Unsere starke Region
Im „Unruhestand“ mit dem Bike von Wendlingen aus durch Europa
Michael Oswald und Jochen Ruoff brechen mit ihren Motorradtouren quer durch Europa zu neuen Ufern auf, und beweisen bei ihren mehrwöchigen Reisen viel Mut und Stehvermögen.
UNTERENSINGEN/KOHLBERG. Wenn andere nach ihrem Ruhestand die Füße hochlegen, starten die Freunde Michael Oswald und Jochen Ruoff den Weg ins Ungewisse. „Uns treibt eine innere Unruhe dazu an, Dinge zu tun, die nicht unbedingt planbar sind“, nennt Jochen Ruoff das Motiv für ihre Motorradtouren. „Man weiß auf solchen Reisen nie, was der Tag bringen wird, und es erfordert zur Umsetzung Mut und Aufbruchstimmung“, ergänzt Michael Oswald. Die beiden verbindet seit Jahrzehnten eine lange berufliche Zusammenarbeit, gemeinsame sportliche Aktivitäten und das Hobby Motorradfahren. Ihren Eintritt in die passive Altersteilzeit 2024 haben Michael und Jochen dazu genutzt, zu neuen Aktivitäten und Zielen aufzubrechen. Dazu gehören auch drei individuelle, mehrwöchige Motorradtouren nach Osteuropa, Skandinavien und auf die iberische Halbinsel, bei denen die beiden Vorruheständler nicht nur viel Mut bewiesen haben, sondern sich auch die während ihres Berufslebens entstandenen Träume erfüllen konnten.
Beide haben eine ähnliche Biografie
Die beiden 1965 geborenen, und damit zu den sogenannten „Babyboomern“ gehörenden Schwaben, blicken auf eine ähnlich verlaufende berufliche und hobbymäßige Vergangenheit zurück. Über das gemeinsame Hobby Fußball kamen der Unterensinger und der Kohlberger 1981 in der A-Jugend des FV 09 Nürtingen erstmals miteinander in Kontakt. Danach waren die beiden Diplom-Ingenieure lange Jahre Arbeitskollegen bei T-Systems. Fußball und Tennis gehören zu den sportlichen Leidenschaften der neugierigen, mutigen und fürs Neue aufgeschlossenen Schwaben.
Gemeinsame Leidenschaft Motorrad
Neben ihren Lebenspartnerinnen Sabina und Beate ist das Motorradfahren die zweite große Liebe von Michael Oswald und Jochen Ruoff. „Wir haben schon während unseres gemeinsamen Arbeitslebens geplant, später einmal nach St. Petersburg, an den Ladogasee, und danach nach Skandinavien zu biken“, berichtet Michael Oswald. Im Juli 2024 wagte man sich auf die erste große Tour. Diese führten Michael Oswald auf einer Triumph Tiger 900 und Jochen Ruoff auf einer BMW GS 1250 33 Tage lang insgesamt 9000 Kilometer durch die ihnen unbekannten Länder Tschechien, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden und Norwegen. „Vor allem in Skandinavien hatten wir mit Wetterkapriolen zu kämpfen, und es bedurfte großen Willens, die einzelnen Etappen zu meistern“, berichtet Michael Oswald. St. Petersburg und der Ladogasee konnten aufgrund der politischen Lage nicht besucht werden. „Trotz Motorradpanne, viel Regen und Moskitos war es für uns klar, dass wir im nächsten Jahr wieder eine besondere Tour starten werden“, zeigten sich Jochen Ruoff und sein Kompagnon bereits wieder in Aufbruchstimmung.
Zweite Tour führt nach Osteuropa
Die 2025-Tour begann Ende August in Wendlingen, und wird etwas ausführlicher beschrieben. Am Spätnachmittag wurde das erste Ziel Innsbruck erreicht, wo es sich die beiden Motorradfreaks bei österreichischen Süßspeisen gut gehen ließen. 400 Kilometer Landstraße führten in die Steiermark. Am dritten Tag ging es über den Neusiedlersee an den ungarischen Plattensee. Dort wurden die schwäbischen Biker beim Abendessen von Mückenschwärmen gepiesackt, wovon sich die beiden aber nicht einschüchtern ließen. „Nicht zu wissen, wo man abends etwas zu essen bekommt, und dazu 15 Kilometer im strömenden Regen zu fahren, um ein Fast-Food-Restaurant zu finden, waren große Herausforderungen“, sagt Jochen Ruoff. Vom Plattensee aus ging es in den hügeligen Nordosten Ungarns, nach Budapest. In Tokaj traf man Sportfreund Steffen Erb, der mit seiner Sabine mit dem Campervan unterwegs war. Am fünften Tourtag überquerten die Jungruheständler die rumänische Grenze. Dort führte die Route durch benachbartes ukrainisches Gebiet. „Kurz vor der ukrainischen Grenze hat uns der Mut verlassen, um ins Unbekannte zu fahren. Die Vernunft hat gesiegt, und wir sind einen deutlichen Umweg auf rumänischem Gebiet gefahren“, so Michael Oswald. Über die Karpaten fuhren die beiden Freunde weiter über Transsilvanien (Rumänien) nach Sibiu (Hermannstadt). Mit etwas Bauchweh wagte man sich auf die bis zu 2050 Meter hoch gelegene Passstraße Transfagarasan. „Bären, die uns auf dieser Straße angekündigt waren, haben wir glücklicherweise nicht gesehen“, war Michael Oswald, der Respekt vor den haarigen Zeitgenossen hatte, da kurz zuvor ein Motorradfahrer von einem Bären getötet worden war, erleichtert. Über die Transalpina und die Walachei ging es in den Norden Bulgariens. „Du fährst, ohne Dir Gedanken zu machen, und stehst plötzlich am Schwarzen Meer, und kannst nicht weiterfahren“, erinnert sich Michael Oswald an die wunderbare Anlaufstelle Nessebar, die Bestandteil des UNESCO-Welt-Kultur- und Naturerbes ist.
Tourhalbzeit in Griechenland
Auf fast leeren Straßen ging es weiter in Richtung Griechenland, wo man in Xanthi Halbzeit der Tour hatte. Hier traf man einen griechischen Motorradkollegen, der nach Überprüfung der Nummernschilder der Motorräder so begeistert war, dass er den seltenen Gästen aus Deutschland einen Kaffee spendierte. Weiter ging es am „Dreiländertag“ über Bulgarien raus aus der EU nach Nordmazedonien. „Nordmazedonien war landschaftlich faszinierend“, resümiert Michael Oswald die zwei Tage im Binnenstaat Südeuropas. Der 17. Reisetag führte von Nordmazedonien nach Albanien, wo die schwäbischen Biker schon bald feststellen mussten, dass die Albaner viel Risikobereitschaft beim Autofahren an den Tag legen, und es eine Menge Konzentration, Mut und fahrerisches Können erforderte, um keinen Unfall zu bauen. „Du bist dort als Motorradfahrer im Vergleich zu Bussen und Lkw klar der Schwächere, und wir mussten uns öfter überwinden, überhaupt weiterzufahren“, erinnert sich Jochen Ruoff an einige kritische Momente. Auch kilometerlange Schotterstraßen waren für die mit schwerem Gepäck beladenen Motorräder eine große Herausforderung, um nicht zu stürzen. „Da galt es einfach weiterzufahren“, so Michael Oswald.
Verständigung oft mit „Händen und Füßen“
In Albanien gab es auch ein Treffen mit dem Vorwärts-Pille-Freund Dirk Falter und dessen Ehefrau Petra. Aus dem stressigen Albanien ging es in die Einsamkeit Montenegros. „Montenegro ist wie für Motorräder gemacht“, findet Jochen Ruoff. Ausführlichen Kontrollen musste man sich an der Grenze von Montenegro nach Bosnien-Herzegowina unterziehen lassen. In Sarajevo war es mit der Ruhe wieder vorbei. Über Banja Luka ging es über die Grenze zurück nach Kroatien nach Hrvatska Kava, und weiter nach Slowenien. Über den Obertauern und Kufstein fuhr man am letzten Reisetag zurück nach Wendlingen. Micha und Jochen waren stolz und glücklich, nach einer gelungenen und unfall- und pannenfreien Balkan-Motorradtour 2025, die bei trockenem Wetter auf insgesamt 7325 Kilometern durch 12 Länder führte, wieder gut in der Heimat bei ihren Partnerinnen angekommen zu sein. „Die Reise auf und über den Balkan hat uns jeden Tag mit neuen Kulturen, Menschen – einfach mit komplett Neuem – konfrontiert“, lautet das Fazit von Jochen Ruoff. „Das hat oft viel Mut von uns gefordert, sich dem zu stellen, und darauf einzugehen“, berichtet Michael Oswald. Es galt oft auch, sprachliche Barrieren zu überwinden: Bei den Gesprächen in ländlichen Gebieten erfolgte die Verständigung oft mit „Händen und Füßen“.
2026 an die Atlantikküste
Nach neun Monaten zeigten Michael und Jochen bereits wieder Mut und Aufbruchstimmung zu einem neuen Abenteuer. Dieses führte, mit Vorwärts-Pille-Kamerad Uli Schäfer als drittem Mitfahrer, Anfang Mai 2026 wieder zu einer 24-tägigen Westeuropa-Tour an die Atlantikküste, mit Ziel Portugal. Über den Schwarzwald und die Vogesen ging es durch Frankreich nach Spanien, wo man die abwechslungsreichen Landschaften der iberischen Halbinsel genoss. Im portugiesischen Arganil fieberten die VfB-Fans beim DFB-Pokalfinale mit. Danach ging es durch den Norden Spaniens und Frankreichs wieder zurück in die schwäbische Heimat. Die Tour war mit insgesamt 7380 Kilometern fast gleich lang wie die Osteuropatour 2025, und erforderte wieder eine gute Planung, Mut in vielen kritischen Situationen und ein gutes Miteinander. „Im Nachhinein war es nicht mutig, was wir gemacht haben – im Vorfeld aber schon. Nur die Erfahrung belohnt den Mut“, lautet das Fazit von Jochen Ruoff über die drei Motorradtouren mit insgesamt rund 24.000 Kilometern.