Kai Hansen, Nürtingen. Zu Artikel „Schnauze voll von der rassistischen Doppelmoral...“ vom 26. September.
In zwei Bundesländern hat die AfD die meisten Stimmen, in Berlin hat die Linke mit über 27 Prozent den Wahlsieg geholt. Der Kanzler darf, eigentlich nur mangels Alternative weitermachen. Drei Schlagwörter füllen jetzt die Titelseiten im ganzen Land: Antisemitismus, Clankriminalität und Enteignung. Die Linke wird nicht regieren können, wenn sie nicht unmissverständlich die ersten beiden Themen in den eigenen Reihen ausschließt und dagegen konsequent ankämpft.
Eine Koalition, die nötig ist, um zu regieren, wird so jedenfalls nur mit Positionen möglich sein, die machbar und weiterführend sind. Fremdenfeindlicher Rassismus und Hass gegen unseren Rechtsstaat zählen dazu nicht. Das ist gut so. Zugleich muss man sich doch eingestehen, dass inzwischen zwei extreme Parteien, ganz links und ganz rechts, Wahlen gewinnen. Zugleich zerlegen die sogenannten Parteien der Mitte sich selbst gegenseitig. Die Gerechtigkeitslücke wächst und das fortgesetzte „Nur-wir-wissen-wie-es-geht“ steht da wie der nackte Kaiser. Das ist als Doppelmoral aufgefasst.
Es zeigt sich, dass der jüngere Teil der Bevölkerung und diejenigen, die schuften, aber von ihrer Arbeit die Miete und den Zahnersatz nicht mehr bezahlen können, wirklich nicht von satten Spitzenverdienern ständig gesagt bekommen möchten, sie seien zu bequem und würden das Wirtschaftssystem nur nicht richtig verstehen. Es ist gut, wenn Antisemitismus und Fremdenhass bekämpft werden. Unser Land lebt von Vielfalt und hat ein Rechtssystem, das muss respektiert und ausgehalten werden. Aber das kann nie und nimmer dazu hergenommen werden, mit politisch motivierten Empörungsaufwallungen von den brennenden Fehlentwicklungen, von notwendigen und grundlegenden Korrekturen abzulenken. Trotzdem ist jetzt erstmal die Linke dran, was nicht nur mit Berlin zu tun hat, sondern damit, ob der emotionale Dampf und der autoritäre Ton Oberhand gewinnt oder die Bemühung um Konsensfähigkeit.
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