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Ein Leben für das Theater – die Theaterspinnerei in Frickenhausen

Seit 25 Jahren faszinieren die Theatermacher Jens Nüßle und Stephan Hänlein ihr Publikum mit stets neuen, innovativen Theaterproduktionen. Susie Rosina Pochert und Marcus Dreisigacker gehören seit 2019 zum Team der „Theaterspinner“ von Frickenhausen.

Jens Nüssle in der aktuellen Produktion „Der kleine Prinz“. Foto: Gerlinde Ehehalt
Von links: Marcus Dreisigacker, Jens Nüssle, Stephan Hänlein und Susie Rosina Pochert bei der erfolgreichen Aufführung von „Der kleine Prinz“. Foto: Gerlinde Ehehalt
Jens Nüssle als Hölderlin mit Susie Rosina Pochert bei einem der Audiospaziergänge. Foto: privat
Die vier Theatermacher inszenieren ihre Stücke stets mit viel Leidenschaft und großer Freude – von links: Stephan Hänlein, Susie Rosina Pochert, Jens Nüssle und Marcus Dreisigacker. Foto: Gerlinde Ehehalt
Das Bahnhofsgebäude wurde komplett in Eigenregie saniert. Foto: privat

FRICKENHAUSEN. In dieser Saison steht „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry auf dem Programm – es ist ein multimediales Schauspiel, garniert mit Animationen, Live-KI-Zeichnungen, Projektionen, Lichtzauber und viel Musik. Nach Vorlage des Klassikers von Antoine de Saint-Exupéry erzählen die Theaterspinner die Geschichte des kleinen Prinzen, der sich mutig auf eine fantasievolle Reise begibt und auf der Suche nach der Wahrheit den Aufbruch in neue Welten wagt. Am Ende entdeckt er die Schönheit, die Zerbrechlichkeit der Welt und schließlich das wirklich Wichtige und Wesentliche. Auch die Geschichte der Theaterspinner aus Frickenhausen handelt vom Mut, niemals aufzugeben, durchzuhalten und immer weiter voranzugehen – von dem Aufbruch in neue Bereiche der Darstellungskunst, stets kombiniert mit modernster Technik. Ihre Freude am Spiel und die Lust, mit innovativen Ideen und Produktionen das Publikum zu begeistern, sind der Motor, der sie vorantreibt. Dies verleiht ihnen die Kraft, an der Idee und der Umsetzung eines eigenen Theaters festzuhalten. Es ist eine schöne Erzählung über Menschen, die mit starkem Willen weitermachen, die an ihre Träume glauben und trotz äußerer Widrigkeiten nicht kapitulieren. Mit viel Energie brachen sie immer wieder zu neuen Horizonten auf, erkundeten unbekanntes Terrain, entwickelten neue Stücke, arbeiteten sich mit Hingabe in fremde Techniken ein. Mittlerweile gilt die Theaterspinnerei auch überregional als kultureller Schatz, ihre Betreiber sind Pioniere in der multimedialen Darstellungskunst sowie Botschafter für ein ambitioniertes, experimentelles Theater und das weit über Frickenhausen hinaus. Während der Corona-Zeit, als alles brachlag, luden sie zu Audio-Theaterspaziergängen zum Thema „Himmel über Hölderlin“.

„Wir haben uns nie unterkriegen lassen“

Sie schafften sich Fahrrad-Rikschas an und kutschierten die Menschen durch die idyllische Landschaft rund um Frickenhausen. Per Funkkopfhörer können die Teilnehmer Gedichten von Hölderlin lauschen, untermalt von verschiedenen Klangszenarien. „La Chaise Culturelle“, wie die außergewöhnlichen Hörspiel-Fahrten heißen, ist bis heute ein fester Bestandteil der Theaterspinnerei. „Wir sind stets auf gesellschaftliche Entwicklungen eingegangen und haben kein Risiko gescheut, haben uns nie unterkriegen lassen“, berichtet Jens Nüßle. Während der Gaskrise haben sie im Winter an Feuerschalen multimediale Lesungen mit dem Titel „Am Anfang war das Feuer“ im Garten der Sammlung Domnik präsentiert. „Uns reizt das Neue, das Unverhoffte“, verrät Stephan Hänlein. Die Köngener Nüßle und Hänlein kennen sich seit ihrer Gymnasialzeit in Wendlingen. Sie machten zusammen Musik in einer Band, machen dies bis heute, und entdeckten ihre Passion fürs Theater.

Traum eines Theaters realisieren

Die Geschichte der Theaterspinnerei begann vor 25 Jahren, als sich Jens Nüßle und Stephan Hänlein entschlossen, das alte, marode Bahnhofsgebäude in Frickenhausen mit eigenen finanziellen Mitteln und riesiger Eigenleistung auszubauen, um den Traum eines Theaters zu realisieren. Das zerfallene Gebäude musste komplett entkernt, unterkellert und saniert werden. Schon damals war enormer Mut und die Lust am Aufbruch gefragt, denn sie erhielten und erhalten bis jetzt keine öffentliche Landesförderung. Den Verzicht darauf haben sie im Erbpachtvertrag mit der Gemeinde Frickenhausen vereinbart. „Wir waren jung und wollten’s machen“, erinnern sich Nüßle und Hänlein. Heute steht das Haus super da, besitzt ein schnuckeliges Restaurant-Café und einen romantischen Theatersaal mit 70 roten Samtstühlen und einer kleinen Bühne, bei der die Zuschauer die Akteure hautnah erleben. „Es ist ein Juwel geworden und hat die Gemeinde keinen Cent gekostet“, betont Jens Nüßle. Aktuell erleben die Theaterleute wieder eine herausfordernde Situation, in der sie erneut Mut und Aufbruchsgeist brauchen, um die Theaterspinnerei in der Zukunft weiterführen zu können. Denn der auf 25 Jahre begrenzte Erbpachtvertrag mit der Stadt Frickenhausen läuft Ende 2028 ab und soll danach eventuell nur alle drei Jahre verlängert werden. „Damit können wir nicht langfristig planen. Außerdem haben wir Eigenmittel über mehr als 300.000 Euro in das Gebäude gesteckt“, betont Jens Nüßle. Die Signale der Gemeinde seien positiv, es werde eine gute Lösung gefunden werden, freut sich Nüßle über das vor vier Wochen stattfindende Gespräch mit Bürgermeister Simon Blessing und Kämmerin Ina Hiller.

Das treue Publikum sowie der Förderverein, der das Theater finanziell stützt, hoffen auf den Fortbestand der Theaterspinnerei in Frickenhausen als einem echten Ort der Begegnung. „Jede Vorstellung ist ausverkauft“, freut sich Jens Nüßle. „Wir möchten das Theater unbedingt erhalten, würden das Grundstück gerne kaufen, damit es sicher weitergehen kann“, verraten die Theaterspinner.

Einsatz modernster, multimedialer Technik

36 Produktionen haben Intendant, Regisseur und Schauspieler Nüßle mit dem Theaterautor, Technik- und Musikspezialisten und Dramaturg Hänlein seit 2001 entwickelt. Mit Schaffenskraft und Liebe zum Detail verwirklichen sie immer wieder neue Ideen, setzen sich mit modernen Technologien auseinander. „Die Stücke werden komplett selbst erdacht und geschrieben, manchmal nach einer literarischen Vorlage, aber immer mit ganz eigenem, vielleicht auch eigenwilligem Charakter“, erklärt Jens Nüßle. Charakteristisch für die Inszenierungen der Theaterspinnerei sei der Einsatz modernster, multimedialer Technik, erzählen die Theatermacher stolz. Und das auf einem Niveau, das selbst Fachleute von großen Häusern immer wieder in Staunen versetzte – alles ohne öffentliche Subventionen! Seit dem Jahr 2019 sind Susie Rosina Pochert und Marcus Dreisigacker mit im Team. Die Theaterpädagogin Pochert ist für die pädagogische Leitung der Theaterspinnerei zuständig, sie spielt als Schauspielerin aber auch aktiv in den Stücken mit. Künstler Dreisigacker kümmert sich um die Bühnenbilder, die Kostüme und um die Live-KI-Zeichnungen. Jens Nüßle hat die künstlerische Gesamtleitung, Stephan Hänlein schreibt die Texte, sorgt für die multimediale Umsetzung und für die Musik. „Bei der Entwicklung neuer Stücke sitzen wir zunächst mit einer Idee alle am Tisch und spinnen mit allen möglichen Gedanken und Assoziationen herum“, verrät Jens Nüßle. Es sei ein kreativer, dynamischer Prozess mit kurzen Kommunikationswegen, bei dem originelle Produktionen entstehen. „Mit jedem Stück betreten wir Neuland und gehen ins totale Risiko“, ergänzt Stephan Hänlein. So wie bei „Der kleine Prinz“ mit den gezeichneten Projekten von Marcus Dreisigacker mit Live-KI. „Es ist voll mutig, oft nach knapp sechs Wochen des ‚Spinnens‘ ins Volle zu gehen und das Stück samt Werbung auf den Weg zu bringen“, erklärt Susie Rosina Pochert. „Wir sind zum Erfolg verdammt“, schmunzelt Jens Nüßle. Oft haben die Stücke einen aktuellen gesellschaftlichen Bezug, wie beispielsweise „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf, das sie in altertümlicher Sprache aufführten und damit 2008 die Finanzkrise bearbeiteten. 2017 stand in „Der Sandmann 4.0“ sogar ein Roboter auf der Bühne. Der Kreativität sind in der Theaterspinnerei niemals Grenzen gesetzt. Durch die innovative Art der Schauspielkunst, die Kreation der Stücke, stets kombiniert mit raffinierter, neuer Technik, erleben die Zuschauer außergewöhnliche Theateraufführungen. Diese beeindrucken durch Sprache, kreatives Spiel, durch verblüffende Illusionen, faszinierende Bild- und Klangwelten, entführen das Publikum in zauberhafte literarische Welten. Das sei der Grund, weshalb die Theaterspinnerei von einem überregionalen Theaterpublikum geschätzt werde, in dem Wissen, mit jeder neuen Inszenierung etwas anderes, aber immer etwas Besonderes erleben zu dürfen, steht auf der Homepage. Immer wieder traten die Theaterleute draußen in der Region auf, beispielsweise im Köngener Schloss, im Klosterhof Bebenhausen, im Wald bei den Bürgerseen, im Freilufttheater des Naturschutzzentrums Schopfloch, in der Sammlung Domnick auf der Oberensinger Höhe oder auf dem Solawi-Bauernhof von David Traub sowie an vielen anderen Spielorten. Mit der Produktion „Mord im Sofazügle“ beglückten die Theatermacher ihr Publikum in der historischen Dampflok auf der Bahnstrecke Frickenhausen–Neuffen. Die große künstlerische Vielfalt und die Lust an der Inszenierung neuer kreativer Stücke bescherten Jens Nüßle und Stephan Hänlein 2024 den Daniel-Pfisterer-Preis des Geschichts- und Kulturvereins Köngen. Damit wurde ihr jahrelanges Engagement für die regionale Kleinkultur in schöner Weise gewürdigt. Informationen über die Theaterspinnerei findet man auf www.theaterspinnerei.de.

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