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„Weggefährten“‑Projekt der Medius‑Klinik Nürtingen im Kampf gegen das Delir

Eine speziell geschulte Gruppe ehrenamtlicher Delir‑Begleiter unterstützt in der Medius‑Klinik Nürtingen gefährdete Patienten. Infos zum Projekt und zur Prävention gibt es am 11. März. Anlässlich des Welt-Delir-Tags lädt die Medius-Klinik Nürtingen von 10 bis 16 Uhr ein.

NÜRTINGEN. Ein Delir ist eine akute, meist vorübergehende Erkrankung des Gehirns, die zu Verwirrtheit, Wahrnehmungsstörungen und einer verminderten Aufmerksamkeit führt. Besonders ältere Menschen sind betroffen, aber auch Jüngere können es bekommen. Häufig tritt ein solches Delir bei schweren Infekten oder im Rahmen von Operationen auf und ist als Krankenhaus-Delir bekannt.

Früher wurde es als harmloses „Durchgangssyndrom“ angesehen, doch heute weiß man, dass ein Delir eine ernsthafte Komplikation im Krankenhaus darstellt. Es kann mit längeren Krankenhausaufenthalten, mehr Komplikationen und höherer Sterblichkeit verbunden sein.

Nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Angehörigen und die Pflegekräfte werden dadurch vor große Herausforderungen gestellt. Vorbeugung, frühzeitige Erkennung und gezielte Behandlung eines Delirs sowie innovative Projekte wie die „Weggefährten“ an den Medius-Kliniken können das Risiko für Patienten minimieren.

Was ist Delir?

„Ein Delir ist mehr als nur ein vorübergehender Verwirrtheitszustand – es ist eine ernst zu nehmende Störung, die mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden ist“, erklärt Dr. Silke Leonhardt, Sektionsleitung Neurogeriatrie der Klinik für Innere Medizin und Altersmedizin an der Medius-Klinik Nürtingen und Leitung des Delir-Teams. Ein Delir zeigt sich durch einen plötzlichen Verlust der Orientierung, eine Minderung der Aufmerksamkeit und Schwankungen des Bewusstseins. Betroffene haben häufig Schwierigkeiten, sich an Zeit, Ort und Personen zu erinnern, und berichten oft von verzerrter Wahrnehmung, Halluzinationen oder Wahnvorstellungen. Diese akuten Symptome können auch das Verhalten der Patienten erheblich beeinträchtigen.

Besonders bei älteren Menschen, vor allem, wenn schon länger kognitive Einschränkungen bestehen, werden die Symptome des Delirs häufig nicht sofort erkannt. Dies kann zu einer Verzögerung der Diagnose und einer verspäteten Einleitung der Behandlung führen, was den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen kann. Dr. Leonhardt betont: „Die frühzeitige Identifikation und Behandlung von Patienten mit einem Delir ist von entscheidender Bedeutung, um Komplikationen und langfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen zu vermeiden.“

Risikofaktoren und Auslöser eines Delirs

Ein Delir kann durch viele verschiedene Faktoren ausgelöst werden. Häufig zeigt sich ein Delir bei Patienten, die demenziell oder körperlich vorerkrankt sind und bereits verschiedene Medikamente einnehmen müssen.

Auslöser für ein akutes Delir sind oft:

  • Infektionen (zum Beispiel Harnwegsinfektionen oder Pneumonien)
  • Akute Schmerzereignisse, wie ein Knochenbruch oder ein notwendiger chirurgischer Eingriff
  • Veränderungen des vertrauten Umfelds, etwa nach einer Operation oder auf der Intensivstation.

„Ein wesentlicher Risikofaktor ist der Krankenhausaufenthalt selbst. Die ungewohnte Umgebung, der Verlust der gewohnten Tagesstruktur und auch körperliche Belastungen können das Auftreten eines Delirs begünstigen“, erklärt Dr. Leonhardt.

Diagnostik und Behandlung eines Delirs

„Wir verfolgen einen integrativen Ansatz zur Diagnostik und Behandlung eines Delirs. Dabei berücksichtigen wir sowohl medizinische als auch psychosoziale Aspekte. Dazu haben die Medius-Kliniken ein spezielles Delir-Team ins Leben gerufen, das alle Maßnahmen koordiniert“, erklärt Dr. Leonhardt. Entscheidend ist dabei die gemeinsame Betreuung von Delir-Patienten im interdisziplinären Team. Hier arbeiten Mediziner, Pflegekräfte, Therapeuten, Sozialdienst, Psychologen und die Seelsorge Hand in Hand.

Das Ziel ist, den Patienten Orientierung und Sicherheit zu geben. Maßnahmen umfassen unter anderem:

  • Orientierungshilfen und Bewegung: Alltagsgegenstände wie Uhren und Kalender sowie die Anwesenheit von vertrauten Personen helfen Patienten, ihre Orientierung zu behalten. Von großer Bedeutung sind die Mobilisation und die Unterstützung bei ihrer Alltagsaktivität.
  • Ruhe und Sicherheit: Eine ruhige, vertraute Umgebung und sinnvolle Beschäftigung sind entscheidend, um die Symptome zu stabilisieren.
  • Persönliche Begleitung: Manchmal kann auch eine beruhigende Ansprache oder das Einhalten vertrauter Rituale den Heilungsprozess unterstützen. Dabei spielen der enge Kontakt zu den Angehörigen und deren Unterstützung eine zentrale Rolle.

„Die frühzeitige Behandlung und der enge Kontakt zwischen Ärzten, Pflegekräften und den Angehörigen sind entscheidend, um den Verlauf des Delirs positiv zu beeinflussen und Langzeitfolgen zu vermeiden“, betont Dr. Leonhardt.

Prävention eines Delirs

Durch gezielte Maßnahmen kann das Risiko eines Delirs deutlich reduziert werden. Zu den wesentlichen präventiven Strategien gehören:

  • Frühzeitige Erkennung: Regelmäßige Tests zur Orientierung und Aufmerksamkeit sowie eine sorgfältige Beobachtung möglicher Symptome ermöglichen eine frühzeitige Diagnose. • Optimierung der Medikation: Der Einsatz delirverstärkender Medikamente (beispielsweise bestimmte Antibiotika) soll vermieden und die Medikation an die individuellen Bedürfnisse des Patienten angepasst werden.
  • Förderung der Mobilität: Frühzeitiges Aufstehen und Mobilisation helfen, Bettlägerigkeit zu verhindern und die körperliche Aktivität zu erhalten. Wenn erforderlich, erhält der Patient dafür angemessene Schmerzmedikamente.
  • Schaffung einer vertrauten Umgebung: Vertraute Gesichter und eine klare Tagesstruktur fördern die Orientierung und schaffen ein Gefühl der Sicherheit.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Ernährung: Eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme und ausgewogene Ernährung sind entscheidend, da Dehydration und Mangelernährung die Delir-Symptome verstärken können.

Dr. Leonhardt betont: „Prävention und Linderung von Delir-Symptomen sind ein gemeinsames Ziel von allen am Behandlungsverlauf Beteiligten, insbesondere von Ärzten, Pflegepersonal und Angehörigen. Es ist von größter Bedeutung, dass alle zusammenarbeiten, um das Risiko und die Folgen eines Delirs zu minimieren.“

Klinikspezifische Initiative – Die „Weggefährten“ im Delir-Team

Ein besonders innovatives Projekt zur Unterstützung von Delir-Patienten ist das „Weggefährten“-Projekt, das im letzten Jahr in der Medius-Klinik Nürtingen ins Leben gerufen wurde. „Die Weggefährten sind ein wunderbares Beispiel dafür, wie wir auf der medizinischen und der menschlichen Ebene unterstützen können“, erklärt Dr. Leonhardt. Unter der Leitung von Nadja Muhr wurden zwölf sogenannte Grüne Damen und Herren, Mitglieder des ehrenamtlichen Besuchsdienstes, speziell als Delir-Begleiter ausgebildet. Sie unterstützen Patienten, die delirgefährdet oder vom Delir betroffen sind. Sie fördern durch persönliche Gespräche, Orientierungshilfen und Alltagsbeschäftigung das Wohlbefinden der Patienten und tragen so aktiv zur Prävention oder Linderung der Delir-Symptome bei.

„Die Nähe und der Kontakt zu den Weggefährten sind für unsere Patienten sehr wertvoll“, so Dr. Leonhardt. „Oft ist es einfach der Moment, an dem jemand freundlich an die Tür klopft, der den Unterschied macht.“ Das Projekt wird von Lia Chimonidou, ausgebildete MFA und Physician-Assistant-Studentin in der Neurogeriatrie, betreut.

Aktionstag zum Welt-Delir-Tag 2026

Am 11. März 2026 lädt die Medius-Klinik von 10 bis 16 Uhr zum Welt-Delir-Tag ein. Hier werden die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Delir präsentiert, aber auch ganz praktische Tipps zur Prävention und Behandlung vermittelt. „Der Aktionstag ist eine hervorragende Gelegenheit, um das Bewusstsein für Delir zu schärfen und aktiv etwas gegen die häufige Unterschätzung dieser Erkrankung zu tun“, sagt Dr. Leonhardt. „Wir möchten zeigen, wie Patienten und Angehörige sich auf einen Krankenhausaufenthalt vorbereiten können, wie wichtig es ist, ein Delir frühzeitig zu erkennen, und welche Maßnahmen wir ergreifen, um unsere Patienten bestmöglich zu betreuen.“ Die Veranstaltung umfasst Vorträge zum Thema Delir. Besucher können das Delir-Team der Medius-Klinik Nürtingen und die „Weggefährten“ persönlich kennenlernen und mit dem gesamten Team zur Prävention und Behandlung eines Delirs ins Gespräch kommen.

Fazit:

Ein Delir ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die jedoch bei frühzeitiger Erkennung und durch gezielte Präventionsmaßnahmen gut behandelt und sogar verhindert werden kann.

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