Jürgen Haußmann, Nürtingen.
Jeder Mensch weiß, was ein DIN‑A4‑Blatt ist. Ein Format, das seit Jahrzehnten normiert ist – und gerade deshalb unser Leben erleichtert. Im digitalen Alltag dagegen fehlt uns genau diese Selbstverständlichkeit. Zugänge zu Apps, Online‑Portalen und Behördenangeboten sind heute so unterschiedlich und kompliziert, dass viele Menschen daran scheitern. Als ehrenamtlicher digitaler Helfer im Stadtseniorenrat Nürtingen erlebe ich regelmäßig, wie groß die Verzweiflung ist.
Ältere Menschen, aber längst nicht nur sie, kämpfen mit Passwörtern, Sicherheitsabfragen, Benutzerkonten, App‑Layouts und ständig wechselnden Verfahren. Auch erfahrene Nutzerinnen und Nutzer geraten an Grenzen, weil jedes System eigene Regeln hat. Beispiele für solche Hürden sind Krankenkassen‑Apps (Registrierung, Identitätsprüfung, PIN‑Briefe, TAN‑Verfahren), elektronische Patientenakte (verschiedene Apps, unterschiedliche Bedienlogik, komplizierte Freigaben), Telekom‑App und Kundenzugänge (Passwortregeln, mehrstufige Sicherheit), E‑Mail‑Konten (Provider‑Spezifika, Einstellungen, Wiederherstellungsprozesse). Was eigentlich helfen soll, wird zur Hürde.
Dabei zeigt die Geschichte: Normen und Standards wurden immer dann eingeführt, wenn Vielfalt zu Chaos führte. Ob Papierformate, Steckdosen oder Verkehrsschilder – Einheitlichkeit schafft Sicherheit und Teilhabe. Genau das brauchen wir jetzt auch im digitalen Raum: einheitliche, verständliche und barrierearme Standards für digitale Zugänge, damit alle Bevölkerungsgruppen teilnehmen können – unabhängig von Alter, Bildung oder technischer Erfahrung. Wenn Verantwortliche in Politik, Verwaltung und Wirtschaft hier nicht gemeinsam handeln, riskieren wir, dass sich immer mehr Menschen in der digitalen Vielfalt verlieren und verzweifeln. Digitale Teilhabe darf kein Zufall sein, sondern muss ein gesellschaftlicher Anspruch werden.
Leserbriefe | 30.09.2026 - 05:00
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Leserbriefe | 30.09.2026 - 05:00
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