Nürtingen

Mut, Vision, Stadtbalkon: Wie Johannes Fridrich Nürtingens Neckarufer neu erfindet

„Der Stadtbalkon ist unser mutigstes Projekt“, sagt der Nürtinger Oberbürgermeister Johannes Fridrich. Die Geschichte von einer Idee, die sich durchsetzt und Wirklichkeit wird, von Gestaltungswillen und Gemeinschaftssinn und von Dankbarkeit und Demut.

„Mut brauchte es, den Stadtbalkon umzusetzen“, erinnert sich Nürtingens Oberbürgermeister Johannes Fridrich. Foto: Markus Brändli
Mit Blick auf den Neckar: Der Stadtbalkon steht für die Verwandlung einer stark frequentierten Durchgangsstraße in eine Flaniermeile mit hoher Aufenthaltsqualität für alle Generationen. Foto: Lia Hiller
Der Nürtinger Stadtbalkon ist ein Herzensprojekt des Nürtinger Oberbürgermeisters. „Es braucht Weitsicht und das Vertrauen in das Gelingen“, sagt er heute. Foto: Markus Brändli
Inzwischen ist der Stadtbalkon ein beliebter Treffpunkt. Das Public Viewing während der Fußball-WM war ein Besuchermagnet. Foto: NTZ-Archiv
„Hier am Wasser, das ist ein magischer Ort“, sagt Johannes Fridrich. Foto: Markus Brändli

NÜRTINGEN. Es ist ein sonniger Frühsommernachmittag in Nürtingen. Johannes Fridrich ist unterwegs auf dem Nürtinger Stadtbalkon. Der Oberbürgermeister lässt seinen Blick über die mit Menschen gefüllte Flanier- und Gastromeile schweifen. Das Stadtoberhaupt bleibt nicht unerkannt und grüßt die Passanten freundlich zurück. Wo früher Autos fuhren, lädt heute eine Uferpromenade am Neckar zum Verweilen ein. „Mut brauchte es, dies umzusetzen. Es war nicht immer einfach“, erzählt der 48-Jährige. „Der Stadtbalkon ist mein Herzensprojekt, ich bin so gern hier. Man sieht, wie schnell die Zeit vergeht.“

Ein Samstag im Frühjahr 2019: Es ist Wahlkampf in Nürtingen. Ein neuer Oberbürgermeister als Nachfolger von Otmar Heirich soll gewählt werden. An der zu diesem Zeitpunkt noch stark befahrenen Alleenstraße baut der Kandidat Johannes Fridrich mit seinem Team eine Grillstation, ein „Stadtbalkönchen“ auf. In den jungen Gastro-Unternehmern Daniele Castro und Niklas Hoss hat er bald erste Mitstreiter zur Seite, die ebenfalls von der Idee überzeugt sind, eine Begegnungs- und Erlebniszone mit hoher Aufenthaltsqualität zu schaffen. Eine Container-Bar soll den Anfang machen.

Das ungenutzte Neckarufer – ein Rohdiamant

Inspiriert von seinem früheren Studienaufenthalt im französischen Aix-en-Provence ist Fridrich von dem hiesigen brachliegenden Potenzial überzeugt. Für ihn ist das bis dahin ungenutzte Neckarufer ein Rohdiamant. In seinem Wahlprogramm hat er festgelegt: „Mein Ziel: Den Neckar und die Innenstadt besser miteinander zu verbinden und den Bereich der Alleenstraße zwischen Kreisverkehr und Hölderlin-Denkmal als eine für alle Generationen nutzbare Flaniermeile zu gestalten.“ Das Wie soll in einem gemeinsamen Prozess erfolgen.

Johannes Fridrich gewinnt die Oberbürgermeisterwahl. Der Wechsel in die Kommunalpolitik mit dem Amtsantritt am 1. September 2019 ist für den promovierten Juristen ein mutiger Schritt. Einen Impuls für die Kandidatur hat auch seine Ehefrau Astrid gegeben, wie er heute schmunzelnd erzählt. Kennengelernt haben sie sich in Nürtingen. Denn Johannes Fridrich wuchs zwar in Tübingen-Hirschau – am Neckar – auf, aber er war auch häufig in Nürtingen zu Besuch und verbrachte die Ferien bei seiner Großmutter im Kocherweg. „Nürtingen habe ich schon von Kindheit an in romantischer Erinnerung.“ Als er als Erwachsener zurückkehrte, kam es zur schicksalhaften Begegnung. Ein paar Häuser weiter wohnte die Familie seiner zukünftigen Ehefrau. „Es war Fügung“, sagt er. Seit 2017 lebt das Paar, inzwischen als junge Familie mit zwei Töchtern, in Nürtingen.

Die Vision Stadtbalkon wird Wirklichkeit

Neckarterrassen...Neckarbalkon...Stadtbalkon! Die Idee nimmt Gestalt an und eine Vision wird Wirklichkeit. Als frischgewählter OB der rund 42.000 Einwohner zählenden großen Kreisstadt bildet Fridrich rasch ein dezernatsübergreifendes Team mit Vertretern unter anderem aus Stadtmarketing, Ordnungsamt, Bauamt, Technischem Rathaus und Stadtwerken. Auch die Bürgerinnen und Bürger werden einbezogen. Transparenz ist ihm wichtig. Im K3N findet eine Info-Veranstaltung statt.

Er sieht dringenden Handlungsbedarf bei diesem Stadtentwicklungsprojekt. Die Alleenstraße, eigentlich auf der Schokoladenseite des Stadtpanoramas gelegen, gibt kein idyllisches Bild ab. Sie ist eine stark frequentierte Durchgangsstraße mit Auto- und Schwerlastverkehr. Bis zu 11.000 Fahrzeuge täglich werden in Stoßzeiten gezählt. In die Jahre gekommene Gebäude und ein Wettbüro bestimmen das Straßenbild. Mit der Umgestaltung verspricht er sich einen Mehrwert für die Bürgerinnen und Bürger sowie eine Belebung der Stadtkultur.

Heute weiß Johannes Fridrich: „Die Entscheidungen, welche die Stadt verändern und weiterentwickeln, sind nicht die, die keine Kritik bekommen.“ Erschwert wird das Vorhaben damals durch die Corona-Pandemie, die im März 2020 beginnt. Trotzdem planten der Rathauschef und seine Projektgruppe damals eine baldige Testphase für den Stadtbalkon.

Von der Testphase in den Dauerbetrieb

Im Sommer 2021 soll die Alleenstraße zwei Monate lang für den Verkehr gesperrt werden, da die Stadtwerke die Trasse der Stromleitung von der Neuffener Straße bis zum alten E-Werk verlängern. Diese Sperrung ist die Chance für den Testlauf. Die noch etwas improvisierte Flaniermeile am Fluss verbindet die Innenstadt mit Altstadt und Neckar. Aufgrund vieler positiver Rückmeldungen gibt es eine Verlängerung über die Sommerferien hinaus. Aber noch nicht über den Winter.

Auf der Homepage der Stadt wird damals eine Umfrage eingerichtet, an der sich mehr als 1000 Gäste beteiligen. Rund 88 Prozent bewerten das Projekt mit „sehr gut“ oder „gut“. Diese breite Zustimmung überzeugt in der Folge auch den Nürtinger Gemeinderat. Dieser beschließt, den Stadtbalkon dauerhaft und ganzjährig zu etablieren. Allerdings löst die komplette Sperrung der Alleenstraße vom Steinachdreieck bis zum Kreisverkehr nicht nur Begeisterung in der Bevölkerung aus. Inzwischen wird der motorisierte Verkehr über die angrenzende Bundesstraße umgeleitet.

Nürtinger Gemeinderat unterstützt dieses Projekt

Heute sagt Johannes Fridrich: „Auch für den Gemeinderat war es eine mutige Entscheidung, der ganzjährigen Sperrung zuzustimmen. Ich bin dem Gremium sehr dankbar, dass es sein Vertrauen in mich ausgedrückt hat und mein Herzensprojekt unterstützt.“

Dass das Thema Chefsache ist, zeigt sich auch daran, dass der OB jede einzelne Sitzungsvorlage selbst verfasst hat. Das Stadtoberhaupt strahlt Enthusiasmus für dieses Projekt aus. „Es braucht Weitsicht und das Vertrauen in das Gelingen“, sagt er. „Man hat manchmal innerlich Zweifel und muss nach außen hin trotzdem Zuversicht ausstrahlen.“ Das Durchhaltevermögen, die Fähigkeit, auf Herausforderungen zu reagieren, und mit Flexibilität nach Lösungen zu suchen, zahlen sich offensichtlich aus.

Der Stadtbalkon wird zu einem ausgezeichneten Infrastrukturprojekt

Im Mai wird der Nürtinger Stadtbalkon als Infrastrukturprojekt anlässlich der dritten Fußverkehrskonferenz Baden-Württemberg mit dem zweiten Platz ausgezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt sagt Fridrich: „Der Stadtbalkon ist unser mutigstes Projekt und vieles ist noch im Fluss und unvollendet.“ Erfreulich ist auch, dass die Entwicklungen am Stadtbalkon einen positiven Einfluss auf das ganze Quartier haben. Nürtingen ist seit 2018 mit dem Gebiet Schlossberg II Teil des Landessanierungsprogramms. Immer mehr Besitzer nutzen diese Chance und sanieren ihre Häuser.

Gleich doppelt regnet es im Jahr 2025 Preise: Bei der Landesauszeichnung „Wir machen Mobilitätswende“ wird der Stadtbalkon in den Kategorien „Entspannt mobil“ und mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Heute hebt Johannes Fridrich hervor: „Im Hinblick auf öffentliche Gelder ist der Stadtbalkon ein Low-Budget-Projekt. Es finanziert sich im Wesentlichen durch Spenden, Förderungen und viel privates Kapital.“ Dank dieser Spenden und Gewinne konnten Flächen entsiegelt und Schatten spendende Bäume gepflanzt werden. Eigentümer haben in ihre Häuser investiert. Gebäude wurden abgerissen und neugebaut oder grundlegend saniert. „Auch hier gilt: Jede einzelne Entscheidung braucht Mut“, betont der Rathauschef. Dass der Stadtbalkon zu dem geworden ist, was er heute darstellt, ist viel privatem Engagement zu verdanken.

Ein Beispiel ist Paul Seibold, der inzwischen verstorbene Eigentümer des Gebäudes, in dem sich das mexikanische Restaurant Joe Peña’s befindet, der frühere Neckarblick. „Nachdem er sich zum Komplettneubau des Gebäudes entschlossen hatte, wurde es ein Herzensprojekt von ihm. Er hat am Richtfest sehr positiv darüber gesprochen“, erinnert sich Fridrich. „Damit hat Paul Seibold in Nürtingen etwas Bleibendes hinterlassen und sich so ein kleines Denkmal gesetzt.“

Inzwischen ist der Stadtbalkon ein beliebter Treffpunkt. Manche entspannen hier am Fluss und tanken neue Energie, manche lieben die geselligen Events. Die unterschiedlichen gastronomischen Angebote sprechen viele Geschmäcker an. Wer selbst ein Picknick mitbringt, kann dies in der vorgesehenen Zone verzehren. Kinder toben auf den naturnahen Spiel- und Aktionsflächen.

Mit dem Fahrrad in Schrittgeschwindigkeit über den Stadtbalkon zu fahren, ist erlaubt. Die „Mobilitätsecke“ beim Hölderlin-Denkmal bietet eine Akku-Ladestation für E-Bikes und eine Reparaturstation. In der Sommersaison strahlt die Flaniermeile mediterranes Flair aus, in der kalten Jahreszeit lädt das behagliche Winterdorf ein. Veranstaltungen wie „Staba and Sunset“ in den wärmeren Monaten oder der Martinsumzug im November locken unzählige Menschen an. Ein besonderer Magnet war das Public Viewing während der Fußball-WM.

Dankbarkeit als Superkraft

Der Stadtbalkon ist nicht das einzige Großprojekt, das die Aufmerksamkeit des Stadtoberhauptes fordert. Woher kommt die Energie? „Meine Kraftquelle ist die Familie. Ohne meine Ehefrau Astrid im Rücken hätte ich das alles nicht gemacht.“ Beide verbindet der christliche Glaube, der Halt und Zuversicht gibt. „Von meiner Nürtinger Mutter habe ich den Optimismus mitbekommen. Sachen positiv zu sehen, ist eine Lebenseinstellung. Und ich bin demütig und sehr dankbar. Dankbar für tolle Mitarbeiter und die ganze Verwaltung. Dankbarkeit ist eine Superkraft.“

Johannes Fridrich blickt noch einmal auf den Neckar, bevor er zum nächsten Termin ins Rathaus weiter eilt. „Hier am Wasser, das ist ein magischer Ort.“

Zur Startseite