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Eine Geschichte aus Wendlingen: „Jeder Einsatz ist anders“

Erste-Hilfe-Ausbilder, Sanitäter, Bereitschaftsleiter, Feldkoch und First Responder: Der 70-jährige Willi Stutz aus Reudern ist seit mehr als 50 Jahren ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz tätig.

Willi Stutz mit dem Mannschaftswagen der Bereitschaft Wendlingen-Unterensingen, deren Leiter er viele Jahre lang war. Foto: gw
Bei seinen Erste-Hilfe-Kursen zeigt der erfahrene Sanitäter, wie im Notfall eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchgeführt werden muss. Foto: gw
Bei der Flutkatastrophe im Ahrtal war Willi Stutz als Feldkoch im Einsatz. Foto: privat
Immer wieder war Willi Stutz auch gemeinsam mit seinem Sohn Torsten (rechts) für das Deutsche Rote Kreuz im Einsatz. Foto: privat
2015 wurde Willi Stutz für sein ehrenamtliches Engagement von der Stadt Wendlingen mit der Bürgermedaille ausgezeichnet. Foto: gw

WENDLINGEN. Willi Stutz ist ein zurückhaltender, ein leiser Mensch, der lieber im Hintergrund bleibt und nicht viel Aufheben um seine Person macht. Dabei ist der heute 70-Jährige einer, der immer schon mit angepackt hat, wo er gebraucht wird, der sich für andere Menschen engagiert hat, und der mutig einspringt, wenn Not am Mann ist. Seit mehr als 50 Jahren arbeitet er als Ehrenamtlicher beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), mehr als 40 Jahre lang war er dabei als Ausbilder in Erster Hilfe tätig, über 20 Jahre plante, organisierte und verantwortete er als DRK-Bereitschaftsleiter oder dessen Stellvertreter ungezählte Einsätze im Landkreis. Zwölf Jahre fuhr er als Sanitäter im Rettungswagen, bis vor Kurzem unterstützte er die Rettungsdienste als First Responder im Rahmen der Initiative „Helfer vor Ort“ und betreut Blutspende-Aktionen. Dabei hat er sich nie ausgeruht auf dem, was er schon erreicht hat: Immer wieder hat er Neues ausprobiert, sich weitergebildet, sich neuen Aufgaben gestellt und Verantwortung übernommen. Für seinen Einsatz beim Deutschen Roten Kreuz wurde Willi Stutz 2015 von der Stadt Wendlingen mit der Bürgermedaille ausgezeichnet.

An der ehrenamtlichen Arbeit beim Deutschen Roten Kreuz hat Willi Stutz gereizt, dass die Aufgaben sehr vielfältig sind: „Jeder Einsatz ist anders.“ Schulungen und Weiterbildungen sorgen für eine gute Grundlage, die langjährige Erfahrung gibt Sicherheit: „Man ist gut ausgebildet, man weiß genau, was zu tun ist. Das beruhigt auch in schwierigen Situationen, in denen man immer zuallererst Ruhe bewahren muss.“ Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Kameraden, aber auch mit den Einsatzkräften von Feuerwehr, DLRG und Polizei macht ihm bis heute viel Freude, erzählt er: „Das ist eine Gemeinschaft, in der man sich aufeinander verlassen kann. Das Rote Kreuz verbindet, da sind auch Freundschaften entstanden.“

„Dabei bin ich hängengeblieben“

Anstatt regulären Wehrdienst zu leisten, verpflichtete sich Willi Stutz im September 1974 für zehn Jahre beim Deutschen Roten Kreuz. „Dabei bin ich hängengeblieben“, lacht er heute. Seine Frau habe ihn in seinem Engagement immer unterstützt, sein Sohn sei „beim Roten Kreuz groß geworden“, auch die Schwiegertochter sei beim DRK aktiv. In seinem Beruf als Industriekaufmann im Einkauf gehörten Reden und Vermitteln zu den wichtigsten Fähigkeiten, die ihm auch als Erste-Hilfe-Ausbilder zugutekamen. Über Jahrzehnte hinweg bildete Willi Stutz betriebliche Ersthelfer aus, die in ihrem Unternehmen für die Erstversorgung bei Unfällen oder plötzlichen Erkrankungen verantwortlich sind. Ungezählte Fahrschüler schulte er in Erster Hilfe: „Das Wissen aus einem solchen Kurs braucht man nicht nur bei einem Autounfall, sondern auch bei einer Verletzung in der Familie, im Beruf, in der Freizeit, im Sport. Und wenn der Kurs schon länger zurückliegt, ist es gut, wenn man seine Kenntnisse mal wieder auffrischt.“ Wichtig ist ihm, Laien die Angst zu nehmen, bei einem Notfall etwas falsch zu machen, betont er: „Das Einzige, was man falsch machen kann, ist, nichts zu tun“, ermutigt er zur Hilfeleistung in Notsituationen.

Vieles an der ehrenamtlichen Arbeit habe sich im Lauf der Jahre verändert, hat Stutz beobachtet: So leistete das DRK früher in einer kleinen Hütte direkt bei der Wendlinger Auffahrt zur A8 tagsüber Autobahndienst, auch am Skilift in Donnstetten waren an schneereichen Wochenenden Wendlinger DRK-Sanitäter stationiert. Beides wird heute nicht mehr gemacht. Sanitätsdienst im Freibad und bei Sportveranstaltungen gehörten damals regelmäßig zu ihren Aufgaben. Mussten früher die Ehrenamtlichen über eine Telefonkette alarmiert werden, sind sie heute über Funkmelder und WhatsApp sehr viel schneller erreichbar. In den DRK-Räumen in der Wendlinger Brückenstraße zeigt Willi Stutz eine kleine braune Ledertasche: „Damit haben wir früher als Rotkreuzler bei Fußballspielen Dienst gemacht. Heute gehört zu unserer Ausrüstung eine große Tasche mit Sauerstoff und Defibrillator.“

Gaffer behindern Rettungskräfte

Dafür, dass heute häufig Gaffer Rettungskräfte behindern und bei einem Notfall Fotos machen, hat Willi Stutz keinerlei Verständnis: „Was soll das? Wenn ich selbst oder ein Angehöriger in dieser Situation wäre: Will ich dann, dass fotografiert oder gefilmt wird? Da ist oft kein Respekt vorhanden vor einem Patienten, der in Not ist. Das ist doch traurig.“ Dass Einsätze für Rettungskräfte oft auch belastend sind, weiß er nur zu gut: Der Amoklauf, bei dem der jugendliche Täter 2009 in Winnenden 13 Menschen und anschließend in Wendlingen zwei weitere Geiseln ermordete, erschüttert auch einen erfahrenen Sanitäter wie Willi Stutz bis heute: „Da wurden so viele Menschen aus dem Leben gerissen. Es ist gut, dass es heute bei uns die Möglichkeit der psychosozialen Notfallversorgung für Angehörige der Hilfs- und Rettungsorganisationen gibt. Ich rate den jungen Kolleginnen und Kollegen immer: Redet über das Erlebte miteinander. Schwätzen bedeutet verarbeiten, man muss sich das von der Seele reden. Im Team weiß jeder, worum es geht und wie man sich fühlt.“

Die DRK-Bereitschaft Wendlingen-Unterensingen ist häufig bei größeren Einsätzen für die Verpflegung der Rettungskräfte zuständig: „Wir wissen dann, dass wir ganz schnell Vesper für soundsoviele Einsatzkräfte brauchen. Da rufe ich dann schon mal mitten in der Nacht meinen Metzger an, oder ich gebe nachts bei der Tankstelle 100 Brötchen in Auftrag. Wir richten Lunchpakete, wir kochen Kaffee und Tee. Die Einsatzkräfte sind immer sehr dankbar, wenn es etwas zu essen und warme Getränke gibt.“ Nach besonderen Einsätzen gefragt, erinnert sich Willi Stutz, der in Reudern lebt, an das legendäre Pokalspiel des TV Unterboihingen 1976 gegen den FC Bayern in München, bei dem er als Sanitäter die Fans im Zug begleitete. Er war helfend bei den Hochwassern von Neckar und Lauter 1978 und 1990 in Wendlingen und Unterensingen im Einsatz, hat 1989 nach dem Mauerfall Übersiedler aus der ehemaligen DDR betreut und 2015 in der Kirchheimer Schöllkopfschule eine Notunterkunft für Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und dem Libanon eingerichtet. Als im März 2022 Menschen aus der Ukraine in Esslingen zu versorgen waren, musste das DRK-Team anfangs mit dem Handy als Dolmetscher arbeiten, um sich zu verständigen. Besonders beeindruckt haben ihn ein Erste-Hilfe-Kurs für die Gefangenen im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg, nächtliche Sucheinsätze mit der Hundestaffel und die Betreuung von Corona-Test- und Impfstationen.

Flutkatastrophe im Ahrtal ist unvergessen

Die Helferinnen und Helfer des Deutschen Roten Kreuzes setzen sich – gemäß der Grundsätze der Hilfsorganisation – „im Zeichen der Menschlichkeit für das Leben, die Gesundheit, das Wohlergehen, den Schutz, das friedliche Zusammenleben und die Würde aller Menschen ein“. So sind ehrenamtliche Helfer wie Willi Stutz auch immer wieder bei Katastrophen und Krisen im Einsatz. Für Willi Stutz, der 1997 die Ausbildung zum Feldkoch abschloss, ist sein ehrenamtlicher Einsatz bei der Flutkatastrophe im Ahrtal unvergessen. Im Juli 2021 arbeitete er dort zwei Wochen lang in der Feldküche. Täglich wurden etwa 11.000 Essen für Helfer und Einsatzkräfte gekocht, in riesigen Töpfen wurde Gulasch oder Linseneintopf mit paddelähnlichen Kochlöffeln umgerührt: „Da hieß es kurz vor halb vier Uhr aufstehen. Um neun Uhr musste das Essen fertig und in Warmhaltebehälter abgefüllt sein, denn die Umwege zu den 42 Ausgabestellen waren lang, weil viele Straßen und Brücken zerstört waren“, erinnert er sich. Nach einer kurzen Erholungspause zuhause kehrte Willi Stutz danach für weitere zwei Wochen als Fahrer ins Ahrtal zurück: „Beim zweiten Mal wurden wir wie Familienmitglieder begrüßt. Die Wärme, Freundlichkeit und Dankbarkeit waren enorm.“

Obwohl Willi Stutz mittlerweile nicht mehr in verantwortlicher Position beim DRK tätig ist, engagiert er sich noch immer bei Blutspende-Aktionen. Bis vor Kurzem fuhr er noch Helfer-vor-Ort-Einsätze. Diese First Responder sind ehrenamtliche Ersthelfer, die bei medizinischen Notfällen die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überbrücken. „Seit ich in Rente bin, kann ich meine Einsatzzeiten besser planen“, freut er sich, dass er nun mehr Zeit für die Familie, für Haus, Garten und Wiese hat. „Man wird dankbar für das, was man hat“, betont er, weil er sehr genau weiß, wie schnell sich durch eine Unachtsamkeit, einen Unfall oder eine Krankheit das Leben von einem auf den nächsten Tag ändern kann.

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