Hartmut Wirsching, Beuren. Zum Artikel „Mehr Ehrgeiz in der Schulpolitik“ vom 21. April.
Dieser Beitrag sollte für das zukünftige Kultusministerium Pflichtlektüre werden. Baden-Württemberg leistet sich ein zerklüftetes, teures, unsoziales und ineffizientes Schulsystem. Die organisatorische Zersplitterung in Hauptschule, Werkrealschule, Realschule, Gemeinschaftsschule und Gymnasium – jede Schulart mit eigenen Lehrplänen, Anforderungen und Verwaltungslogiken – ist deutschland- beziehungsweise europaweit im negativen Sinn einzigartig.
Das führt nicht nur zu unnötiger Komplexität, sondern auch zu einem enormen Ressourcenverbrauch. Geld, das dringend in kleinere Klassen und mehr Personal fließen müsste, versickert in Parallelstrukturen und Bürokratie. Die unsägliche Aufteilung nach Klasse 4 der Grundschule zementiert Bildungswege, bevor sich Begabungen überhaupt entfalten können. Die Folge ist eine soziale Selektion, die mit moderner Bildungspolitik überhaupt nichts zu tun hat. Während andere Länder längst auf längeres gemeinsames Lernen setzen, hält Baden-Württemberg an überholten Strukturen fest. Statt klarer Strategien gibt es seit Jahrzehnten nur halbherzige Reförmchen, die mehr Verwirrung als Verbesserung bringen.
Jede neue Anpassung scheint das System weiter zu verkomplizieren, anstatt es zu vereinfachen. Es ist Zeit, Mut für grundlegende Reformen aufzubringen. Thorsten Bohl von der Uni Tübingen hat zusammen mit Praktikern aus allen Schularten unter dem Dach der Robert Bosch Stiftung ein Konzept für eine neue Sekundarschule in Baden-Württemberg ausgearbeitet. Das Autorenteam schlägt ein zweigliedriges Schulsystem vor, das neben dem Gymnasium die „Neue Sekundarschule“ etabliert. Diese neue Schulart bündelt Hauptschule, Werkrealschule, Realschule sowie Gemeinschaftsschule – und vereinfacht damit das verästelte Schulsystem. Ein modernes Bildungssystem muss bildungsgerecht sein. Es muss individuelle Förderung ermöglichen, statt Kinder frühzeitig in Schubladen zu stecken.
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