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Wer die Êzîden sind und wie sie in Nürtingen leben

Yildiz Deniz ist Integrationsbeauftragte der Stadt Nürtingen und gehört der Religionsgemeinschaft der Êzîden an. Am Freitag, 16. Februar, spricht sie in der Glashalle des Rathauses über Êzîdisches Leben vor und nach dem Genozid 2014.

Yildiz Deniz und Wolfgang Altenpohl beim Redaktionsbesuch. Foto: Ralf Just

NÜRTINGEN. Yildiz Deniz kommt gemeinsam mit Wolfgang Altenpohl von Amnesty International Nürtingen zum Redaktionsbesuch. Deniz engagiert sich in der Ortsgruppe vom Amnesty. So entstand die Idee, gemeinsam einen Vortrag über Êzîden zu veranstalten. Denn nur wenig ist hierzulande bekannt über diese Religionsgemeinschaft. Es beginnt bereits mit dem Namen: Heißen sie nun Jesiden, Yeziden oder Êzîden? Yildiz Deniz bevorzugt Êzîden, das ist die Bezeichnung und Schreibweise in Kurmandschi, der Muttersprache der meisten Êzîden. Beim Vortrag steht ihr die Ärztin Gisela Penteker vom Flüchtlingsrat Niedersachsen zur Seite, die im Hauptsiedlungsgebiet der Êzîden gearbeitet hat und Zeugnis davon geben wird, was den Menschen angetan wurde.

Frau Deniz, wer sind die Êzîden?

Die Êzîden kamen vielen erst durch den Völkermord 2014, verübt vom sogenannten „Islamischen Staat“, im Nordirak ins Bewusstsein. Im Jahr 2015 wurde deshalb ein Sonderkontingent von 1100 Frauen und Kindern aus der Shingal-Region in Baden-Württemberg aufgenommen. Es handelte sich um besonders vulnerable Personen mit einem hohen Risiko für die Entwicklung von Traumafolgestörungen, die hier behandelt wurden. Die Hauptsiedlungsgebiete der Êzîden liegen in Syrien, der Türkei und dem Irak. Die Êzîden heiraten nur untereinander. Es gibt ein strenges Endogamie-Gebot und keine Möglichkeit zum Êzîdentum zu konvertieren. Die friedliebende Religion hatte bislang in ihrer Geschichte nie Missionierungsbestrebungen. Damit verbunden erheben sie also keinen theologischen Absolutheitsanspruch.

Wie sieht die Glaubenspraxis im Êzîdentum aus?

Das Êzîdentum ist mindestens 3000 Jahre alt und enthält Elemente, die der persischen Ur-Religion und dem Zoroastrismus ähneln. Es ist im Gegensatz zum Judentum, dem Christentum oder dem Islam keine Buchreligion, alles wird mündlich überliefert. Wir glauben an einen Gott. Es gibt keine konkreten Gebetsstätten wie Kirchen, Moscheen oder Synagogen. Lalesh im Nordirak gilt als Heiligtum. Im Dezember gibt es eine Fastenzeit, der geheiligte Tag ist der Mittwoch. Es gibt eine Art Kastensystem mit einer weltlichen und zwei geistlichen Kasten. Geheiratet wird innerhalb einer Kaste. Das Kastenwesen ist für meine Begriffe nicht mehr zeitgemäß und geht vermutlich zurück auf die Zeit der Islamisierung. Bei vielen jungen Leuten in der Diaspora gibt es insgesamt betrachtet ein Wissens- und Informationsdefizit über den Glauben.

Wie ist die gegenwärtige Lage des Êzîdentums?

Schon allein die Frage der Endogamie und der Zerstreuung bringt uns an den Rand der Existenz. Darum stellen sich viele gerade die Frage, wie man das Êzîdentum ins 21. Jahrhundert bringen kann, ohne seinen Kern zu gefährden. Junge Êzîden befinden sich oft in einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Diese unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten lösen durchaus Generationenkonflikte aus, so zum Beispiel, wenn junge Leute sich für einen eigenen Lebensweg mit freier Partnerwahl entscheiden. Das kann für sie ein Problem werden.

Wie ist die Situation in Ihrer Familie?

Meine Eltern sind ganz anders aufgewachsen als meine Geschwister und ich. Das Kollektive, die dörfliche Gemeinschaft kann man in der Diaspora nicht leben. Wäre unsere Familie in der Türkei geblieben, hätte ich sicherlich nicht promoviert.

Das klingt auch nach einer Chance. Wie leben Êzîden jetzt?

Die einen betrachten die Diaspora als Chance zur Reformation, die anderen als Niedergang. Weltweit gibt es schätzungsweise eine Million Êzîden. Die Hälfte davon hat in der Region rund um Shingal im Nordirak gelebt. Davon sind nach dem Genozid von 2014 nur noch 300.000 Menschen im Nordirak übrig. Die meisten von ihnen leben unter prekären Bedingungen in Geflüchtetenlagern in Dohuk und Zakho im Irak, viele aber auch in den angrenzenden Nachbarländern. Viele sind schon früher ausgewandert, zum Beispiel im Zug der Anwerbeabkommen in den 1960er-Jahren. In Deutschland leben schätzungsweise 200.000 Êzîden. Die religiösen Vorschriften werden zunehmend verschriftlicht und das Êzîdentum institutionalisiert sich. Neben dem 2017 gegründeten Zentralrat der Êzîden in Deutschland gibt es noch weitere – durchaus konkurrierende – Verbände, die jeweils die Deutungshoheit über Êzîden und das Êzîdentum beanspruchen. In den Herkunftsländern wurden die Êzîden oft verfolgt, in den westlichen Ländern können sie ihre Religion frei leben. Doch die Identitätsfrage stellt sich neu und anders in der Diaspora.

Wie stellt sich diese Identitätsfrage?

Nach dem Völkermord 2014 gab es bei vielen eine stärkere Hinwendung zur êzîdischen Identität, auch im Westen. Die Menschen hatten in ihren Heimatländern zugeschriebene Rollen, dann kamen sie in pluralistisch, individualistisch und demokratisch verfasste Gesellschaften. Das hat sie verändert und das kann zu Reibungen führen.

Die Êzîden heiraten traditionell untereinander. Wie geht das, wenn sie über die ganze Welt verstreut leben?

Inzwischen leben Êzîden nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, in Kanada und Australien. In einem geschlossenen Siedlungsgebiet wie Shingal ist es einfach, die Traditionen zu wahren, das wird jetzt schwieriger. Das ist sicherlich einer der wesentlichen Faktoren, der dazu führen kann, dass es leider in vier bis fünf Generationen keine Êzîden mehr geben kann.

Wie ist das Verhältnis zu den Muslimen?

Es gab in der Vergangenheit unzählige Pogrome. Das 2014 reiht sich darin ein und war doch eine neue Eskalationsstufe. Da wurden Nachbarn zu Tätern. Aus der Betroffenenperspektive der Êzîden ist das Verhältnis von daher nicht unbelastet.

Woher kommen diese Vorurteile?

Die Êzîden sehen sich als eine der weltweit ältesten Religionsgemeinschaften, älter als alle Buchreligionen. Eine wichtige Rolle spielt Melek Taus, der Engel Pfau, das Oberhaupt der sieben Engel. Er soll die Vollendung der Welt auf Erden ausführen und ist Mittler zwischen Mensch und Gott. Das Böse an sich existiert nicht im êzîdischen Glauben. Einige Muslime aber setzen Melek Taus mit dem gefallenen Engel gleich und halten die Êzîden für Teufelsanbeter. Im islamischen Herrschaftsbereich hatten die anderen Buchreligionen, Judentum und Christentum, eine gewisse Daseinsberechtigung, den Êzîden wurde das abgesprochen. Ich verwende diesen Begriff an dieser Stelle gezwungenermaßen, um die Verfolgungsgeschichte der Êzîden nachvollziehbar zu machen.

Was müsste politisch geschehen, um die Lage der Êzîden zu verbessern?

Ich würde mir wünschen, dass weitere Menschen über Sonderkontingente in westliche Länder ausreisen dürfen. Viele Êzîden leben schwer traumatisiert in Flüchtlingslagern, die Suizidrate dort ist hoch. In Deutschland lag die Anerkennungsquote für êzîdische Asylsuchende einmal bei etwa 90 Prozent, jetzt sind es nur noch knapp 50 Prozent. Dabei hat der Bundestag erst im Januar 2023 die Verbrechen an den Êzîden 2014 als Genozid eingestuft. Shingal liegt immer noch in Schutt und Asche, die Region ist unbewohnbar. Die Menschen sind in dieser Region nach wie vor gefährdet. Es kann nicht sein, dass der Bundestag den Völkermord anerkennt und gleichzeitig die Menschen dorthin abgeschoben werden. Es gibt in einigen Bundesländern einen befristeten Abschiebestopp, der aber nur für Frauen und Kinder gilt. Mit der Anerkennung des Völkermordes an den Êzîden hat das Parlament unter anderem auch signalisiert, den Wiederaufbau der völlig zerstörten Shingal-Region voranzutreiben und eine sichere Rückkehr zu ermöglichen. Ich hoffe, dass diesen Worten Taten folgen. Denn auch das würde dazu beitragen, die Existenz der Êzîden zu sichern.

Der Vortrag „Êzîdisches Leben vor und nach dem Genozid 2014“ mit Yildiz Deniz und Gisela Penteker findet am Freitag, 16. Februar, 18.30 bis 20 Uhr in der Glashalle des Rathauses statt. Die Veranstaltung wird von der Islam-Theologin Aylin Gürcü moderiert. Der Eintritt ist frei. Näheres unter www.amnesty-nuertingen.de.

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