Leserbriefe

Gutachten der sozialen Kälte

Jürgen Merkle, Neuffen. Zum Artikel „Ungesundes verteuern, Mitversicherung beenden“ vom 31. März.

Wenn im Gesundheitssystem das Geld knapp wird, ruft die Politik nach „Experten“. Nun hat die Kommission unter Wolfgang Greiner 66 Vorschläge vorgelegt – fast alle treffen Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmer und Familien. Die Arroganz der Eliten: Gut abgesicherte Professoren und Funktionäre, oft jenseits der Beitragsbemessungsgrenze oder im Beihilfesystem, erklären, das Krankengeld sei zu hoch. Wer künftig mit nur 65 Prozent seines Einkommens krank zu Hause bleiben muss, erlebt keine „Genesungsanreize“, sondern soziale Kälte in Reinform. Zweiklassenmedizin: Während Beschäftigte steigende Zusatzbeiträge schultern, bleibt die Beamten-Beihilfe tabu. Der Staat erstattet seinen Angehörigen 50 bis 70 Prozent der Krankheitskosten aus Steuermitteln. Warum zahlen sie nicht wie alle anderen in die gesetzliche Krankenversicherung ein?

PKV-Rosinenpickerei: Junge Privatversicherte profitieren von niedrigen Beiträgen und Chefarztbehandlung – doch wenn die Prämien im Alter explodieren, flüchten viele vor dem 55. Lebensjahr über Teilzeit oder Familienversicherung zurück in die Solidargemeinschaft. Diese Tricks kosten Milliarden, doch die „Experten“ schweigen. Angriff auf Familien: Für die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern soll künftig eine Pauschale von 225 Euro im Monat fällig werden. Während Kitas fehlen und Schulen auf Verschleiß laufen, werden Familien erneut zur Kasse gebeten. Ungerechte Grenzen: Die Beitragsbemessungsgrenze schützt Spitzenverdiener: Wer 10.000 Euro verdient, zahlt real nur rund 4,4 Prozent Beitrag – der Facharbeiter mit 4000 Euro jedoch den vollen Satz. Fazit: Wer die Mittelschicht schröpft und Privilegien für Beamte und Gutverdiener verteidigt, gefährdet den sozialen Frieden. Deutschland braucht endlich eine Bürgerversicherung für alle – solidarisch, gerecht und ohne Ausnahmen.

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