Unsere starke Region
Von Namibia über die Communität Selbitz nach Nürtingen
Johanna Looser erlebte viele Aufbrüche, zuletzt wurde sie in Nürtingen mit ihrem Kindercafé bekannt.
NÜRTINGEN. Nürtingen, Medius Klinik, Onkologie: Die 75-jährige Johanna Looser sitzt einer Patientin gegenüber, die zu Tränen gerührt ist, weil ihre beiden Töchter sich so liebevoll um sie kümmern. Johanna hört aufmerksam zu, stellt Fragen. Das lernt sie gerade in ihrem einjährigen Kurs für ehrenamtliche Seelsorger und Seelsorgerinnen (KESS), der von der katholischen und evangelischen Kirche durchgeführt wird.
Johanna hat sich für den Besuchsdienst im Krankenhaus entschieden, weil sie früher als Krankenschwester gearbeitet hat. Nach der Ausbildungszeit will sie auf die Palliativstation wechseln. Sie sagt: Wenn man sich den Tod bewusst macht, wird das eigene Leben wesentlicher und intensiver, auf keinen Fall aber dramatischer oder trauriger. Außerdem war das Thema Tod schon in ihrer Kindheit präsent: Ihre Mutter ist gestorben, da war Johanna drei Jahre alt. Neun Jahre später ist dann auch noch ihr Vater gestorben.
Der Traum von Afrika
Die Ausbildung für den ehrenamtlichen Besuchsdienst ist der bislang letzte Aufbruch für Johanna. Doch Aufbrüche gab es in ihrem Leben schon einige: Immer hat sie Liebgewonnenes zurückgelassen und ist Neues mutig angegangen.
Bereits als sie fünf Jahre alt war, ist ihre Familie mit ihr nach Namibia aufgebrochen. Das Land hieß damals noch Südwestafrika, gehörte zum Apartheidsstaat Südafrika und war früher eine deutsche Kolonie. In Johannas Vater lebte der Traum von Afrika. Außerdem hatte er eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert, und da sich in Deutschland keine entsprechende Arbeit fand, wanderte er mit seiner Familie nach Namibia aus, wo er vor allem als Verwalter auf Farmen gearbeitet hat.
Zur Familie gehörten da zunächst Johanna, ihre ältere Schwester, der drei Monate alte Halbbruder und die zweite Frau des Vaters. In Namibia kamen noch drei Halbbrüder zur Welt. Da die Entfernungen so riesig waren, musste Johanna mit ihrer Schwester wie alle Farmerkinder in ein Schülerheim und kam nur in den Ferien nach Hause. Das Heimweh war entsprechend groß. Johanna und ihre Geschwister wurden christlich erzogen: Abends betete sie immer für die Familie in Deutschland und um Regen. Auch wurde Johanna in Namibia konfirmiert.
Gefallen hat ihr an ihrer Schulzeit, dass sie Theater spielen konnte: Unter anderem wirkte sie in dem Stück „Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner mit. Auch dass sie in der Schule neben Englisch auch Afrikaans gelernt hat, fand sie gut und hilfreich. Vor allem haben sie aber, was ihr erst im Nachhinein klar geworden ist, die Weite des Landes und der offene Horizont geprägt.
Hochpolitische 68er-Zeit
Mit 18 Jahren erlangte sie ihre Matrik, die südafrikanische Universitätsreife, und danach folgte ein weiterer Aufbruch in ihrem Leben: Sie entschied sich, nach Deutschland zu gehen, um in Stuttgart eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. In der Stuttgarter Region lebte ihre ganze Verwandtschaft, und Krankenschwester wollte sie schon von klein auf werden. Ihr Plan war, nach der Ausbildung wieder nach Namibia zurückzukehren, vor allem ihres Freundes wegen, der in Namibia seinen Wehrdienst ableisten musste.
Um ihn war sie in Sorge, weil sich damals Namibia im Krieg mit Angola befand. Aber auch sonst hatte es Johanna in Deutschland nicht leicht: Es war die hochpolitische 68er-Zeit und Johanna wurde von den Studenten angefeindet, weil sie aus einem Apartheidsstaat kam. Sie hat sich fremd gefühlt und hat auch nicht so recht Freundinnen gefunden. Einzig in einem Bibelgesprächskreis im Stuttgarter Hospitalhof fand sie Anschluss.
Ein Ausflug des Kreises führte in die Communität Christusbruderschaft Selbitz in Bayern. Dort hat Johanna eine Predigt gehört, die sie fortan umgetrieben hat: Es ging um die Frage, ob man wie Abraham sein Liebstes für Gott opfern solle. Das Liebste für Johanna in dieser Zeit waren ihre Heimat Namibia und insbesondere ihr dort lebender Freund. Johanna suchte das Gespräch mit einer Selbitzer Ordensschwester. Diese bestätigte ihr, dass sie, Johanna, eine Berufung zur Ordensschwester habe. Daraufhin entschied sie sich, nach ihrem Examen in die Communität einzutreten. Sie entsagte damit ihrer Heimat Namibia und trennte sich von ihrem Freund.
Das war also ein weiterer Aufbruch in Johannas Leben: Fortan lebte sie als Ordensschwester in der Communität Selbitz, gab als Katechetin Religionsunterricht in Grund- und Hauptschulen. Auch arbeitete sie beim CVJM mit, also beim Christlichen Verein Junger Menschen. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen hat ihr gefallen und die Resonanz war entsprechend gut. Besondere Freude bereitete ihr auch, im Garten der Communität zu arbeiten.
Schwerer Autounfall in Botswana
Mit 40 Jahren hat sie, die immer schon eine Suchende war, schließlich ihren Lebenssinn gefunden: Sie ging mit anderen Ordensschwestern nach Botswana, um dort am Rande der Kalahari-Wüste Jugendarbeit zu machen und AIDS-Kranke zu betreuen. Ihre Bedingung war, dass sie vorher die Landessprachen lernen durfte. In Botswana war sie glücklich und sie empfand dort, dass sich ihr innerer Weg erfüllt hat. Doch dann geschah etwas, das zu einem tiefen Einschnitt in ihrem Leben führte: Bei einem Autounfall in Botswana wurde Johanna so schwer verletzt, dass eine Querschnittslähmung drohte. Monatelang dauerte die medizinische Behandlung, und danach war klar, dass sie nicht nach Botswana zurückkehren konnte. Das stürzte sie in eine tiefe Glaubenskrise: Warum hat Gott sie von ihrer sinnvollen Zukunft in Botswana abgeschnitten?
Johanna ließ sich von der Communität für ein Jahr beurlauben und entschied danach, diese nach 23 Jahren zu verlassen und zugleich auch aus der Kirche auszutreten. Ihren Glauben an Gott hat sie aber letztlich wiedergefunden: Heute vertraut sie darauf, dass „Gott“ in jedem Augenblick passiert, auch wenn sie glaubt, dass der Name „Gott“ zu kurz greift.
Nach ihrer Zeit in der Communität – wieder ein Aufbruch in ihrem Leben – arbeitete Johanna ab 1995 wieder als Krankenschwester: jetzt in Reutlingen. Aus zwei Kolleginnen wurden hier Freundinnen fürs Leben. Sie fand auch einen argentinischen Partner, der leider einige Jahre später gestorben ist. Danach war sie mit einem griechischen Witwer zusammen. Das ging einige Jahre gut. Doch als Johanna 2008 zu ihm – sie war jetzt im Vorruhestand – dauerhaft nach Korfu zog, trennte er sich nach kurzer Zeit von ihr und sie stürzte wieder in eine Krise.
Aufbruch in ihre Nürtinger Zeit
Und damit begann – wieder ein Aufbruch – ihre Nürtinger Zeit: Über eine Freundin kam sie in die Hölderlinstadt. Bei einem Fest in der Altstadt, sagte sich Johanna: „Hier will ich wohnen.“ Und tatsächlich fand sie bald darauf genau hier eine kleine, schmucke Wohnung, in der sie bis heute lebt.
In Nürtingen hat sie bald Fuß gefasst: Sie engagierte sich bei der Geflüchteten-Initiative Karibuni und gab Geflüchteten Sprachhilfe. Auch hat sie im Weltladen mitgearbeitet, worüber sie in eine Frauengruppe kam, mit der sie sich regelmäßig trifft. Gastfreundschaft und verlässliche Freundschaften sind ihr wichtig. Außerdem spielt sie seit einigen Jahren in einer Improtheater-Gruppe mit, wo sie bisher unbekannte Seiten an sich entdeckt. Das macht ihr Leben bunter und vielseitiger.
Seit zwölf Jahren geht sie zudem regelmäßig zu einem behinderten Mädchen, das inzwischen zu einer jungen Frau geworden ist – eine innig vertraute Beziehung ist über die Jahre zwischen den beiden gewachsen. Vertraut ist Johanna auch mit einem Dorf auf der griechischen Insel Lesbos: Hierhin fährt sie seit 2016 jedes Jahr in Urlaub – immer in die gleiche Unterkunft. Sie gehört inzwischen zum Dorf, vertieft dort ihre Griechisch-Kenntnisse und beteiligt sich gerne an den anfallenden Erntearbeiten.
Johanna ist also auch in ihrem Ruhestand vielfältig aktiv, in Nürtingen hat sie sogar mit ihrem Welt-Kindercafé eine gewisse Bekanntheit erlangt. Zusammen mit einem Team hat sie dieses von 2019 bis 2024 in der Altstadt, im Wörth-Garten und am Platz an der Kreuzkirche durchgeführt. Die Idee, dass Kinder andere Kinder in einem provisorischen Café bedienen könnten, kam Johanna in einer schlaflosen Nacht auf Lesbos. Danach fand sie Unterstützer, so unter anderem einen Märchenerzähler, der immer die Café-Zeit mit einem Märchen für die Kinder beendete. Die Gruppe kooperierte mit dem Trägerverein Freies Kinderhaus und dem Weltladen. Inspiriert wurde Johanna von den Gedanken des polnischen Pädagogen Janusz Korczak, der das Recht der Kinder auf Achtung großschrieb.
Johanna hat über dieses Projekt ein Gedicht mit dem Titel „Vorstellungskraft“ geschrieben, das hier zum Abschluss auszugsweise zitiert werden soll: „Ein Café für Kinder vom Allerfeinsten / und zwar schon für unsere Kleinsten. / Kinder bedienen Kinder, die Erwachsenen schauen zu / und genießen ein Weilchen ihre Ruh. / Sie können so viel schon, die kleinen Leute / Drum nennen wir unser Café „Weltkindercafé Heute“.