In zwei Männerwelten steht sie ihre Frau

Die Altdorferin Marleen Asvany ist in zwei Männerwelten aktiv

Die 18-Jährige lernt Maurerin und ist Kick-Boxerin

Marleen Asvany ist auf dem Bau groß geworden und fühlt sich in dem Metier nach wie vor wohl. Foto: Kirsten Oechsner
Marleen Asvany ist in ihrer Freizeit eine erfolgreiche Kickboxerin. Foto: privat
Schwer zu schleppen macht der Maurer-Auszubildenden nichts aus. Foto: Kirsten Oechsner

ALTDORF. Bei der Berufswahl hatte Marleen Asvany seit jeher eine ganz klare Präferenz: Die junge Frau wollte auf dem Bau arbeiten. „Ich bin da ganz doll familiengeschädigt“, meint die 18-Jährige lachend. Schon als Kind hätte sie ihren Vater mit Begeisterung auf Baustellen begleitet, der arbeitet selbstständig und im Alleingang als Maurer. Das Töchterchen war früh dabei, wenn der Papa Häuser hochzog. Und das sei auch genau das, was ihr an dem Beruf gefalle: „Es entsteht und wächst etwas vom Keller bis zum Dach“, beschreibt sie ihre Faszination. Zunächst komme der Baggerfahrer und hebe die Baugrube aus, zuletzt sei der Zimmermann am Start und danach stehe ein Haus. „Es ist wahnsinnig spannend, was mit den eigenen Händen geschaffen werden kann.“ Zwar werde jeder Bauhandwerker von den unterschiedlichsten Maschinen helfend unterstützt, aber: „Die Menschen sind hier noch nicht durch KI oder Roboter ersetzbar.“

Und so kam’s, dass Marleen Asvany zielstrebig an dem Ziel arbeitete, als Maurerin auf dem Bau zu arbeiten. Die Altdorferin besuchte die Auwiesenschule in Neckartenzlingen, nach dem Hauptschulabschluss wechselte sie in die 10. Klasse der Werkrealschule und hatte nach deren Ende die Mittlere Reife in der Tasche. Inzwischen absolviert Marleen Asvany ihre dreijährige Ausbildung zur Maurerin beim Bauunternehmen Schober in Neckartailfingen in Verbindung mit dem Berufskolleg Bau und hat danach drei Abschlüsse: den zur Maurergesellin, sie ist zudem staatlich geprüfte Berufskollegiatin und hat auch noch die Fachhochschulreife erreicht.

Ein Weg, den Marleen Asvany bewusst gewählt hat und nie infrage stellte – auch wenn der Bau nach wie vor eine Männerdomäne ist. Sie habe sich selbstbewusst der Aufgabe gestellt und nie daran gezweifelt, aber eines muss sie im Nachhinein zugeben: „Es bedarf Mut, so eine Ausbildung anzufangen.“ Immer noch sei eine Frau auf dem Bau keine Selbstverständlichkeit: „Man muss sich dem Geschwätz stellen, dagegenhalten und darf sich nicht unterbuttern lassen.“ Ihre Strategie: „Ich musste die Arbeitskollegen überzeugen, dass ich als Maurerin arbeiten will und gut mithalten kann. Ich habe ganz klar signalisiert, dass ich keine Deko bin“, berichtet Marleen Asvany von ihrer Anfangszeit. Die Beharrlichkeit habe sich ausgezahlt, sie sei im Team akzeptiert als eine von allen: „Sie haben verstanden, dass ich nicht zum Spaß da bin“. Von den Bauherren seien bislang wenig bis gar keine Kommentare gekommen: „Die denken wohl manchmal, dass ich eine Praktikantin bin“, meint sie grinsend.

In der Welt des Bauens nicht alleine

Dabei ist die Altdorferin in der Welt des Bauens derzeit gar nicht mehr so alleine: Unter sechs Maurer-Azubis sind immerhin zwei Frauen. Im Berufskolleg Bau ist der Frauenanteil sogar deutlich höher, viele Mitschülerinnen würden laut Marleen Asvanys Einschätzung später jedoch eher im Hintergrund arbeiten wollen. Das sei für sie kein Thema: „Ich habe nicht vor zu studieren, ich bin eine totale Praktikerin und sehe mich in der Weiterbildung“, berichtet die 18-Jährige über ihre Zukunftspläne. Den Meister zu machen oder sogar den Techniker, das sei ihr Ding: „Maurerin zu sein ist mehr, als Häuser hochzuziehen“, macht sie deutlich. Man müsse viel vorbereiten, planen und terminieren – die Aufgabenfelder seien interessant und reizvoll: „Ich habe nicht vor, den Beruf zu verlassen.“ Eines muss Marleen Asvany trotz aller Liebe zu ihrem Beruf zugeben: „Als Frau muss man gefühlte 200 Prozent arbeiten, damit 100 Prozent anerkannt werden.“ Körperliche Defizite seien teilweise nicht von der Hand zu weisen, deshalb habe sie sich ein klares Ziel gesetzt: „Ich gebe alles dafür, so gut wie möglich an die männliche Leistung zu kommen.“ Diese Zielstrebigkeit verdanke sie sicherlich auch ihrem Sport: Seit zehn Jahren ist Marleen Asvany Kickboxerin. „Da habe ich gelernt, die Ziele zu erreichen, die ich mir vorgenommen habe.“ In ihrer Jugend holte sie sich zwei Weltmeistertitel, 2019 mit gerade mal zwölf Jahren in Bregenz und 2025 dann in der Altersklasse von 14 bis 17 Jahren in Trier.

„Ich bin ein aktiver Mensch und brauche immer etwas zu tun.“

Dabei sei’s eher Zufall gewesen, dass sie beim Kickboxen gelandet sei – es hätte auch eine andere Sportart sein können. Nach dem Umzug der Familie nach Altdorf habe sie mit dem Turnen aufgehört, die Mama habe daraufhin nach einem neuen Hobby für ihre Tochter gesucht. Im Amtsblatt sei sie dann, so die Erinnerung der Tochter, fündig geworden: Die Kampfsportakademie Nürtingen bot Kurse an, ein Probetraining wurde besucht. Das Kickboxen habe ihr von Anfang an sehr viel Spaß gemacht, ihr Ehrgeiz sei geweckt gewesen: „Ich wollte immer mehr erreichen und weitermachen“, erzählt Marleen Asvany. Früh habe sie mit den Erwachsenen trainiert, sie sei immer mit viel Power und Energie dabei gewesen. Das helfe nun tatsächlich im Beruf: „Ich bin ein aktiver Mensch und brauche immer etwas zu tun.“

Jetzt sei sie 18 Jahre und damit im Erwachsenenbereich aktiv: „Ich bin auf dem Weg, mit härteren Disziplinen anzufangen.“ Und da möchte sie so erfolgreich weitermachen, wie sie als Jugendliche war: „Ich möchte um Titel kämpfen.“ Zunächst gelte es aber, Erfahrungen zu sammeln: „Ich muss sehen, ob ich den Ansprüchen gewachsen bin.“ Denn das Trainingspensum sei enorm, in Wettkampfzeiten müsse sie sechs bis sieben Mal in der Woche trainieren, auch die Wochenenden seien belegt mit Turnieren. Das sei zeitintensiv, wie Marleen Asvany zugibt: „Da bleibt nicht viel Zeit fürs Privatleben.“

Ausbildung und Hobby unter einen Hut zu bekommen, sei nicht leicht – auf einen neunstündigen Arbeitstag folge oft ein mindestens zweistündiges Training, am Ende des Tages sei sie körperlich total kaputt: „Ich darf mir das nicht bewusst werden und nicht hinterfragen, was ich da leiste und wie viel Zeit das frisst“, erklärt sie ihre Strategie. „Einfach machen“ heiße ihr Motto, denn vom Kampfsport könne und wolle sie nicht lassen: „Das ist eine Lebenseinstellung und macht total Spaß.“ Ins Training zu gehen sei trotz allem ein befreiendes Gefühl: „Alles drumherum steht dann auf Pause.“ Sie habe sich nie groß Gedanken gemacht, ob sie in ihrem Sport Mut brauche. Aber den benötige sie tatsächlich, wenn sie gegen einen Mann kämpfe, der deutlich über ihrer Gewichtsklasse sei: „Ich muss mich in diesem Moment darauf besinnen, was ich kann, und mich auf meine Technik konzentrieren.“

Marleen Asvany bewegt sich beruflich wie auch in ihrer Freizeit in zwei Welten, in denen Frauen (noch) eher selten unterwegs sind. Sie sage sich in kniffligen Situationen oft eines: „Ich kann das und mache das jetzt.“ Viel Mut brauche sie indes für Dinge, die sie mit 18 Jahren nun selbst auf die Reihe bringen müsse: Bei Behörden anrufen zum Beispiel. „Da muss ich stark sein.“

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