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Lydia und Christer Belser wagen sich mit ihrem Hotel am Neckar in Nürtingen auf ein völlig neues Terrain
Den Samen für das Projekt hat Werner Single, Christer Belsers Opa, gelegt. Was lange keimte, wurde nun realisiert. Vor wenigen Wochen eröffnete Belsers Hotel.
Um in Zeiten wie diesen ein solch großes und umfassendes Hotel-Projekt, wie das Hotel am Neckar in Nürtingen, in Angriff zu nehmen, muss man entweder etwas verrückt sein, wahlweise enorm mutig, oder eine Vision im Kopf haben, die man trotz aller Widrigkeiten und Hindernisse in die Tat umsetzen möchte. Bei Lydia und Christer Belser trifft wohl alles ein wenig zu.
Wie kommt man überhaupt auf die Idee, ein Hotel zu bauen, wenn man bereits ein gut gehendes und eingeführtes Restaurant hat? Liegt es in der Familie? „Meine Eltern sind sehr bodenständig“, sagt Christer Belser. „Meine Mutter ist Künstlerin, mein Vater stammt aus der Nürtinger Bäckerfamilie Belser und ist von Beruf Sozial- und Heilpädagoge.“
Der Unternehmer und Macher in der Familie ist Werner Single, Christer Belsers Opa und sein Vorbild. „Und er ist eigentlich auch schuld, dass diese Idee eines eigenen Hotels immer in meinem Kopf war“, erzählt Christer Belser schmunzelnd.
Der junge Christer hatte gerade seine Kochlehre beim saarländischen Sternekoch Cliff Hämmerle beendet („Es war eine harte Schule“) und war auf dem Sprung, die Welt zu entdecken, als Werner Single bei ihm anrief. „Mein Opa fragte, ob ich die Villa Behr in Wendlingen übernehmen will“, weiß Christer Belser noch genau. Die Kantine der ehemaligen Möbelfabrik Erwin Behr wurde damals gerade renoviert und beherbergt seither im Erdgeschoss ein Restaurant, in den beiden Etagen darüber ein Hotel mit zwölf Zimmern. „Ich war damals 23 und es war mir zu früh, aber die Idee eines eigenen Hotels verließ mich seitdem einfach nicht mehr.“
Kochend und reisend Erfahrungen gesammelt
Christer Belser sammelte in den folgenden Jahren in mehreren Ländern kochend und reisend Erfahrungen. „Ich war an vielen tollen Plätzen, jeder hatte seine ganz eigenen Besonderheiten.“ Beispielsweise Norwegen: „Dort wurde zwar hart gearbeitet, aber die Natur und das Draußensein waren einzigartig.“ Beispielsweise Großbritannien: Dort bekam er nach kurzer Zeit die Verantwortung für ein Küchenteam von 40 Köchen. „Dabei konnte ich gar nicht gut Englisch“, erzählt er. „Aber ich habe die Herausforderung angenommen und bin daran gewachsen.“
In Australien erreichte ihn ein Anruf von Opa Werner Single. „Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, ein Restaurant in der Brunnsteige in Nürtingen zu betreiben.“ Der griechische Wirt, der damals in den Räumlichkeiten seine Gaststätte hatte, wollte aufhören. „Mein Onkel Gunter Single machte einen Plan.“ Als Christer Belser selbst die Pläne in Augenschein nahm, konnte er nur zustimmen: „Das war mein Restaurant, so hatte ich es mir vorgestellt – wenn ich mir eines vorgestellt hätte.“ Denn bis dahin hatte er darüber noch nicht konkret nachgedacht.
So kam es, dass 2015 Christer Belser mit gerade mal 27 Jahren in Nürtingen das „Belsers“ eröffnete, von dem die Menschen in Nürtingen zumindest anfangs noch nicht wussten, dass ihnen genau ein solches gefehlt hatte. „Das Hotel war damit erst mal erledigt.“
Christer Belser kreierte fortan Gerichte, war Gastgeber und organisierte sein Team. „Als ich eine Aushilfe suchte, kam Lydia.“ Sie wurde nicht nur Teil der Mannschaft, sondern auch von Christer Belsers Herzen. Seit 2020 sind die beiden verheiratet, seit zwei Jahren ist Emilia Teil der Familie.
Zurück zum Hotel-Traum: 2017 tat sich in Wendlingen auf dem Behr-Areal etwas. „Die alten Garagen und Werkstätten dort sollten einer neuen Bebauung weichen, und ich überlegte mir, die Hotel-Idee an dieser Stelle zu realisieren.“
Zu der Zeit war in Nürtingen gerade ein engagierter neuer Oberbürgermeister gewählt worden. „Dr. Johannes Fridrich kam auf mich zu und fragte, ob es stimme, dass ich Nürtingen verlassen wolle.“ Als Christer Belser bejahte, meinte der OB: „Bleib in Nürtingen, wir schauen, was wir hier zusammen hinbekommen.“
Und damit begann die Zeit des Suchens, der Ideenfindung, der ersten Planungen, der vorsichtigen Kosteneinschätzungen. „Das ist jetzt etwa sieben Jahre her“, weiß Lydia Belser. „Wir haben unsere ganze Leidenschaft ins Hotel gesteckt.“
Aber so ein Projekt hat nicht nur die schöne, kreative Seite, sondern es will ja auch finanziert werden. „Wir haben, um unser Hotel am Neckar zu realisieren, alles auf eine Karte gesetzt“, macht Lydia Belser unmissverständlich klar. „Es gab und gibt keinen Investor.“ Das Ehepaar hatte (und hat noch immer) gehörigen Respekt davor, ob sie es alleine stemmen können.
Fusion aus Schwäbischem und Internationalem
Mit einem Geldgeber wäre das Hotel allerdings auch nicht so geworden, wie es jetzt ist. „Wir haben so gebaut, wie wir selbst gerne in einem Hotel wohnen würden, also aus der Gastsicht“, sagt Lydia Belser. „Kein Investor baut heute noch so.“ Das Hotel am Neckar werde – voraussichtlich – ihr einziges Hotel bleiben. „Darum soll es so sein, wie wir uns ein Hotel wünschen.“ Christer Belser sagt es in seinen Worten: „Unser Hotel ist eine Cuvée aus allem, was uns am Herzen liegt.“ Es sei eine Fusion aus Schwäbischem und Internationalem.
Beide gestehen ein, dass sie während der Bauphase an ihre Grenzen gekommen sind. „Oder eigentlich waren wir ständig darüber.“ So habe es beispielsweise drei Tage vor der Eröffnung noch keine funktionierende Rezeption gegeben. Mit der offiziellen Eröffnung sei es nicht weniger stressig geworden. „Menschen, die sich noch nicht kennen, mussten miteinander in Abläufen arbeiten, die noch im Entstehen sind“, bringt es Lydia Belser auf den Punkt.
Die gelernte Bankfachwirtin hat ihr Wissen für dieses Projekt extra erweitert. „Als unser Hotel immer realistischer wurde, habe ich BWL mit Schwerpunkt Hotelmanagement studiert.“ Sie wollte fundierte Kenntnisse haben. „Zum Glück gab es das per Fernstudium, anders hätte ich es mit Familie, Bau und Beruf gar nicht unter einen Hut bekommen.“
Christer Belser freut sich darauf, jetzt endlich wieder ausgiebig kochen zu können. Wie beispielsweise den Signature Dish des Melchiors Fish and Chips oder Land und Liebe, den Rostbraten mit dem gewissen Twist. „Belsers Restaurant habe ich in einen sicheren Hafen geführt; jetzt startet mit unserem Hotel eine neue Reise.“