Gesundheit im Alltag
Allergien auf dem Vormarsch: Experte der Medius-Klinik Nürtingen erklärt Ursachen und Prävention
Warum Allergien heute häufiger auftreten und welche Maßnahmen schützen können, erklärt Patrick Weinmann-Linne, Oberarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin an der Medius-Klinik Nürtingen.
NÜRTINGEN. Laut dem Robert Koch-Institut zeigen große Bevölkerungsstudien, dass immer mehr Menschen in Deutschland unter Allergien leiden. Ob Pollen, bestimmte Nahrungsmittel oder Tierhaare: Die Zahl der Betroffenen steigt kontinuierlich. Doch warum ist das so? Fachleute vermuten, dass dabei mehrere Faktoren eine Rolle spielen – zum Beispiel Umwelteinflüsse, unsere Lebensweise oder auch genetische Veranlagungen.
Aber was genau löst Allergien aus? Und was kann man tun, um das Immunsystem zu stärken und vorzubeugen? Patrick Weinmann-Linne, Oberarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin an der Medius-Klinik Nürtingen, erklärt, welche Ursachen zur Zunahme von Allergien führen können und welche Möglichkeiten es gibt, sich wirksam zu schützen und das Immunsystem zu stärken.
Warum nehmen Allergien immer weiter zu?
Die Zunahme allergischer Erkrankungen lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen, sondern gilt als multifaktoriell bedingt. Zu den wesentlichen Einflussfaktoren zählen:
1. Weniger Mikrobenkontakt (Hygiene- und Mikrobiom-Hypothese)
In industrialisierten Ländern wachsen Kinder heute mit weniger Kontakt zu natürlichen Mikroorganismen auf, etwa durch geringere Naturverbundenheit, weniger Tierkontakt und häufigen Einsatz von Desinfektionsmitteln. Auch Antibiotika werden oft früh und regelmäßig verabreicht. Dies kann die Entwicklung eines ausgewogenen Immunsystems beeinträchtigen, weil der Kontakt zu hilfreichen Mikroorganismen fehlt.
„Kinder, die in sehr keimarmen Umgebungen aufwachsen, entwickeln häufiger Allergien, weil ihr Immunsystem nicht ausreichend trainiert wird“, erklärt Patrick Weinmann-Linne. „Der reduzierte Kontakt mit Mikroben in der frühen Kindheit kann die Entwicklung des Immunsystems aus dem Gleichgewicht bringen – und dazu führen, dass es später auf eigentlich harmlose Stoffe wie Pollen oder Tierhaare überreagiert.“
2. Umweltbelastungen
Luftschadstoffe wie Feinstaub und Abgase reizen die Atemwege und können die Schutzbarriere der Schleimhäute schwächen, wodurch Allergene leichter eindringen können. Besonders in Städten ist das Risiko für Allergien erhöht – sowohl durch die direkte Wirkung dieser Schadstoffe als auch durch ihre Auswirkungen auf das Immunsystem.
3. Klimawandel
Steigende Temperaturen und erhöhte CO₂-Konzentrationen führen zu einer verlängerten Blühperiode vieler Pflanzen. Die Folge: verlängerte Pollensaisons, höhere Pollenmengen und damit mehr Beschwerden und Sensibilisierungen bei Allergikern.
„Der Klimawandel verschärft das Problem der Pollenallergien“, so Weinmann-Linne. „Längere Pollensaisons bedeuten längere Leidenszeiten für Betroffene und auch eine höhere Belastung für das Gesundheitssystem.“
4. Veränderungen des Lebensstils
Veränderte Ernährungsgewohnheiten – etwa der häufige Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel – sowie weniger Bewegung, Stress und häufige Antibiotikagaben können das Gleichgewicht der Darmflora stören. Das schwächt die Fähigkeit des Immunsystems, richtig zu reagieren.
Wer ist besonders gefährdet?
Vor allem Kinder mit familiärer Vorbelastung, Stadtbewohner und Menschen mit geschwächtem Immunsystem haben ein höheres Risiko. Doch auch Erwachsene können im Laufe des Lebens Allergien entwickeln – häufig begünstigt durch Umweltbelastungen oder individuelle Faktoren wie hormonelle Umstellungen, Infektionen oder Medikamenteneinnahme.
Was hilft – und kann vorgebeugt werden?
Eine vollständige Verhinderung allergischer Erkrankungen ist bislang nicht möglich. Dennoch gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass bestimmte Maßnahmen insbesondere in den ersten Lebensjahren das Risiko für die Entwicklung von Allergien reduzieren können:
- Förderung der natürlichen Immunabwehr bei Säuglingen, beispielsweise durch Stillen und eine ausgewogene, möglichst natürliche Ernährung
- Frühzeitige Einführung potenziell allergener Lebensmittel wie Fisch, Ei oder Nüssen im Rahmen der Beikosteinführung – idealerweise unter ärztlicher Begleitung, insbesondere bei Kindern mit erhöhtem Allergierisiko
- Regelmäßiger Aufenthalt im Freien und Kontakt zu Tieren, um den Kontakt mit unterschiedlichen Mikroorganismen zu fördern
- Vermeidung von Passivrauchen, insbesondere während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren
- Einschränkung unnötiger Antibiotikagaben, um das Gleichgewicht des Darmmikrobioms nicht zu beeinträchtigen
- Eine ausgewogene Ernährung, ausreichende körperliche Aktivität sowie erholsamer Schlaf unterstützen zusätzlich die Funktion des Immunsystems
Wichtig zu wissen: Diese Tipps können das Allergierisiko für viele Menschen senken, bieten aber keinen hundertprozentigen Schutz für jeden Einzelnen.
„Viele dieser Maßnahmen klingen einfach, aber sie können gerade in den ersten Lebensjahren entscheidend sein“, erklärt Patrick Weinmann-Linne. „Wer früh auf einen gesunden Lebensstil achtet, kann das Allergierisiko nachhaltig senken.“
Diagnostik und Therapie
Prick-Test
Zur sicheren Diagnose von Allergien wird häufig der Prick-Test eingesetzt: Dabei werden verschiedene Allergene in kleinen Mengen mittels leichter Hautpunktion aufgetragen. Wenn das Immunsystem gegen einen dieser Stoffe überempfindlich ist, reagiert die Haut an der Einstichstelle innerhalb von etwa 15 bis 20 Minuten mit einer Rötung und Quaddelbildung – ähnlich einem Mückenstich. Anhand dieser Reaktion können Ärzte genau feststellen, auf welche Allergene der Körper reagiert.
Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie)
Bei nachgewiesenen Allergien – insbesondere gegen Pollen oder Insektengifte – ist eine Hyposensibilisierung eine etablierte und kausal wirksame Therapieform. Über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren werden dem Körper regelmäßig kleine Mengen des Allergens zugeführt, um eine Toleranz zu entwickeln.
„Frühe Diagnose und Therapie sind entscheidend, um Komplikationen zu vermeiden“, so Weinmann-Linne abschließend. Generell gilt: Ein gesundes Immunsystem braucht vielfältige Reize und Herausforderungen, um sich entwickeln zu können. Der Kontakt mit natürlichen Mikroorganismen – etwa durch Spielen im Freien, Tierkontakte oder eine vielfältige Ernährung – kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Übertriebene Hygiene im Alltag, insbesondere im Kindesalter, kann diesen Prozess negativ beeinflussen. Gleichzeitig sind eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Allergien wichtig, um schwerwiegende Folgeerkrankungen wie allergisches Asthma zu vermeiden.
Wichtige Tipps:
Wann zum Arzt – und wann ist es ein Notfall?
Hausärztliche Vorstellung empfohlen:
• bei wiederkehrenden, aber nicht bedrohlichen Symptomen wie:
- Niesen, tränende Augen, verstopfte Nase, Husten, besonders saisonal
- Hautausschläge oder leichter Juckreiz nach Kontakt mit bekannten Allergenen
- leichte Magen-Darm-Beschwerden nach bestimmten Lebensmitteln
• bei unklaren Beschwerden, die sich über Tage oder Wochen hinziehen, aber keine akute Verschlechterung zeigen
• als erste Abklärung bei familiärer Allergiebelastung, um Risiken früh zu erkennen
Akuter Notfall – sofortiger Handlungsbedarf (Notruf 112):
• plötzliche, schwere allergische Reaktionen (Anaphylaxie) mit einem oder mehreren der folgenden Symptome:
- Atemnot, pfeifende oder stark erschwerte Atmung
- Schwellungen von Gesicht, Lippen, Zunge oder Hals, die das Atmen oder Schlucken erschweren
- Engegefühl oder Schmerzen in der Brust
- starker Hautausschlag, großflächige Quaddeln oder Blutdruckabfall (Schwindel, Bewusstlosigkeit)
- Kreislaufprobleme, Herzrasen oder Verwirrtheit nach Insektenstichen oder dem Verzehr von Lebensmitteln
• Symptome treten schnell auf und verschlechtern sich rasch. Deshalb nicht warten, sondern sofort den Notarzt rufen!
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