Leserbriefe

Die unvollständige Aufarbeitung

Hartmut Wirsching, Beuren. Zum Artikel „Vernichtungskrieger und Profiteure von ,Arisierungen‘“ vom 16. Mai.

Der Beitrag von Reiner Ruf zeigt wieder einmal in erschreckender Weise, wie unzählige ehemalige Nationalsozialisten und SS-Schergen nach 1945 Karriere in Politik, Wirtschaft und Justiz machen konnten. Bernt Engelmann dokumentierte schon in seinem Tatsachenroman „Großes Bundesverdienstkreuz“, das 1974 erschien, die Verstrickung hochrangiger Wirtschaftsgrößen und Politiker in Verbrechen wie Arisierung, Zwangsarbeit und Korruption. Gewiss stand das Land damals vor einem gewaltigen Neuanfang. Dennoch bleibt die Tatsache bedrückend, dass die Entnazifizierung oft oberflächlich blieb und vielfach mehr Wert auf schnellen Wiederaufbau als auf konsequente Aufarbeitung gelegt wurde.

Für die Opfer des NS-Regimes und ihre Angehörigen muss es ein bitteres Signal gewesen sein, ehemalige Täter oder Mitverantwortliche wieder in Machtpositionen zu sehen, wie den früheren Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Hans Karl Filbinger (CDU), der als NSDAP-Mitglied und ehemaliger Marinerichter an vier Todesurteilen beteiligt war. Besonders problematisch war die Situation in der Justiz. Das Bundesjustizministerium hat dies im Rahmen der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit umfassend dokumentiert.

Wer zuvor Gesetze eines Unrechtsstaates mitgetragen oder weggesehen hatte, entschied später erneut über Recht und Gerechtigkeit in einer Demokratie. Das hinterließ tiefe Zweifel an der Glaubwürdigkeit des demokratischen Neubeginns. Gerade deshalb darf diese Geschichte nicht relativiert oder verdrängt werden. Eine demokratische Gesellschaft muss bereit sein, sich auch den unbequemen Kapiteln ihrer Vergangenheit ehrlich zu stellen. Erinnerungskultur bedeutet nicht Schuldzuweisung an spätere Generationen, sondern Verantwortung für historische Wahrheit und demokratische Wachsamkeit.

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