Leserbriefe

Börsenboom und soziale Realität

Kai Hansen, Nürtingen. Zum Artikel „Völlig losgelöst von der Weltpolitik“ vom 8. Januar.

Mit dem schönen Wort vom „Traumstart“ der Börsennotierung des deutschen DAX bei 25.000 Punkten ins Jahr 2026 benennt der Kommentator M. Schiermeyer mit Recht eine „Entkoppelung des Börsentreibens von der Geopolitik“. Er spricht von einer „scheinbaren Perversion“, wenn gleichzeitig die Wirtschaft „in Sack und Asche“ geht. Nicht fehlen darf der Hinweis auf die Drohkulisse Trump‘scher Politik, mit der er Anleger zur Vorsicht mahnt. Was nun politische Perversion angeht, muss doch das Kursieren von immer größeren Milliardensummen in wenigen Händen, ohne Maß noch Ziel, bei gleichzeitig leeren Staatskassen benannt werden. Man muss hinweisen auf die Versechsfachung der Anlegereinlagen in Weizen nach Beginn des Ukrainekriegs. Die fünf größten Agrarhandelskonzerne konnten ihre Gewinne verdreifachen.

Gleichzeitig stieg die Zahl hungernder Menschen nach dem Überfall auf die Ukraine millionenfach. Nicht Knappheit, sondern die Preissteigerungen waren nachweislich der Auslöser. Die Lebensmittelpreise sind zwischen Januar 2020 und Oktober 2025 um 36,1 Prozent angestiegen. In Deutschland teilen sich vier Lebensmittelkonzerne 88 Prozent des Marktes, sie bestimmen die Preise. Verpflichtet sind sie ihren Anlegern, die Gewinnausschüttungen verlangen. Die Leidtragenden sind vor allem Landwirte und Konsumenten, die durch die schiere Marktmacht die Preise aufgenötigt bekommen. Es wird davon abgelenkt, wenn man über „Hauptgegner“ wie die Grünen pöbelt oder über den in der Tat schrecklich ignoranten Trump jammert.

Dabei agiert das ganze perverse System ruinös, rücksichtslos und brutal. Letztlich gilt das auch für den Staat und die Kommunen, die das tragende Miteinander im Gleichgewicht halten sollen. Keine KI kann dieses Treiben aufhalten, keine der politischen Parteien; das können nur die Bürger, indem sie ein umsichtiges, verantwortliches und waches Verhältnis zu Gewinn und Verlust in allem Tun und Lassen wählen, statt sich spalterischem Geschrei und Fingerzeigen auf Sündenböcke hinzugeben.

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