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In Eswatini geboren: Neuanfänge prägen die Biografie dieses Erkenbrechtsweilers
Sergio Vila Pouca ist im Süden Afrikas aufgewachsen und lebt jetzt mit seiner Familie in der Albgemeinde. Heute ist er beim MSC Frickenhausen aktiv, veranstaltet Motorradtouren in das zweitkleinste Land auf dem afrikanischen Kontinent und tut dort vor Ort Gutes.
Von Eswatini nach Erkenbrechtsweiler – allein diese beiden Tatsachen stecken voller Mut und Aufbruch. Und dabei ist das noch nicht alles. In der Biografie von Sergio Vila Pouca gibt es noch einige solcher lebensverändernder Momente. In Anbetracht der Vielfalt beginnen wir chronologisch, also damals, als der heute 50-Jährige zum ersten Mal für längere Zeit von zu Hause wegmusste.
Wenn du auf einer großen Farm zu Hause bist und mit dem Beginn der Schulzeit im Nachbarland in ein Internat gehst, ...
... dann ist das ein großer Schritt für so ziemlich jeden und ein riesiger für ein sechsjähriges Kind. Das Wort Lebensabschnitt zeigte da sein wahres Gesicht: Der kleine Sergio ist im wahrsten Sinne des Wortes von seinem bisherigen Leben abgeschnitten. Das Heimweh war groß. „Aber es musste sein, alle machten es so“, erzählt Sergio Vila Pouca. „Denn das Schulsystem in Swaziland bot nicht diese Möglichkeiten wie das in Südafrika.“ Wer für sein Kind eine gute Bildung wollte, schickte es nach Südafrika. Und wegen der großen Entfernungen gab es keine andere Möglichkeit als ein Internat.
Im Fall von Sergio Vila Pouca war es ein Internat, das nur von weißen Menschen besucht wurde. Im ersten Moment klingt das nicht so fatal, wie es war, denn während Vila Poucas Schulzeit herrschte in Südafrika noch das Apartheidssystem, das eine strenge Trennung von Weißen und Nicht-Weißen vorsah.
Kleiner Exkurs: Die Apartheid begann am Anfang des 20. Jahrhunderts, erreichte in den 1940er-Jahren ihre Hochphase und endete nach massivem Widerstand der schwarzen Bevölkerung ab 1990 in einer Transformationsphase bis zum demokratischen System- und Regierungswechsel, bei dem Nelson Mandela 1994 der erste schwarze Präsident der Republik Südafrika wurde.
In Eswatini hingegen war das nicht so. Dort lebten die Menschen unterschiedlicher Hautfarbe neben- und miteinander. „Zuhause hatte ich schwarze Freunde, im Internat durfte ich das eigentlich gar nicht erzählen“, erinnert sich Vila Pouca noch genau. Nach den Ferien war es besonders schlimm. Denn die schulfreie Zeit in Eswatini verbrachten wieder alle gemeinsam.
Anfangs wurde zusammen gespielt. „Später sind wir dann bei uns auf der Farm Motorrad gefahren.“ Es lässt sich ahnen: So eine eswatinische Farm ist einfach deutlich größer als ein deutscher Bauernhof.
Das Fahren auf der dort angelegten Motocross-Strecke war nur ein Teil des Vergnügens. „Irgendwann haben wir im Garten eine Rampe gebaut“, erzählt Sergio Vila Pouca schmunzelnd. „Zweieinhalb Meter hoch und siebeneinhalb Meter breit!“ Dann wurde mit den Mopeds gesprungen. „Mein Lieblingssprung war Superman.“
Für Nicht-Freestyle-Experten: Beim Superman wird der Körper beim Sprung waagerecht über dem Bike ausgestreckt. Die gestreckten Arme schieben den Lenker nach vorn, die Beine sind möglichst geschlossen nach hinten ausgestreckt. Eben so wie Superman fliegt.
Die Jungs in Swaziland waren eins mit ihren Zweirädern – wie die Cowboys eins mit ihren Pferden sind. Kein Wunder, dass damals der Begriff „SwaziCowboyz“ entstand. „Und als ich mich dann hier selbstständig machte, habe ich meine Firma so genannt.“
Wenn du ein gut gehendes Unternehmen leitest und dir eine Auszeit von zehn Jahren nimmst
Nach der Schule machte sich Sergio mit 17 Jahren selbstständig. „Ich bedruckte im Siebdruck Schilder“, erzählt er. „Unter anderem für die UN Schilder rund um HIV.“ Es lief gut. Irgendwann hatte er 26 Mitarbeitende.
„In Eswatini ist es aber nicht so, dass du dein Material bestellst und dann fährt ein Lkw auf den Hof, der dir alles bringt.“ Vielmehr fährt man selbst zu den entsprechenden Lieferanten und holt das Benötigte ab. So sei man sicher, dass alles rechtzeitig in der entsprechenden Menge und Qualität vor Ort ist.
„Je größer die Firma wurde, desto anstrengender wurde die Organisation.“ Er kam als Erster und ging als Letzter. Er war für alles verantwortlich – von der Akquise über die Materialbeschaffung bis zur finalen Abnahme und der Auslieferung. „Und auch dafür, dass die Kunden zahlen.“ Die Zahlungsmoral sei nur mangelhaft ausgeprägt. Mit 30 hatte er genug. „Ich war ausgebrannt.“
Und so nahm er sich 2006 eine Auszeit. „Als ich ging, sagte ich ‚In zehn Jahren komme ich wieder.‘“ So viel sei verraten: Genau so kam es. „2016 organisierte ich meine erste Motorradtour durch Eswatini.“
Die Farm in Eswatini, wo sich auch seine Firma befand, hat er inzwischen verkauft. „Dort steht heute eine Agrar-Uni.“
Wenn du in Mosambik die Frau deines Lebens kennenlernst und mit ihr nach Deutschland gehst
Mareike Vila Pouca studierte Architektur in Kapstadt. 2004 führte sie eine Reise ins Nachbarland Mosambik. Dort traf sie Sergio Vila Pouca, ihren zukünftigen Ehemann. Das junge Paar war sich bald sicher, dass sie zusammengehören und zusammenbleiben wollen. Als sich Sergio die erwähnte Auszeit von der Arbeit nahm, war klar, dass sie zusammen nach Deutschland gehen würden. Bis zum Ende von Mareikes Studium an der RWTH blieben sie in Aachen.
Wenn du in acht Monaten fließend Hochdeutsch lernst und dann ins Schwäbische ziehst
Dort in Nordrhein-Westfalen paukte Sergio eifrig Deutsch. „Nach nur acht Monaten habe ich meinen DSH-Test bestanden.“ Was durchaus bemerkenswert und deutlich schneller als der Durchschnitt ist.
Zur Info: DSH ist eine Sprachprüfung für internationale Studienbewerbende, die an einer deutschen Hochschule studieren möchten. Damit wird nachgewiesen, dass die Deutschkenntnisse für ein Studium auf Deutsch ausreichen. Wer die DSH-2 besteht, verfügt typischerweise über Deutschkenntnisse auf C1-Niveau und kann wissenschaftliche Texte lesen, Vorlesungen verstehen und akademische Arbeiten verfassen.
Da Mareike aus dem Schwäbischen kam, zog das junge Paar in den Süden Deutschlands. „Bis dahin dachte ich, dass ich gut Deutsch kann“, schmunzelt Sergio. „Aber dann haben die Menschen hier Schwäbisch gesprochen; ich habe nur sehr wenig verstanden.“
Inzwischen hat sich das gelegt. Mit seinen Nachbarn im Weiler kommt Sergio Vila Pouca bestens aus – menschlich und sprachlich. „Die Leute hier brauchen vielleicht etwas Zeit, aber dann wird‘s.“
Wenn du in deiner neuen Heimat einen Job findest, du aber merkst, dass dir die Selbstständigkeit fehlt
Als Vila Poucas im Süden Deutschlands ihren Lebensmittelpunkt gefunden hatten, wollte Sergio wieder beruflich Fuß fassen. „Ich habe mich für Fahrzeugtechnik an der Hochschule Esslingen beworben und auf Anhieb einen Platz bekommen.“ Aber richtig glücklich war er damit nicht: „Es war mir zu theoretisch.“ Und so suchte er sich einen Job. Zwei Jahre lang war er im Messebau tätig. „Da konnte ich mit den Händen arbeiten.“
Aber das war auch nicht das, was er gewollt hatte. „Ich habe gemerkt, dass ich gerne für alles selbst verantwortlich bin.“ Und darum machte er sich wieder selbstständig: mit „SwaziCowboyz“.
„Meine Firma ist breit aufgestellt.“ Motorräder und Zubehör von Reifen über Sitzbezüge bis Fahrwerke. Und auch das Drucken kam wieder hinzu: „Ich bedrucke T-Shirts und Teamklamotten oder auch Firmenkleidung, Zelte, Fußmatten oder Beachflags – einfach alles, was kommt.“
Sergio Vila Pouca kennt den Grund: „Das kommt von meinem Überlebensgefühl.“ Je breiter er aufgestellt sei, desto weniger treffe es ihn, wenn eine Sparte nicht mehr laufe. „In Eswatini bist du auf dich allein gestellt, da greift dir kein Staat im Notfall unter die Arme.“ Er genießt es, dass hier das Leben jedes Einzelnen so viel wert sei, dass es Unterstützung gibt.
Was er aus seiner ersten Selbstständigkeit gelernt hat: „Ich will klein bleiben.“ Er möchte so viel haben, dass es ihm reicht, gut zu leben: „Mehr brauche ich nicht.“
Wenn du in deiner alten Heimat Motorradrennen gefahren bist und diese Leidenschaft ein neues Zuhause braucht
Motorradfahren gehörte nicht nur zu Sergios Leben, sondern zur gesamten Familie Vila Pouca. „Schon mein Vater war begeisterter Motorradfahrer“, sagt der Zweirad-Enthusiast. „Er hatte sogar eine Zeit lang eine Rennmannschaft.“ Und auch er selbst sei bei den südafrikanischen Meisterschaften mitgefahren.
Als er dann in Erkenbrechtsweiler zu Hause war, hat er irgendwann gemerkt, dass ihm das Motorradfahren im Gelände fehlt. „Als ich beim MSC Frickenhausen Zubehörteile vorstellte, merkte ich, dass es fast direkt vor der Haustür eine Möglichkeit gibt, offroad zu fahren.“ Und so wurde er Mitglied beim MSC.
Allerdings fehlte Sergio Vila Pouca anfangs etwas das soziale Miteinander. „Die neuen Mitglieder wurden nicht richtig willkommen geheißen.“ Um andere und mehr Menschen kennenzulernen, entschied er sich, den Trainerschein zu machen. Heute hat er die C-Lizenz und kümmert sich um den Nachwuchs beim MSC. „Es ist wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen das Fahren von Anfang an richtig lernen und nicht wie wir damals durch Versuch und Irrtum.“ Sie würden viel schneller besser werden. „Fehler, die man erst mühsam wieder ausmerzen muss, machen sie erst gar nicht.“
Wenn du den Freunden in der neuen Heimat dein Heimatland zeigen möchtest
Bei einem Einsatz als Streckenposten lernte Sergio Vila Pouca seinen heutigen Freund Harald kennen. „Irgendwann fragte er ‚Wann gehen wir zu dir nach Hause?‘“ Und damit meinte Harald nicht Erkenbrechtsweiler, sondern Sergios Geburtsland. „Auf dem Heimweg von diesem Einsatz habe ich mir überlegt: Wenn ich eine Tour nach Eswatini mache, könnte ich endlich auch mal wieder meine Familie sehen.“
Swaziland ist – trotz seiner geringen Größe – sehr abwechslungsreich. Während sich im Westen hohe Berge mit tief eingeschnittenen Tälern befinden, gibt es in der Mitte grüne Hügel mit fruchtbaren Ebenen, die dann im Osten in Savannen und Buschland übergehen, dem Lebensraum vieler Wildtiere. Und zudem liegt der zweitgrößte Monolith der Welt in Eswatini.
Sergio Vila Pouca wollte seinen Freunden aber nicht nur diese Vielfalt zeigen, sondern auch, wie gut sich diese Landschaft mit dem Motorrad erleben lässt – selbstverständlich gerne abseits der befestigten Wege.
Allerdings lässt sich ein Motorrad nicht so einfach in den Süden Afrikas mitnehmen. „Und auch Mieten geht nicht, da es das nicht gibt.“ Diese Herausforderung meisterte Sergio Vila Pouca auf seine zielstrebige, lösungsorientierte Art: „Ich habe einfach Motorräder beim Großhändler gekauft.“ Untergebracht sind die Zweiräder bei einem seiner Freunde aus Jugendtagen. Übrigens: Das Begleitfahrzeug bei den Touren wird von einem weiteren Freund Sergios gefahren.
Durchschnittlich zweimal im Jahr bietet Sergio Vila Pouca heute Touren in Eswatini an. „Wir fahren in acht Tagen im Prinzip einmal um das Land herum.“ Je nach Können der maximal sieben bis acht Teilnehmenden variieren die Strecken zwischen 300 und 1000 Kilometer. Die Unterkünfte sind vorgebucht, die Wege dahin variabel. „Der Maßstab ist dabei immer der schwächste Fahrer.“
Wenn du anderen etwas Gutes tun möchtest, die nicht deine Möglichkeiten haben, ...
... dann initiierst du eben einfach mal ein soziales Projekt. „Bei unseren Touren suchen wir uns eine Schule aus und besuchen sie unangekündigt“, berichtet Sergio Vila Pouca. „Wir nennen das den ‚Sturm der Schule‘.“ Mit dabei hat die Motorrad-Truppe Trikots – nicht nur einzelne, sondern ganze Sätze, die ein Verein ausgemustert und gespendet hat. „Je nachdem, wie groß die Trikots sind, wählen wir die Schule aus.“ Letztes Mal unterstützten sie eine Grundschule. „Die Kinder hatten gerade Sporttag und da kamen unsere Trikots gerade recht.“ Und auch die mitgebrachten Fußbälle samt Pumpen kamen gleich zum Einsatz. „Ich weiß, richtige Hilfe ist anders, aber ich sehe es mehr als eine nette Geste, die in dem Moment gut tut.“
Info Eswatini
Der Binnenstaat im südlichen Afrika mit etwa 1,2 Millionen Einwohnern grenzt an Südafrika und Mosambik. Es ist das siebtkleinste afrikanische Land und das zweitkleinste afrikanische Land, das auf dem Festland liegt.
Nationalfeiertag ist der 6. September, der Jahrestag der Unabhängigkeit im Jahr 1968. Die Staatsform ist faktisch eine absolute Monarchie. Die beiden größten Städte des Landes sind die administrative Hauptstadt Mbabane und das wirtschaftliche Zentrum Manzini. Regierungssitz ist Lobamba.
Besser bekannt ist Eswatini dem einen oder anderen als Swaziland. Der aktuelle König, Mswati III., proklamierte 2018 völlig überraschend einen Namenswechsel weg vom kolonialen „Swaziland“ zu „eSwatini“.
Sibylle Powoden