Gesundheit im Alltag

Erste Hilfe bei schwerer allergischer Reaktion – Nürtinger Notfallmediziner gibt lebensrettende Tipps

Anaphylaktischer Schock: Was bei einer lebensbedrohlichen allergischen Reaktion sofort zu tun ist, erklärt Dr. Heiner Stäudle, Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin an der Medius-Klinik Nürtingen.

NÜRTINGEN. Plötzliche Atemnot, Hautrötungen, Herzrasen – ein anaphylaktischer Schock ist ein akuter Notfall, der innerhalb von Minuten lebensbedrohlich werden kann. Doch viele Menschen wissen nicht, wie sie in einer solchen Situation richtig reagieren sollen. Dieser Artikel informiert dazu, wie man Anzeichen erkennen, schnell handeln und mit einfachen Maßnahmen Leben retten kann.
Dr. Heiner Stäudle, Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin an der Medius-Klinik Nürtingen, erklärt, worauf es ankommt und wie man sich und seine Liebsten schützt.

Was ist eine Anaphylaxie?

„Eine Anaphylaxie ist eine Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems auf körperfremde Substanzen. Das heißt, das Immunsystem reagiert auf eigentlich harmlose Stoffe, die es fälschlicherweise als gefährlich einstuft“, erklärt Chefarzt Dr. Heiner Stäudle. „Diese Reaktion kann plötzlich und heftig einsetzen und führt dazu, dass sich Blutgefäße erweitern und durchlässig werden, sodass Flüssigkeit ins umliegende Gewebe austritt. Außerdem verengen sich die Bronchien, was das Atmen erschwert. Kurz gesagt: Das kann sehr schnell lebensbedrohlich werden.“ Typische Auslöser sind Insektengifte und Medikamente bei Erwachsenen, bei Kindern vor allem bestimmte Nahrungsmittel.

Wie erkenne ich eine Anaphylaxie?

Häufig zeigen sich Hautrötungen, Quaddeln oder Juckreiz. Aber Achtung: „Bis zu 20 Prozent aller Fälle verlaufen ohne Hautsymptome“, so Dr. Stäudle. Weitere wichtige Warnzeichen sind Schwellungen im Hals- oder Rachenbereich, Verengung der Atemwege, Atemnot, starker Blutdruckabfall, Herzrasen oder unregelmäßiger Herzschlag. Auch Beschwerden wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sowie Kopfschmerzen können auftreten. Besonders kritisch wird es aber, wenn die betroffene Person das Bewusstsein verliert oder Krampfanfälle bekommt – dann ist sofortige medizinische Hilfe lebenswichtig.

Das ist wichtig: sofort handeln!

Der wichtigste Schritt bei einer Anaphylaxie ist die schnelle Gabe von Adrenalin, das Leben retten kann. „Adrenalin ist das zentrale Medikament in der Akuttherapie“, erklärt Dr. Stäudle. „Es wirkt gezielt gegen die Hauptprobleme bei einer Anaphylaxie: die Erweiterung der Blutgefäße, die Verengung der Atemwege und den gefährlichen Blutdruckabfall.“
Wer zur Risikogruppe für schwere Allergische Reaktionen gehört, kann von seinem Arzt oder seiner Ärztin ein sogenanntes „Notfallset“ verschrieben bekommen. Dies enthält auch einen Adrenalin-Autoinjektor, der von Laien sicher eingesetzt werden kann. Die Gabe erfolgt intramuskulär, das heißt durch eine Injektion in den Oberschenkelmuskel. Diese Anwendung ist sicher und sollte keine Angst machen. „Viele Menschen zögern, den Adrenalin-Autoinjektor zu benutzen, aus Sorge vor Nebenwirkungen“, so Dr. Stäudle. „Doch diese Zurückhaltung ist unbegründet. Durch die langsame und gleichmäßige Aufnahme aus dem Muskel besteht praktisch keine Gefahr einer Überdosierung.“ „Im Notfall gilt: Warten Sie nicht ab, sondern handeln Sie sofort und setzen Sie die Adrenalin-Injektion ein. Damit erhöhen Sie Ihre Überlebenschancen deutlich,“ betont Dr. Stäudle.

So verwenden Sie den Adrenalin-Autoinjektor richtig

  • 1. Sicherheitskappe entfernen
  • 2. Spitze an die Mitte des Oberschenkels halten
  • 3. Auslösen – ein Klick zeigt die Injektion an
  • 4. Autoinjektor anschließend mindestens 10 Sekunden lang gedrückt halten
  • 5. Einstichstelle leicht massieren
  • 6. Notruf 112 wählen, auch wenn sich die Beschwerden verbessern
  • 7. Person flach lagern, Beine hoch – bei Bewusstlosigkeit in stabile Seitenlage bringen

Beachten Sie aber: Ein einmal ausgelöster Autoinjektor kann nicht erneut verwendet werden. Falls sich der Zustand verschlechtert oder keine Besserung eintritt, sollte nach spätestens zehn Minuten eine zweite Injektion mit einem zusätzlichen Autoinjektor erfolgen.

Was ist danach zu tun?

Auch bei Besserung ist eine ärztliche Überwachung nötig – idealerweise acht Stunden, da bis zu 20 Prozent der Betroffenen eine sogenannte Zweitreaktion erleiden können. Patienten mit Allergierisiko sollten ein Notfallset mit zwei Adrenalin-Autoinjektoren bei sich tragen und im Umgang damit geschult werden.

Weitere Medikamente wie Antihistaminika oder Kortison sind keine Alternative

Antihistaminika und Kortison können bei einer allergischen Reaktion unterstützend wirken, nehmen in der akuten Notfallsituation jedoch keine vorrangige Rolle ein, da ihre Wirkung erst verzögert einsetzt – häufig erst nach 30 Minuten oder später. Diese Medikamente sind eine Ergänzung im direkten Anschluss an die Notfalltherapie. Sie dürfen aber niemals die sofortige und lebensrettende Gabe von Adrenalin verzögern und können diese auch nicht ersetzen.

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