Leserbriefe

Migration aus anderer Perspektive

Beate Steinhilber, Nürtingen. Zum Leitartikel „Abschreckung ist nicht human“ vom 24. April.

Dem Autor ist wichtig zu betonen, dass er keine „gruselige Science-Fiction“ beschreibt, sondern Szenarien, die bald Realität werden könnten, wenn das Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS) Mitte Juni in Kraft tritt. Mit seinem Leitartikel hat endlich einmal eine andere Perspektive Platz in der Zeitung gefunden. Er vertritt eine Haltung, die die Verschärfungen im Asylrecht kritisch beleuchtet und nicht in die Dauerschleife von Abschreckung und Abschiebung einstimmt. Stattdessen richtet er den Blick auf die Betroffenen und benennt mögliche Menschenrechtsverletzungen: Geflüchtete sollen in für sie völlig fremde Länder abgeschoben werden, wenn ihr Asylantrag abgelehnt wurde, das Herkunftsland sie jedoch nicht zurücknimmt. Haftähnliche Bedingungen an den EU-Außengrenzen, Sekundärmigrationszentren und Asylverfahrenshaft innerhalb Deutschlands könnten unter Umständen auch Familien und Kinder treffen und zur weiteren Entrechtung Geflüchteter beitragen.

Der äußerst kritische Blick des Autors richtet sich zudem auf uns – auf eine Gesellschaft, die auf Kosten anderer lebt, „reist, wohin sie will, und sich nimmt, was sie will“, und sich nicht scheut, „Produkte der krassesten Ausbeutung“ zu konsumieren. Diejenigen jedoch, deren Lebensgrundlagen zerstört werden, etwa weil europäische Trawler – auch unter deutscher Flagge – die Meere vor den Küsten Senegals oder Gambias leerfischen, halten wir uns „mehr oder weniger mit Gewalt vom Hals“. Ja, André Bochow hat Recht: Wir sollten uns immer wieder unserer Verantwortung bewusst werden, denn wir tragen Mitverantwortung für die globale soziale Ungleichheit.

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