Leserbriefe

Machtpoker und Empfindlichkeiten

Jürgen Merkle, Neuffen. Zum Artikel „CDU will an Macht partizipieren – Özdemir lehnt Doppelspitze ab“ vom 10. März.

Lifestyle-Teilzeit in der Villa Reitzenstein: Was die CDU nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg aufführt, ist nichts weniger als eine Verhöhnung des Souveräns. Trotz der Wahlniederlage gegen Cem Özdemir klammert sich Manuel Hagel mit einer beispiellosen Arroganz an einen vermeintlichen Regierungsauftrag. Wer als Zweiter durchs Ziel geht, hat verloren. So einfach ist Demokratie.

Doch die Union scheint jedes Schamgefühl verloren zu haben, wenn es um den Zugriff auf die Macht geht. Der Gipfel der politischen Dreistigkeit ist jedoch der Vorstoß von Jens Spahn, das Ministerpräsidentenamt wie eine warme Semmel zu teilen. Dass die CDU, die sonst bei jeder Gelegenheit gegen „Lifestyle-Linke“ und „Teilzeit-Träumereien“ wettert, nun aus purer Postengier das höchste Amt im Land zum Jobsharing-Modell degradiert, ist an Heuchelei nicht zu überbieten.

Dass Cem Özdemir diesen absurden Vorschlag schlicht als das bezeichnet, was er ist, nämlich „Quatsch“, ist die einzig angemessene Reaktion. Dass daraufhin Thomas Strobl wie eine beleidigte Leberwurst reagiert und die moralische Keule schwingt, setzt dem Ganzen die Krone auf. Anstatt die eigene Niederlage mit Anstand zu reflektieren, flüchtet sich der scheidende Innenminister in Mimosenhaftigkeit, weil die Wahrheit über Spahns taktische Spielchen schmerzt.

Baden-Württemberg ist kein Basar, auf dem man Staatsämter nach Gutsherrenart stückelt, nur damit Manuel Hagel am Ende doch noch ein Dienstwagen mit Standarte zusteht. Dieses Geplänkel beschädigt das Vertrauen in unsere Institutionen massiv. Wenn die Union nicht in der Lage ist, mit Würde in die Opposition zu gehen, offenbart sie ein gefährliches Verständnis von Verantwortung. Das Land braucht keine „Halbzeit-Lösung“ für Hagels Karriereplanung und keine beleidigten Reaktionen aus der CDU-Zentrale, sondern Respekt vor dem Wählerwillen.

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