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Fußgänger und Radfahrer: Ist Platz für alle auf dem Nürtinger Stadtbalkon?

Auf der Nürtinger Flaniermeile sind Fußgänger und Radfahrer gleichermaßen willkommen, doch gibt es immer wieder Konflikte zwischen den Gruppen. Auch OB Fridrich kennt die Problematik. Braucht es strengere Regeln?

E-Roller-Fahrer, Radler und Fußgänger: Sie alle sollen auf dem Stadtbalkon Platz finden. Foto: Matthäus Klemke

NÜRTINGEN. Als sich am frühen Donnerstagabend die Sonne blicken lässt, füllt sich auch der Nürtinger Stadtbalkon allmählich. Fußgänger flanieren über die Alleenstraße und werden links und rechts immer wieder von Rad- und Rollerfahrern überholt. Radfahrer und Fußgänger sollen sich den Stadtbalkon teilen und Rücksicht aufeinander nehmen, so die Idee von Anfang an. Absteigen müssen Radler nicht, auch gibt es keine Fahrradspur. Lediglich die Schrittgeschwindigkeit ist vorgegeben. Darauf weisen Schilder an den Zugängen hin.

In der Realität hält sich kaum jemand an diese Vorgabe. Sowohl Radler als auch E-Roller-Fahrer sind zum Teil deutlich schneller unterwegs. „Aber es ist ja genügend Platz vorhanden“, sagt Karin Sigler-Simon, während sie am Donnerstag das Treiben auf dem Stadtbalkon beobachtet. Die Wendlingerin ist Vorstandsmitglied des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), Kreisverband Esslingen, und selbst schon häufig mit dem Rad auf dem Stadtbalkon unterwegs gewesen. Probleme zwischen Fußgängern und Radfahrern seien ihr noch nicht aufgefallen. „Allerdings war ich nie hier, als es wirklich voll war“, gibt Sigler-Simon zu.

Ärger entlädt sich in sozialen Medien

Auch am frühen Donnerstagabend kommen sich Fußgänger und Radfahrer nicht in die Quere, auch wenn die Radler zu schnell unterwegs sind. Doch gerade an warmen Sommerabenden oder bei Veranstaltungen wie dem „Staba and Sunset“ kann es auf der Promenade am Neckar schon mal eng werden. Wer dann partout nicht von seinem Drahtesel absteigen möchte, fährt mehr oder weniger Slalom um die Fußgänger herum. Der Ärger entlädt sich häufig in den sozialen Medien, in denen unter anderem gefordert wurde, die Radfahrer zum Absteigen zu zwingen oder Räder sogar ganz vom Stadtbalkon zu verbannen.

Von beiden Vorschlägen hält Karin Sigler-Simon recht wenig. „Für eine Stadt wie Nürtingen ist es wichtig, dass sich Radfahrer willkommen fühlen“, sagt die Expertin, die selbst kein Auto besitzt und überwiegend mit dem Rad unterwegs ist. Mix-Zonen wie der Nürtinger Stadtbalkon, die sich Fußgänger und Radfahrer gleichermaßen teilen, seien der richtige Weg. Wichtig sei ein „rücksichtsvolles Miteinander“.

Bessere Beschilderung am Stadtbalkon?

Sollte es wirklich vermehrt zu Konflikten zwischen beiden Gruppen kommen, könnte eine deutlichere Beschilderung Abhilfe leisten, sagt Sigler-Simon. „Die jetzige Beschilderung ist eher unauffällig.“ Die Stadt Aachen habe einen guten Weg gewählt. Dort wird mit Graffiti auf dem Asphalt für ein rücksichtsvolles Miteinander appelliert. „Interessant wäre es zu wissen, was die Gastronomen auf dem Stadtbalkon zu dem Thema sagen“, meint die Expertin.

In der Bar Now treffen wir zwei Mitarbeiterinnen und wollen von ihnen wissen, ob sie schon mitbekommen haben, dass es zu Problemen mit dem Radverkehr direkt vor ihrer Tür gekommen ist. Beide nicken synchron. „Es ist schon einige Male zu gefährlichen Situationen gekommen“, sagt eine von ihnen. „Das Problem ist, dass viele Radfahrer viel zu schnell unterwegs sind“, ergänzt ihre Kollegin. Fußgänger, die nicht ausweichen, werden zur Seite geklingelt. „Besonders für die Bedienungen, die draußen arbeiten, ist es nicht ungefährlich.“

Schilder weisen auf die Schrittgeschwindigkeit hin. Vor Kurzem wurden sie um humoristische Hinweise ergänzt. Foto: Matthäus Klemke

Leute nehmen Räder mit bis an den Tisch

Doch was tun, um die Situation zu verbessern? Eine richtige Lösung haben die beiden nicht. Verbannen sollte man die Radfahrer jedenfalls nicht vom Stadtbalkon, für die Gastronomie hier sind sie zu wichtig. „Vielleicht bräuchte es mehr Abstellmöglichkeiten für Fahrräder außerhalb des Stadtbalkons“, sagt eine der Mitarbeiterinnen. Dann gebe es vielleicht weniger Fahrräder auf der Promenade. Aktuell nehmen viele Leute ihre Räder mit bis an den Tisch. Eine Fahrradspur wäre fatal, sind sich die beiden einig: „Da würden dann alle noch schneller fahren“, sagt eine von ihnen. Ernsthaft Verletzte habe es bisher noch nicht gegeben. „Aber erst neulich ist nebenan ein Fahrradfahrer in einen Tisch reingefahren.“

Nebenan ist das mexikanische Restaurant Joe Peña’s. Mitarbeiter Lauritz Trippner bestätigt den Vorfall mit dem verunglückten Radfahrer. „Er ist einfach in den Tisch hineingefahren.“ Für die Mitarbeiter im Joe Peña’s sei die Situation besonders heikel, weil sie auch die Straße überqueren müssen, um Tische zu bedienen. Auch laut Trippner sei das größte Problem, dass sich die Radfahrer nicht an das Schritttempo halten. „Tagsüber geht es sogar noch. Aber abends halten sich viele Fahrradfahrer gar nicht mehr daran.“

Das bestätigen auch die Mitarbeiter des Restaurants Terrasse 14. „Das wird manchmal richtig gefährlich“, sagt Mitarbeiter Almameh Sanneh. „Vor allem, wenn hier Kinder spielen.“ Mehrere Kunden hätten sich bereits über rasende Radler beschwert.

OB Fridrich: Fahrrad-Raser sind weiterhin ein Problem

Das Thema ist nicht neu, weiß auch Nürtingens Oberbürgermeister Johannes Fridrich. Schon zu Anfangszeiten des Stadtbalkons sei das Miteinander von Fußgängern und Fahrradfahrern der größte Streitpunkt gewesen und wurde vielfach im Gemeinderat und bei Bürgerbeteiligungen diskutiert. „Und es ist der Punkt beim Stadtbalkon, der nach wie vor nicht so funktioniert, wie ich es mir vorstelle“, sagt Fridrich. Er wolle nichts beschönigen: „Das ist ein Thema, auf das ich immer wieder angesprochen werde.“ Schließlich beobachte er selbst immer wieder, wie Leute viel zu schnell über den Stadtbalkon fahren. „Das ist etwas, das mich auch persönlich sehr stört.“

Polizei soll verstärkt kontrollieren

Das Verhalten mancher Fahrradfahrer sei „einfach unverantwortlich und gefährlich“. Um an die Leute zu appellieren, habe die Stadt erst vor Kurzem zusätzliche Schilder angebracht. Zudem habe er vor wenigen Tagen ein Gespräch mit der Polizeistelle Nürtingen geführt und darum gebeten, die Einhaltung der Schrittgeschwindigkeit schärfer zu kontrollieren.

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