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Ein Geigenbauer aus Aichtal schreibt die Partitur seines Lebens neu
Dietmar Schweizer hat eine schwere Zeit hinter sich. Nach überwundener Alkoholsucht und dem Überlebenskampf im Koma blickt er voller Zuversicht nach vorne.
AICHTAL. Dietmar Schweizer hat Tränen in den Augen. Und er schämt sich dieser Tränen nicht. Noch heute berührt ihn die Erinnerung an die dunkelste Zeit seines Lebens sehr. Denn vor über zehn Jahren lag der 58-Jährige mehrere Wochen auf einer Intensivstation. Im künstlichen Koma. Der Grund: Alkoholabhängigkeit mit schweren Folgeschäden. Es sah damals nicht gut aus für Dietmar Schweizer, doch er kämpfte sich zurück ins Leben. Heute ist er glücklicher denn je, er lebt in einer neuen Partnerschaft und besucht regelmäßig die Treffen der Selbsthilfegruppe des Freundeskreises für Suchtkrankenhilfe Nürtingen. Die Kindheit bedeutete für Dietmar Schweizer Freiheit, der Duft von selbstgemachtem Apfelmus, frisch gemähtem Gras oder barfuß laufen. Für ihn und seine drei Brüder war das Elternhaus mit dem weitläufigen Garten in Aichtal ein riesiger Abenteuerspielplatz. Es gab dort keine Ecke, die nicht erobert wurde. Freunde der vier Jungs gaben sich die Türklinke in die Hand, es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. „Nicht selten saßen bei uns zehn oder mehr Personen am Esstisch“, erzählt Dietmar Schweizer. Ein magischer Anziehungspunkt war die Werkstatt des Vaters. Als Handwerker mit Leib und Seele hatte er für jedes Projekt das richtige Werkzeug. Die Brüder lernten früh den Umgang mit Hammer, Säge oder Schraubendreher. Der Vater beteiligte seine Kinder deshalb regelmäßig an den anfallenden Arbeiten in Haus und Garten. Gleichzeitig war es für das Quartett selbstverständlich, auch die Mutter im Haushalt zu unterstützen.
Unbeschwerte Jugend
Dietmar Schweizer wuchs völlig unbeschwert auf. Schwieriger wurde es für den Jugendlichen mit dem Wechsel auf ein Gymnasium in Nürtingen. In der Klassengemeinschaft fühlte er sich nicht wohl, sein Unbehagen machte sich in seinen Noten bemerkbar. „Da für mich schon recht früh feststand, dass ich einen handwerklichen Beruf ergreifen möchte, war der Wechsel auf das landwirtschaftliche Gymnasium für mich wie ein Befreiungsschlag. Plötzlich machte mir der Unterricht Spaß und ich schloss die Schule mit einem richtig guten Abitur ab“, berichtet Schweizer. Neben dem schulischen Alltag war das Zuhause in Aichtal weiterhin der Mittelpunkt des sozialen Lebens des Jugendlichen. Nach der Schule oder am Wochenende dauerte es meist nicht lange, bis die ersten Freunde vor der Tür standen. Oft wurde ein Kasten Bier besorgt, der in geselliger Runde schnell geleert wurde. Auch wenn die Gruppe abends gemeinsam um die Häuser zog, der Konsum von Bier oder anderen alkoholischen Getränken gehörte einfach dazu. Die Eltern ließen den Söhnen dabei einen großen Freiraum und duldeten diesen Umgang mit den Rauschmitteln. Dietmar Schweizer selbst waren die fatalen Auswirkungen von Alkohol auf den menschlichen Körper über einen langen Zeitraum hinweg nicht bewusst. Seine Leidenschaft für Holz führte den jungen Mann nach dem Abitur zunächst in den Norden: Eine Zusage für eine Ausbildung zum Holzbootbauer hatte er bereits in der Tasche. Doch nach einem zweiwöchigen Praktikum folgte die Enttäuschung, denn der erhoffte Vertrag blieb aus. „Heute bin ich froh, dass es nicht geklappt hat“, erinnert sich Dietmar Schweizer. Durch einen Zufall kam er wenig später auf einem Handwerkermarkt mit einem Geigenbauer ins Gespräch. Ein Besuch in dessen Werkstatt reichte aus und Schweizer war fasziniert. Der neue Kontakt erwies sich als Glücksgriff, denn dieser vermittelte ihn an eine bekannte Geigenbauerschule im englischen Newark. Mit gerade einmal 19 Jahren packte der Aichtaler seine sieben Sachen und machte sich auf den Weg. Im Gepäck: kaum Ausrüstung, laut eigener Aussage eher mäßiges Englisch, dafür aber eine große Portion Neugier und Selbstvertrauen. Eine mutige Entscheidung, die er nie bereut hat.
„Paris wuchs mir schlichtweg über den Kopf“
Er sagt: „Diese drei Jahre waren eine Wahnsinnszeit. Ich habe alles von der Pike auf gelernt, dazu die vielen neuen Eindrücke – das war einfach genial.“ Alkohol hat der angehende Geigenbauer auch während dieser Zeit getrunken. Aus Geldmangel meist nur am Wochenende, dann aber gleich in hohem Maß. Nach dem erfolgreichen Abschluss in England zog es den jungen Gesellen weiter nach Kopenhagen. Wieder ein neues Land, wieder auf sich allein gestellt. „Die Arbeit dort war vom Niveau her zwar nicht ganz so hoch und die Bezahlung eher mäßig, aber ich möchte die Zeit trotzdem nicht missen“, so Schweizer. Er lernte Dänisch, tauchte in die Kultur ein und der regelmäßige Genuss von Alkohol gehörte auch hier zu seinem Alltag. Nach zwei Jahren packte Schweizer erneut seine Koffer. Diesmal ging es in die französische Hauptstadt. Er büffelte die Sprache, fühlte sich aber trotz vieler Kontakte einsam. „Paris wuchs mir schlichtweg über den Kopf“, gesteht er heute offen. In dieser Phase nahm sein Alkoholkonsum spürbar zu, das Trinken wurde mehr und mehr zu einem festen Bestandteil seines Lebens. Dann kam ein Anruf aus New York. Er sollte die Werkstattleitung bei einem der führenden Geigenbauer der Welt übernehmen. Für den Mann aus Aichtal ging ein absoluter Traum in Erfüllung. In der amerikanischen Werkstatt herrschte jedoch eine eiserne Disziplin, es galt striktes Alkoholverbot. Doch nach getaner Arbeit griff Dietmar Schweizer weiterhin regelmäßig zur Flasche. 1999 gab es für ihn Grund zur Freude. Seine Frau zog zu ihm in die Metropole. Die beiden kannten sich bereits aus der Schulzeit, hatten sich bei einem seiner Heimaturlaube zufällig wiedergetroffen und führten seitdem eine Fernbeziehung.
„Der selbstgewählte Entzug wurde qualvoller“
Als seine Frau einige Zeit später schwanger wurde, stand für das junge Paar fest, dass das gemeinsame Kind in Deutschland aufwachsen sollte – trotz des beruflichen Erfolgs des Geigenbauers in Übersee. Zurück in Deutschland, wagte Dietmar Schweizer 2002 den Schritt in die Selbstständigkeit. Im Dachgeschoss seines Elternhauses richtete er sich seine eigene Geigenbauwerkstatt ein. Das Geschäft lief von Anfang an gut, doch jetzt trug er die alleinige Verantwortung. Die Stille unter dem Dach und das isolierte Arbeiten wurden zur Herausforderung. In dieser Zeit begann sein Alkoholverbrauch nochmals zuzunehmen. Es gelang Dietmar Schweizer lange Zeit, die Fassade aufrechtzuerhalten. Vor seinem Umfeld konnte er den Konsum einigermaßen verbergen, doch bei seiner Familie war es zu offensichtlich. Die daraus resultierenden Diskrepanzen mit seiner Frau führten schließlich zur Trennung. Schweizer erinnert sich: „Wenn ich das nötige Pensum erreicht hatte, wurde es in meinem Kopf endlich ruhig und ich fühlte mich gut. Deshalb war für mich alles in Ordnung.“ Um sich selbst zu beweisen, dass er noch die Kontrolle hatte, erlegte er sich einmal im Jahr sechs Wochen strikte Abstinenz auf. Doch dieser selbst gewählte „Entzug“ wurde von Jahr zu Jahr qualvoller. Die körperlichen und psychischen Entzugserscheinungen wurden immer heftiger, doch sobald die Zeit um war, kehrte er zu seinen alten Gewohnheiten zurück.
„Mein neues Leben ist wie ein Geschenk“
Diese jahrelange Belastung forderte schließlich ihren Tribut. Er bekam massive gesundheitliche Probleme, die er nicht mehr ignorieren konnte. 2015 streikte sein Körper komplett, mit größter Mühe konnte er noch den Notarzt rufen – und hatte das erste Mal richtig Angst. Er lag anschließend mehrere Wochen im künstlichen Koma auf der Intensivstation. Doch er fand zurück ins Leben. Seit diesem Tag hat er nie wieder einen Tropfen Alkohol angerührt. Und er beginnt, die Partitur seines Lebens neu zu schreiben. Er entscheidet, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich einer neuen Herausforderung zu stellen. Denn er fühlt sich in der Enge seiner Werkstatt zunehmend unwohler, obwohl er seinen erlernten Beruf liebt und ihn niemals aufgeben würde. Durch die Empfehlung eines Freundes wagt er den Quereinstieg als PV-Monteur in Teilzeit. Die körperliche Arbeit an der frischen Luft und der völlig neue Aufgabenbereich machen ihm Spaß. Drei Jahre lang teilt er seine Arbeitskraft zwischen Geigen und PV-Anlagen auf. Doch Ende letzten Jahres wird seine Mutter schwerst pflegebedürftig. Dietmar Schweizer kündigt seinen Job auf dem Dach, um seinen Vater bei dieser Aufgabe besser unterstützen zu können. Diese Phase ist für ihn intensiv und fordernd, doch sie berührt seine Seele. Und seine Sicht auf das, was im Leben wirklich zählt, ändert sich. Nach dem Tod seiner Mutter beschließt er, sich noch einmal völlig neu zu orientieren, und beginnt eine Umschulung zur Betreuungskraft. Vor allem die Praktika in verschiedenen Einrichtungen geben ihm das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden. „Die Dankbarkeit, die ich dort von den Menschen erfahren habe, war für mich ergreifend. Und die Nähe zu den Menschen tut mir gut. Ich liebe meine Instrumente, doch sie reden nicht mit mir. Deshalb ist der Job als Betreuungskraft ein schöner Ausgleich zu meiner Arbeit mit Holz“, erklärt der Geigenbauer. Dietmar Schweizer hatte den Mut für viele Veränderungen. Er lebte und arbeitete in verschiedenen Ländern, er stellte sich seiner Krankheit, er krempelte sein Leben um. Und er sagt: „Mein neues Leben ist wie ein Geschenk. Und davon möchte ich anderen etwas zurückgeben.“
Info: Bei Fragen oder Sorgen rund um Suchtverhalten können Sie sich anonym und vertraulich an den Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe Nürtingen wenden. www.freundeskreis-sucht-nuertingen.de