NÜRTINGEN. Julia Rieger und Pit Lohse haben gemeinsam mit vielen Mitstreitern mit der Alten Seegrasspinnerei ein ökologisches, soziales und kulturelles Zentrum geschaffen, das zahlreichen Menschen und Gruppen Raum bietet und Begegnung ermöglicht. Beim Eckbankgespräch im Kroatenhof wurden die beiden von der Moderatorin Anneliese Lieb zu der Entstehung der Seegrasspinnerei und ihrer aktuellen Situation interviewt.
Rieger und Lohse haben sich während des Kultursommers 1988 in Nürtingen kennengelernt. Rieger studierte damals Kunst an der FKN und Lohse war als Sozialpädagoge bei der Elterninitiative Freies Kinderhaus tätig. Die Erfahrungen mit den Kindern während des Kultursommers weckten in ihnen die Idee, einen Freiraum für Kinder zu schaffen, in dem diese selbst entscheiden können, ob sie malen, handwerklich tätig sein oder auch Fußball spielen wollen. Bald war das damals leer stehende Kesselhaus des denkmalgeschützten Gebäudeensembles Rosshaar- und Seegrasspinnerei gefunden. Nach der Sanierung wurde hier vor 35 Jahren die Kinder-Kultur-Werkstatt (KiKuWe) gegründet.
Nach und nach wurden auch die beiden anderen Gebäude des Ensembles frei und nach Verhandlungen mit der Post, kümmerte sich der Trägerverein um die Instandsetzung. Im Kontorhaus entstand 2001 die Kulturkantine, wo viele Kulturveranstaltungen stattfinden.
Die Sanierung der Fabrikation, dem großen Gebäude an der Plochinger Straße, wurde bereits mithilfe der 2006 gegründeten Jugendwerkstatt in Lehmbauweise angegangen. Neben dem Freiraum, einer Anlaufstelle für geflüchtete Frauen mit Kindern, sind hier wie im Kontorhaus die meisten Räume an Kunstschaffende, Beratungsbüros und ökologische Betriebe vermietet.
Die Seegrasspinnerei wurde von vielen Firmen mit Material und mit Know-how unterstützt, aber von Teilen des Gemeinderates hatte sie immer wieder mit Gegenwind zu kämpfen.
„Was treibt Euch an, woher nehmt Ihr die Kraft?“, fragte Lieb, die als ehemalige Redaktionsleiterin der Nürtinger Zeitung die Entwicklung der KiKuWe und der Seegrasspinnerei begleitet und den ständigen Kampf um Unterstützung miterlebt hat.
Der große Zuspruch und die Unterstützung von intern wie auch extern seien überaus motivierend und bestätigend. Gelungene Veranstaltungen wie die Afrikatage stifteten ein Gemeinschaftsgefühl, das viel Kraft gäbe. Besonders sinnstiftend sei auch, wenn sich Menschen zum Beispiel in der Jugendwerkstatt stabilisieren. Die alte Seegrasspinnerei sei ein Ort, an dem Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Kulturen und verschiedenen sozialen Hintergrunds zusammenkommen, ein Ort, an dem Gemeinschaft entstehe.
Im November 2026 endet der Erbpachtvertrag, den die Post beziehungsweise die DHL mit den Eigentümern des Geländes, einer Erbengemeinschaft, geschlossen hat. Um seine Arbeit für die Zukunft abzusichern, hat der Trägerverein bereits 2011 die Kinder- und Jugendstiftung Alte Seegrasspinnerei gegründet, die Zustiftungen sammelt, aber auch private Darlehen aufnehmen würde, um den Kauf oder die Pacht des Geländes zu ermöglichen.