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Lichter im Dunkel im damaligen Landkreis Nürtingen

Sie haben Juden unter Einsatz ihres Lebens im Dritten Reich geholfen. Das jüdische Ehepaar Karoline und Max Krakauer hatte viele Schutzengel. Einige davon sind fast in Vergessenheit geraten.

Das Ehepaar Karoline und Max überlebte, weil ganz viele Menschen ihnen halfen. Foto: Calwer Verlag
Martin Lörcher suchte mit dem Fahrrad Unterkunftsmöglichkeiten für das Ehepaar Krakauer. Foto: Calwer-Verlag
In der Kirchheimer Paradiesstraße fand Ines Krakauer mehrere Wochen lang Unterschlupf bei der Handarbeitslehrerin Martha Hünlich. Foto: Manuel Werner
Martha Hünlich (rechts) hat zeitweise Karoline Krakauer versteckt. Foto: Calwer Verlag
Gotthold Hezel und seine Frau Karoline halfen dem jüdischen Ehepaar im Dezember 1944. Foto: Manuel Werner

LANDKREIS ESSLINGEN. Europaweit versuchten manche Jüdinnen und Juden, der „Deportation“ und der Ermordung durch deutsche Behörden, Polizisten, Soldaten sowie SS und dem Verrat durch ihre Nachbarn zu entgehen. Dies konnte in der Regel nur mit Hilfe ebenfalls tapferer Menschen gelingen, die bereit waren, den Verfolgten trotz Gefährdung ihrer eigenen Person beizustehen. Zu ihnen gehörte die Pfarrfrau Gertrud Mörike. Sie sagte später in einem Interview: „Aber die Nazis waren auch überall vertreten, natürlich. Wir hatten immer Feinde, die uns beobachteten.“ Diese „stillen“ und bis auf manche Ausnahmen oft „vergessenen“ Helferinnen und Helfer teilten die in den letzten Kriegsjahren spärlichen Lebensmittel und stellten Wohn- und Schlafmöglichkeiten zur Verfügung. Dabei bestand stets die Gefahr der Bespitzelung, der Denunzierung und der Entdeckung.

So wurde Max und Karoline Krakauer geholfen

Die aus Frankfurt am Main stammende Jüdin Karoline Krakauer geborene Rosenthal (5. Oktober 1894 bis 7. März 1972), genannt Ines, und ihr ebenfalls jüdischer Mann Max Krakauer (9. Dezember 1888 bis 6. März 1965) überstanden nach Zwangsarbeit in Berlin die letzten 27 Monate der nationalsozialistischen Verfolgung in der Illegalität. Sie tauchten unter, als ab Januar 1943 die Massendeportationen aus Berlin begannen. Eine christliche Bekannte hatte Karoline Krakauer gewarnt: Als diese am Abend des 29. Januar 1943 nach Hause zurückkehrte, da löste „sich eine Gestalt aus dem Dunkel der Mauern, eine zitternde Hand packte ihren Arm und eine Stimme flüsterte: ‚Die Gestapo ist in der Wohnung. Machen Sie schnell, dass Sie wegkommen! Weg! Schnell!‘“ Hans Ackermann (1891 bis 1959), ein flüchtiger christlicher Bekannter, nahm das Ehepaar in seiner Zweizimmerwohnung im Bezirk Tempelhof auf. Hans Ackermann stellte zudem seine abgelaufene Postausweiskarte zur Verfügung. In diese setzte er ein Foto von Max Krakauer ein und zog den fehlenden Bereich des Stempels amateurhaft nach. Von nun an hießen Max und Karoline Krakauer bis zum Kriegsende Hans und Grete Ackermann.

Als Hans Ackermanns Wohnung bei einem Bombenangriff schwer beschädigt wurde, standen die Krakauers erneut auf der Straße. Sie fanden Hilfe bei Pfarrern der Bekennenden Kirche. Stationen ihrer Verstecke lagen in Berlin, in Pommern und in Württemberg, auch im damaligen Landkreis Nürtingen.

In über sechzig Häusern wurde dem Ehepaar Krakauer Unterschlupf gewährt. Im damaligen Land- und NSDAP-Parteikreis Nürtingen wurden Max und Karoline Krakauer in Köngen, Kirchheim, Owen, Bempflingen und Neuffen aufgenommen. Pfarrer Otto Mörike schilderte den Beginn: „Es fing an im August 1943 in Köngen im dortigen Pfarrhaus. Das war im ganzen Land bekannt um seiner Gastlichkeit willen.“

Köngen

Eugen Stöffler war von 1927 bis 1947 Pfarrer in Köngen. Er war Mitglied der Kirchlich-theologischen Sozietät. Bei ihm im Pfarrhaus am Kiesweg in Köngen war das Ehepaar Krakauer vom 9. bis zum 30. August 1943, vom 4. bis zum 10. Oktober 1943 und am 13. Oktober 1944 versteckt. Daran war auch seine herzkranke Frau Johanna Stöffler, geborene Busch, sowie die damals siebzehnjährige Tochter Ruth und die jüngeren Kinder wie beispielsweise Ursula Stöffler beteiligt. Ursula Stöffler: „Natürlich wussten wir ganz genau, dass es sich dabei um Juden handelt.“ Ruth Stöffler durfte in Kirchheim keine Reifeprüfung ablegen, weil sie nicht in den BDM eintrat. Max Krakauer schrieb zu den Kindern der Pfarrfamilie Stöffler: „Bei diesen Kindern war nichts zu merken, dass der Weltanschauungsunterricht der Schulen ihnen das Gebot ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ aus der Seele gerissen hätte.“ Am 30. März 1998 erkannte Yad Vashem das Ehepaar Stöffler und deren Tochter Ruth als „Gerechte der Völker“ an. Dieser Ehrentitel hat seinen Ursprung im Talmud, in dem steht: „Die Gerechten aus den Völkern haben einen Platz in der kommenden Welt.“ In Köngen erinnert der „Stöffler-Platz“ mit einer Gedenktafel vor dem Rathaus an das mutige Ehepaar.

Kirchheim unter Teck

Die ledige Handarbeitsdozentin Martha (auch: Marta) Hünlich, ein Mitglied der Kirchlich-theologischen Sozietät, hatte Bekannte aus der „Pfarrhauskette“. Sie verbarg Karoline Krakauer vom 31. August bis zum 4. Oktober 1943 in ihrer Wohnung im zweiten Stock des Hauses Paradiesstraße 16 in Kirchheim unter Teck, während Max Krakauer bei Pfarrer Richard Gölz in Wankheim (Landkreis Tübingen) unterkam. Da Martha Hünlich bei ihrem Dienstvorgesetzten wegen ihrer kirchlichen Einstellung bereits in Ungnade gefallen war, wurde der Aufenthalt für Karoline Krakauer zur Qual. Denn sie durfte sich aus Vorsichtsgründen nur in einem Zimmer aufhalten und musste hierbei vollkommen still sein. Ihr Mann schrieb, sie wurde über die fünf Wochen „gehalten wie eine Gefangene“ und sei „fast immerwährendem“ Alleinsein ausgesetzt gewesen. Deshalb habe sie einen Nervenzusammenbruch und eine „tiefe Depression“ entwickelt. Fairerweise sei dazu gesagt, dass Martha Hünlich nicht den Platz und die sonstigen Möglichkeiten eines Pfarrhauses mit Familie und viel Publikumsverkehr hatte.

Auch der frühere Pfarrer Paul Schempp (1900 bis 1959) und seine Frau Erika, geborene Siepmann, verbargen einen Juden in ihrer Kirchheimer Wohnung. Sie nahmen den früheren jüdischen Nervenarzt Hermann Pineas (1892 bis 1975) auf. Seit Juli 1939 war Hermann Pineas Leiter der Nervenabteilung des jüdischen Krankenhauses in Berlin gewesen. Er und seine Frau Herta waren am 6. März 1943 nach der sogenannten „Fabrikaktion“ zunächst in Berlin untergetaucht.

Gastgeber Paul Schempp hatte sein Pfarramt aufgrund seiner antinazistischen Haltung und deswegen entbrannten Konflikten mit der Kirchenleitung und insbesondere mit Landesbischof Theophil Wurm zwangsweise verloren. Er war nach seinem 1943 erfolgten Austritt aus der evangelischen Landeskirche als Leiter der Verkaufsabteilung einer Firma der Flugzeugindustrie in Kirchheim unter Teck tätig und daher dorthin gezogen.

Owen

In Owen wirkte von 1935 bis 1943 Stadtpfarrer Ernst Rapp, der mit seiner Frau Maria Rapp, geborene Lang, Max Krakauer dort vom 28. September bis zum 4. Oktober 1943 versteckte. Max Krakauer, der mit dem Fahrrad dorthin gelangte, schrieb zu der Stadt an der Burg Teck: „Owen galt als ein mit Gefolgsleuten Hitlers reich gesegneter Platz und stand unter der Führung eines Ortsgruppenleiters, der sehr von sich reden machte. Ein Verlassen des Hauses oder gar ein Gang durch die Straße war hier ganz unmöglich. Umso herzlicher wurde ich dafür von Familie Rapp aufgenommen.“

Bempflingen

Der damals in Riederich stellvertretende Pfarrer Karl Jung und seine Frau Maria Jung, geborene Läpple, verbargen das Ehepaar Krakauer vom 30. Oktober bis zum 13. November 1944 in Bempflingen. Ein Propagandaredner der NSDAP sagte währenddessen auf einer Versammlung in Bempflingen, „man müsse besonders die Pfarrhäuser im Auge behalten, denn nicht allzuweit weit von hier habe man festgestellt, dass ein Pfarrer Juden verborgen habe.“ Daraufhin mussten Krakauers „so schnell wie möglich“ von der Pfarrfamilie dort fort. Doch ein neuer Schlafplatz war so schnell nicht aufzutreiben, und so blieb das Ehepaar vorerst, „von trüben Gedanken und schwärzesten Vorstellungen gefangen“, wie Max Krakauer mitteilte.

Neuffen

In Neuffen versteckten der evangelische Pfarrer Gotthold Hezel und seine Frau Karoline (Linchen), geborene Eisfelder, Max Krakauer vom 17. Dezember 1944 bis zum 20. Dezember 1944. Dies war auch hier dadurch möglich, „weil damals viele im Pfarrhaus aus- und eingingen, verköstigt wurden und auch dort übernachteten: ‚Ausgebombte‘ und andere. So fiel es nicht weiter auf, wenn sich für einige Tage zwei neue Gesichter unter die Neuffener mischten: Herr ‚Hans Ackermann‘ und Frau ‚Ines Ackermann‘“.

Die „sehr gläubige pietistische Berta Deck, damals neunundvierzig Jahre alt, Inhaberin eines neben der Kirche gelegenen Samenladens und treue Kirchgängerin“ nahm Frau Krakauer bis zum 20. Dezember 1944 auf.

Einen Tag nach dem Geburtstag Max Krakauers fuhr das Ehepaar Krakauer mit der voll besetzten ‚Tälesbahn‘ schließlich nach Nürtingen und marschierte von dort in klirrender Kälte über Plochingen nach Reichenbach/Fils, teils wurden Krakauers in einem Lastwagen mitgenommen. Die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel begingen Krakauers zusammen bei Familie Dipper.

Organisator: Martin Lörcher

Der junge Pfarrverweser und Vikar Martin Lörcher, jüngster Bruder von Gertrud Mörike, suchte mit dem Fahrrad Unterkunftsmöglichkeiten für das Ehepaar Krakauer. Dadurch organisierte er die „Pfarrhauskette“ in unserer Region maßgeblich mit. Dazu leistete er „materielle“ und „seelische Hilfe“, er zeigte „Humor“ und persiflierte die „brenzligsten“ Situationen. Auch damit half er ihnen „durchzuhalten“, wie Max Krakauer nach Erscheinen ihres Buches ihm am 16. November 1948 auch im Namen seiner Frau dankbar in die Buchwidmung schrieb. Gerade in der Zeit kurz vor Ende des NS-Regimes, in der die Passage durch die schnell wechselnden Stationen wegen stetig zunehmender Gefährlichkeit immer nervenaufreibender und die Aufenthalte dadurch kürzer wurden, übernahm Martin Lörcher die gefährliche Tätigkeit der Koordination sicherer Unterkünfte für teils nur wenige Tage. Max Krakauer schrieb: „Mit der Angst und der Verwirrung der Behörden steigerten sich zugleich ihre Wut und die Schärfe der Kontrollmaßnahmen. Das Ende des Systems zeichnete sich jetzt auch für den Borniertesten deutlich sichtbar ab.“ Martin Lörcher war damals als Pfarrverweser in Urach und zumindest nach der NS-Zeit als Stadtpfarrer in Nürtingen tätig.

Hildegard und Theodor Dipper

Der nach der NS-Zeit in Nürtingen von 1945 bis 1959 als Dekan tätige Pfarrer Theodor Dipper (geboren: 1903, gestorben: 1969) sei hier erwähnt, da er mit federführender Organisator der Pfarrhauskette und ab April 1945 in Nürtingen tätig war. Zuvor war er von August 1938 bis 1945 Pfarrer der Mauritiusgemeinde Reichenbach/Fils. Theodor Dipper und seine Frau Hildegard versteckten Max Krakauer etwa dreieinhalb Wochen und Frau Krakauer zwei Wochen vom 21. Dezember 1944 bis 15. Januar 1945 im Pfarrhaus in Reichenbach an der Fils (außerhalb des damaligen Landkreises Nürtingen). Pfarrer Dipper wurde 1938 vom NS-Regime für 21 Tage ins Konzentrationslager Welzheim gesteckt. Sein Pfarrhaus wurde überwacht. Im April 1945 wurde Theodor Dipper von seiner Pfarrei in Reichenbach nach Nürtingen versetzt und zum Dekan befördert. Der Staat Israel zeichnete das Ehepaar Dipper im Jahr 2008 posthum als „Gerechte unter den Völkern“ aus. Der „Theodor-Dipper-Platz“ und eine Gedenktafel vor der Kirche in Reichenbach erinnern dort seit November 2003 an Theodor Dipper und seine Frau Hildegard.

Otto Emil Mörike und Gertrud Mörike

Auch der ehemalige zweite Kirchheimer Stadtpfarrer Otto Mörike (1897 – 1978) und seine Frau Gertrud Mörike, geborene Lörcher, unterstützten 1943 bis 1945 jüdische Flüchtlinge. Zuvor war Otto Mörike durch eine von der SA aufgehetzten Menge schwer misshandelt worden. Außerdem war er zu zehn Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt worden und hatte im Kirchheimer Dekanat Rede- und Aufenthaltsverbot erhalten. Auch er sei hier erwähnt, weil er Organisator der „Pfarrhauskette“ war und zudem weil er in der NS-Zeit in Kirchheim unter Teck tätig war. Otto Mörike war zuvor in Oberboihingen Vikar und hatte dort seine spätere Frau kennengelernt, die Pfarrerstochter Gertrud Lörcher. Im Jahr 1971 wurden Otto Mörike und Gertrud Mörike vom Staat Israel als „Gerechte der Völker“ geehrt. Gertrud Mörike erinnerte an die Angst der Untergetauchten: „Bloß, was dieses Ehepaar Krakauer/Ackermann ausgestanden hat an Ängsten, das ist nicht zu sagen. Wenn da bloß die Hausglocke getan hat, da fuhr die Frau zusammen mit einem spürbaren Ruck, und hat sich oft wieder aufs Klo geflüchtet und eine Zigarette geraucht, bis sie sich wieder gefasst hatte, vor lauter Angst, es könnte die Gestapo oder... vorm Haus stehen.“

Befreiung

Das Ehepaar Krakauer erlebte am 21. April 1945 in Stetten im Remstal nach rund 800 Tagen des Verstecktwerdens die lange ersehnte Befreiung durch die amerikanischen Streitkräfte. Überglücklich meldeten sie sich beim amerikanischen Kommandanten in Waiblingen, der ihnen zunächst nicht glaubte, dass sie als Juden überlebt hatten. Danach lebte das Paar in Waiblingen und ab dem Jahr 1950 in Stuttgart. Sie waren Mitglied der dortigen jüdischen Gemeinde, der „Israelitischen Kultusgemeinschaft“, und mit der sich ebenfalls dort engagierenden jüdischen Familie Warscher befreundet. Karoline Krakauer wurde 77 Jahre alt, Max Krakauer erreichte ein Alter von 76 Jahren. Das Ehepaar Krakauer fand auf dem Israelitischen Friedhof an der Ziegelbrennerstraße in Stuttgart seine letzte Ruhestätte.

Das Ehepaar Pineas wanderte nach ihrer Befreiung noch im selben Jahr in die Vereinigten Staaten aus. Dort sahen sie ihre drei Söhne wieder, die sich in den Jahren 1938 und 1939 nach Palästina und Schottland geflüchtet hatten.

Stille und weitgehend unbekannt gebliebene „Heldinnen und Helden“

Das Ehepaar Krakauer und Herr Pineas überlebten die NS-Verfolgung auch und wegen lokalen „stillen Heldinnen“ und „stillen Helden“, die damit Widerstand gegen die NS-Verfolgung und den NS-Massenmord leisteten. Diese oftmals bescheidenen Menschen leisteten uneigennützig Hilfe. Die Nürtinger Gedenkinitiative sucht weitere Erinnerungen, Fotos und Fakten zu den Genannten. Vor allem zu Berta Deck in Neuffen, die bislang kaum Ehrung erfuhr, zu Maria und Ernst Rapp, Karl und Maria Jung, zu Erika Schempp, Martin Lörcher und zu Martha Hünlich in Kirchheim, deren Tat lange zu denen der „vergessenen Frauen“ in Kirchheim gehörte.

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