange, bis wir das seelisch überwinden konnten», sagt Feige. Jetzt gehe es ihm gut, bis auf «die entsetzliche seelische Leere».

Sechs Millionen europäische Juden hatten die Nationalsozialisten umgebracht, etwa 3,5 Millionen überlebten die Schoah. Die Historikerin Anna Junge schätzt, dass nur etwa 15.000 Jüdinnen und Juden die Verfolgung in Deutschland überstanden, ohne deportiert worden zu sein – in sogenannten Mischehen oder in Verstecken, wie der Berliner Arthur Feige.

Nach Kriegsende kehrten Zehntausende befreite Juden nach Deutschland zurück. Nach Zahlen der Bundeszentrale für politische Bildung lebten in den westlichen Besatzungszonen zunächst 50.000 bis 75.000 jüdische Überlebende als sogenannte Displaced Persons. Bei vielen reichten die Kräfte nicht für einen Neuanfang.

Der Göppinger Richard Fleischer, der nach seiner Verhaftung im November 1941 nach Riga und später nach Danzig verschleppt wurde, wog nach vier Jahren in Lagern mit Zwangsarbeit, Bunkerhaft, Seuchen und Auszehrung nur noch 32 Kilo. Nach der Befreiung brachten ihn die Sowjets mit etwa 120 anderen in ein Sanatorium.

«Täglich fünfmal bekamen wir Essen, nur Weißbrot, Butter, Zucker, Kaffee, Kakao in genügender Menge», berichtet Fleischer in einem Brief aus der Sammlung. «Und trotzdem starben die Kameraden weg, bis auf 30 Mann, welche gesund entlassen wurden. Ich selbst lag vier Wochen fast ohne Besinnung, fast nichts essend und immer schlafend im Bett, an das wir uns wieder gewöhnen mussten.»

Die Briefe seien oft Beschreibungen «ohne Filter», erklärt der Verlag. Die Sprachvielfalt der Originale in Russisch, Deutsch, Französisch, Ungarisch, Hebräisch, Jiddisch, Slowakisch, Niederländisch und Polnisch erinnert noch einmal daran, wie viele Nationalitäten der Vernichtungswahn Adolf Hitlers und seiner Getreuen traf - Juden aus ganz Europa. Auch in anderen Ländern wurden sie bei ihrer Rückkehr keineswegs immer mit offenen Armen empfangen.

Der Historiker Dan Michman erinnert an einen Brief seiner Mutter an seine Großmutter in Palästina. Michmans Eltern, damals Melkman, waren von den Nazis aus den Niederlanden verschleppt worden. Bei ihrer Rückkehr nach Amsterdam stand auf den Armbinden der Beamten «Willkommen», aber ihre Gesichter sagten etwas anderes. «Sie guckten alle mürrisch und schickten einen von Pontius zu Pilatus», schreibt Frederika Melkman.

Und dieser kalte Empfang war wohl nicht das Schlimmste für Frederika und ihren Mann. Sie suchten ihren kleinen Sohn, den sie vor dem Holocaust bei einer Frau auf dem Land versteckt hatten. Als Fremde standen sie vor dem Jungen und sagten: «Wir sind deine Eltern, wir nehmen dich jetzt mit.»

Sein Vater, selbst Historiker und später Generaldirektor von Yad Vashem, habe Frederikas Briefe nach deren Tod 1991 entdeckt, erzählt Michman in einem Video der Gedenkstätte. «Wir sahen sofort, dass dies nicht nur für die Familie von Bedeutung war.» Das Hauptgefühl in dem Buch sei nicht Rache, sondern die Suche nach jüdischer Identität und die Frage: «Wie werden wir eine bessere Welt schaffen?»

So steckt in Briefen der Sammlung auch Trost. Syme Zosim Rysavy aus Brünn im heutigen Tschechien hatte ihre Brüder kurz vor der deutschen Annexion des «Protektorats Böhmen und Mähren» 1939 zur Flucht gedrängt. Sie schafften es nach London. Syme selbst blieb, um sich um ihre alten Eltern zu kümmern. Im April 1942 wurde sie mit ihrem Mann Fritz nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert. Fritz wurde dort ermordet. Syme überlebte schwerste Zwangsarbeit, Hunger, Erniedrigung und Krankheit. 

Als sie im September 1945 zwei Briefe von ihrem Bruder Ned erhält, antwortet sie voller Dankbarkeit: «Es war das schönste Geschenk und ich danke dir sehr, denn Du hast mich sehr glücklich gemacht. Nadénko, auch ich würde alles dafür geben, Dich sehen zu können, aber nur Dich ganz nah haben. Deine Hände fühlen und nichts sprechen müssen. Denn alles, was ich in den letzten vier Jahren erlebt und gelitten habe, kann man weder erzählen noch schreiben.»

© dpa-infocom, dpa:260914-930-681464/1

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